KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Dabei ist im tiefsten Grunde jeder Mensch ein Philosoph des Lebens, nicht bloß handelnd und praktisch in der Arbeit des Tages sich nach Grundsätzen betätigend, sondern auch ein, wenn auch noch so primitives Welt- und Lebensbild sich schaffend, das oft konventionell und von geringer Tiefe, doch theoretisch den Unterbau der gesamten Lebenshaltung ausrichtet. Denn der Mensch kann es nicht lassen, nach dem Ursprung und dem Ziel, dem Zusammenhang, Sinn und Wert alles Seins zu fragen und darauf zu antworten. Er ist eben ein eminent theoretisches Wesen, das denkende, nach-denkende, erkennende Wesen, und deshalb wird einst der letzte Mensch der letzte Philosoph sein. Wir leben im höchsten und letzten Sinne von der Philosophie, und die Philosophen sind stets die idealen Erzieher und Führer zum Ideal für die Menschheit gewesen. Nach dieser Auffassung sind die Religionsstifter die tiefen Philosophen, die nicht bloß das Leben der Tat regeln wollen, sondern auch theoretisch Antworten auf die letzten Daseinsfragen geben. Hier sehen wir schon im Ausgangs- und zugleich im Endpunkt die starke Berührung der beiden großen Mächte, die im Laufe der menschlichen Geistesgeschichte von kleineren Köpfen in einen gewaltsamen Gegensatz gebracht worden sind, während das Streben der großen Denker stets auf die innere Harmonisierung gerichtet war. Jedes philosophische Genie war im tiefsten Sinne religiös, und jeder große Religionsbegründer war ein Philosoph, der einen unerschöpflichen Blick in das innere Getriebe des Alls und der Seele getan hat, der Philosoph mehr theoretisch orientiert, der Religionsstifter mehr praktisch, jener stärker aristokratisch das reine Denken, dieser mehr volksmäßig das sittliche Handeln betonend. So ist die Philosophie eine dem menschlichen Geiste immanente Funktion, die in den verschiedenen Systemen Ausstrahlungen der ewigen Vernunft bildet. Von diesen nach persönlicher Anlage und dem jeweiligen Zeitbewußtsein differenzierten Auffassungsweisen gilt das Wort Schillers: Welche wohl bleibt von allen den Philosophien? Ich weiß nicht. Aber die Philosophie, hoff' ich, soll ewig bestehen. Nach dieser Verständigung über die Existenzberechtigung und den ewigen Eigenwert der Philosophie können wir der Gedankenwelt des Denkers gerecht werden, dessen 230. Todestag in der ganzen Kulturgemeinschaft Europas und Amerikas in diesen Wochen dadurch begangen worden ist, daß seine Ideen wieder stärker in das Bewußtsein der Menschen ausgenommen wurden. Seit einundeinhalb Jahrhunderten übt seine Philosophie und Persönlichkeit einen unwiderstehlichen Reiz auf die wissenschaftlichen und intellektuellen Kräfte der Kulturwelt aus. Immer wieder geht das Denken auf ihn zurück, weil seine Weltanschauung das reine Denken repräsentiert. Die reine, voraussetzungslose Vernunft, die selbstherrlich das All und den Menschen, die objektive Wirklichkeit und das subjektive Seelenleben ergreifen und im letzten Wesen verstehen will, ist in Spinoza verkörpert. Was nicht in das Denken eingeht, ist gleichsam nicht vorhanden. Der Triumph der Vernunft wird in seinem Hauptwerk, der „Ethik", gefeiert. Wir können mit unseren Gedanken nicht bloß in die Urgründe des Seins eindringen, sondern die Welt ist so, wie sie sich unserem Denken darbietet. Die Gesetze der Logik sind die Gesetze der Wirklichkeit. Denken und Sein ist dasselbe. Es taucht nicht der geringste Zweifel an der Allmacht der Vernunft auf. Wie der naive Mensch glaubt, daß die Welt in Wahrheit so beschaffen ist, wie sie Hm erscheint, so ist Spinoza überzeugt, daß es eine Welt des Scheins nicht gibt, sondern das Denken souverän die reale Wirklichkeit erfaßt. Subjekt und Objekt ist ein und dasselbe. Hier sind wir auf anderem Wege, als Spinoza ihn gegangen, aber durchaus in seiner Geistesrichtung an den Punkt gelangt, der der Zentralgedanke seines Systems wie aller Philosophie ist: zur Einheit alles Seins. Die Welt ist für den naiven Menschen eine unübersehbare, vielgestaltige Mannigfaltigkeit, die er. unter dem Sammelbegriff „Welt" zusammenfaßt. Was aber dieses Ganze in seinem Wesen bedeutet, was der Urgrund aller Dinge, das Ding an sich ist, ist für die Betrachtung des Durchschnittsmenschen eine müßige Frage. Es ist der Sinn der Wissenschaft, das Wesen der Wirklichkeit zu suchen, und sie ruht nicht eher und wird in aller Zukunft mit keiner Lösung sich begnügen, die nicht die innere Einheit und den innersten Zusammenhang des Weltganzen darbietet. Das Streben nach dem, was die Welt im tiefsten Grunde zusammenhäll, ist das Urproblem der Philosophie. Wenn irgend ein Denker, so ist Spinoza hier der vollendete Typus des Philosophen. Die Einheit ist die Wurzel und der Kern und das Ziel seiner gesamten Weltanschauung. Es gibt nur ein wahres Sein: die Substanz. Durch sie allein erklärt sich die Welt. Diese Substanz ist Gott, also ist Gott und Welt dasselbe. Damit hat Spinoza in letzter Konsequenz den Gedanken ausgesprochen, den frühere Denker nur schüchtern angedeutet, jedenfalls nicht bis zur höchsten Spitze emporgetrieben haben: den Pantheismus, die All-Eins-Lehre, die sich heute unter dem Namen Monismus zur wissenschaftlichen Ileberzeugung ausgeprägt hat. Alles ist Gott oder, wie Spinoza sagt: „Alles, was ist, ist in Gott, und nichts kann ohne Gott sein, noch begriffen werden." Dieser Gedanke