KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 43 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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43 bürgertums. Welches Volk hätte einen Kant, der bei aller seiner Originalität nur die volkstümliche Vollendung von Leibniz ist! And welches Volk hätte diese geistige Einheit von Dichterheroen, wie sie durch L e s s i n g und Herder, durch Schiller und Goethe unsere Geistesgeschichte lebendig macht! Welches Volk hätte überhaupt diese Einheit von klassischer Dichtung und Philosophie! Die deutschen Geister sind allesamt Propheten der Humanität. Cs geht wahrlich mit natürlichen Dingen zu, daß wir deutschen Juden uns einheitlich fühlen als Juden und als Deutsche. And die ausländischen Juden, deren religiöses Leben durch die in Deutschland wurzelnde Wissenschaft des Judentums befruchtet ist, sollten, und sie könnten das unbeschadet ihres politischen Rationalgefühls, diesen deutschen Mittelpunkt der sittlichen Kultur erkennen und achten und unter ihren Völkern trotz allen Teufeln der nationalen Eifersucht und Mißgunst zur Anerkennung zu bringen als ihre Kulturaufgabe erkennen lernen. In dieser unserer politischen Religiosität liegt nun unsere praktische Differenz von der zionistischen. Während der Zionist nur durch das volle, uneingeschränkte jüdische Volkstum das Judentum erhalten zu können glaubt, sind wir der entgegengesetzten Ansicht, daß durchaus nur das universell menschheitliche Judentum die jüdische Religion zu erhalten vermag. And alle Bitterkeit des Kampfes wird verständlich und entschuldbar aus dieser Differenz, die nicht nur etwa eine solche der Taktik ist. Beide Parteien glühen für unseren religiösen Fortbestand. Das will ich gern anerkennen. Für diesen aber fordere ich zwar unbedingt die Erhaltung der Rationalität, aber ebenso unbedingt fordere ich das Aufgehen in den modernen Nationalstaat. Sonst müßte ich fürchten, daß wir in den modernen Staaten untergingen. Das politische Aufgehen bedingt und sichert uns den religiösen Fortbestand. Cs ist zu beachten, daß Vuber den Gegensatz des jüdischen Volkstums zur messianischen Menschheit anerkennt. „In der messianischen Menschheit mag das Judentum dereinst aufgehen, mit ihr verschmelzen; nicht aber vermögen wir einzusehen, daß das jüdische Volk in der heutigen Menschheit untergehen müsse, damit die messianische erstehe." Das Sophisma tritt klar zutage. Daß hier die Sache nicht in Ordnung ist, verrät das Satzgefüge selbst: „vielmehr muß es eben darum mitten in ihr verharren, aber nicht als eine stetig abbröckelnde Raturtatsache im Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion". Daß zunächst die Rationalität keine „abbröckelnde Naturtatsache" ist, sondern,' wie fast alle Bedingtheiten der menschlichen Natur, vermöge ihres idealen Wertes, als eines geschichtlichen Faktors, fruchtbaren Bestand haben muß, ist nicht nochmals hervorzuheben. Was aber denkt sich mein Kritiker bei dem Satze, mit dem er das liberale Judentum neben der Naturtatsache durch den „Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion" zu charakterisieren beabsichtigt? Vielleicht verstehe ich diesen verschleierten Ausdruck nicht recht. Wie ich ihn aber verstehen muß, enthält er eine schwere Verdächtigung, die mit Entrüstung zurückgewiesen werden muß. Ansere Differenz nimmt hier einen aktuellen politischen Charakter an. Zum politischen Cinheitsgefühl fordere ich ferner ebenso unbedingt das Eingehen in die gesamte Kultur des Nationalgeistes. Ich lese den Faust nicht schlechthin als ein schönes Gedicht, sondern meine Liebe geht vor ihm auf, als zu einer deutschen Offenbarung. And so geht es mir ähnlich sogar bei Luther. And so bei M o z a r t und Beethoven. And etwa nicht auch ähnlich bei Stein und Bismarck? Ein Wort aus dem „offenen Briefe" muß ich hier ausdrücklich anziehen; sonst bleibe ich lieber in der positiven eigenen Darlegung. Erst in Palästina werde sich der Versuch, das Judentum zu erhalten, erfüllen; „denn jeder wahrhafte Zionist ist auch im innerlichsten Sinn unter» weg s". Mit diesem einen Worte allein ist unsere ganze Kultur-Differenz gekennzeichnet. Der Zionist ist unterwegs. Wir aber wollen durchaus überall nur daheim sein und immer mehr uns heimisch machen. Auch mit unserer Religion sind wir daheim in der menschheitlichen Welt, und daher geschichtlich vorzugsweise in der deutschen Welt. Palästina ist nicht nur etwa das Land unserer Vater, sondern vollends das Land unserer Propheten, der idealen Stiftungsvollender unserer Religion. And so ist uns das heilige Land vielmehr nur als das Land unseres ewigen Heiligtums. Aber wie unsere religiöse Gegenwart vielmehr immer nur und immer mehr die Zukunft ist, so ist die sittliche Welt in ihrer geschichtliches: Entwicklung unser eigentliches gelobtes Land. And wenn irgendwo Klassizität und Romantik sich wefenhaft scheiden, so hier. Der klassische Begriff unserer' Religion geht auf die Zukunft der Menschheit, nicht auf die Vergangenheit eines Stammes, dessen Heiligkeit in seiner weltgeschichtlichen Idee besteht, nicht aber an einem geographischen Ort gebunden ist. Für uns wohnt Gott, wie für den Psalm, „in den Lobgesängen Israels". Diese sollen aber nicht nur in alle Welt erklingen, sondern wir selbst wollen die echten Voten bleiben, die sie in ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit über die Welt verbreiten. Cs verdient Beachtung, wie dieser moderne Schriftsteller mit den biblischen Gleichnissen operiert, wo den neuen Problemen der Religion und des Staates gegenüber die strengste ethische Begrifflichkeit angestrebt werden muß. Die mesfia-