KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 39 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Lande selbst, geschweige in Babylonien, die aramäische Vergsprache annahmen. Dennoch aber darf uns die hebräische Sprache keine lote Sprache sein. Sie ist die Sprache unseres Gebetes, und unserer hauptsächlichsten Gebete in den klassischen Texten, welche „die Männer der großen Synagoge" verfaßt haben, müffen wir verstehen lernen, müssen sie in der Ursprache in unsren Gei st und in unser Gemüt aufnehmen. Hier müssen wir dem Zionismus den Rang ablaufen. Unsere Zeit redet viel von Psychologie und Pädagogik. Man muß es nun endlich einsehen lernen, daß wir ästhetische Kulturmenschen, die wir sind, nicht widerstandslos der christlichen Kunst und Poesie uns hingeben dürfen, die nicht allein vom neuen Testamente aus, sondern auch mit ihrer christlichen Uebersetzung unserer alten Bibel den ursprünglichen Sinn und Geist des hebräischen Gedankens modelt und meistert. Wir dürfen daher unzweifelhaft innerhalb unserer religiösen Welt einer ästhetischen Gegenkraft gegen die Weltmacht des christlichen Gedankens und ästhetischen Gefühls. Sage man doch ja nicht etwa, daß ein solcher Aufruf zur jüdischen Selbständigkeit und Ursprünglichkeit im ästhetischen Bewußtsein ein Kampfruf sei oder gar, daß er uns des einheitlichen Bewußtseins für die ästhetische Kultur berauben könnte. Was die Wahrheit fordert und fördert, ist vielmehr immer ein Friedenswerk. Die Selbständigkeit unserer Bibel in ihrer Ursprünglichkeit, die ihre Erfüllung für uns nicht im neuen Testament findet, — sie ist und sie bleibt die Parole des Judentums. Die Wissenschaft in ihrem alten Umfang ist nur abhanden gekommen. Die religiöse Bildung aber, die nach den einfachsten Elementen der Psychologie auf den Grund - texten unseres Glaubens beruht, diese elementare Sprachbildung lebendiger Religiosität darf uns nicht verloren gehen. So viel Hebräisch muß demgemäß jeder gebildete Jude sich anzueignen bestreben, daß er die wichtigsten Gebete mit der ganzen poetischen Kraft der Ursprache zum tiefsten Schatze seines Gemütes macht. Ja, meine lieben Freunde, wenn wir den Zionismus überwinden, wenn wir als Deutsche Juden, als Juden Deutsche bleiben wollen, so müsien wir unser Verhältnis zum Judentum ebenso befestigen und vertiefen, wie das zum Deutschtum. Und wer das deutsche Wesen und die deutsche Geschichte recht versteht, der kann es ja gar nicht bezweifeln, daß auch das Deutschtum die wahrhafte jüdische Religiosität vom deutschen Juden fordert. Cs ist ja leider ein verhängnisvolles Vorurteil bei uns, daß auch der Christ seine Religion verloren hätte. Das ist falsch und ein gefährlicher Irrtum. Dev Christ, der den Kirchenglauben preisgibt, hält um so selbstbewußter fest an der Ansicht von der reinen Lehre Christi. Wie viele unter uns Juden aber verteidigen ihr Judentum eigentlich nur als Dissidenten. Daher macht die Regierung häufig den Fehler, sich nur an die Orthodoxen zu halten. Wir werden auch als Menschen und als deutsche Menschen erst dann recht und aufrichtig geachtet werden, wenn unsere jüdische Religiosität in ihrer ganzen Lauterkeit, Kulturkraft und menschlichen Innigkeit unzweifelhaft zur Anerkennung im Bewußtsein des christlichen Mitbürgers gelangt. Liebe Kommilitonen, lernet es doch immer mehr begreifen und beherzigen, daß wir eine Religion der sittlichen Wahrheit haben, die daher nicht nur eine Vergangenheit von Jahrtausenden mit ihren Literaturschätzen geborgen hat, sondern die im Gedanken des einzigen Gottes die Grundlage der Religion der Zukunft ist, der ewigen Religion der Menschheit. n.*) Antwort auf das offene Schreiben des Herrn Dr. Martin Buber an Hermann Cohen.**) Als ich auf den Wunsch der K.C.-Vlätter einging, unsere Kommilitonen über den Zionismus zu orientieren, hatte ich die persönliche Gefahr wohl vorausgesehen, die bei meinem vorgerückten Alter und der positiven Arbeit, die mir noch obliegt, über mich hereindroht durch die Polemik, der ich bei unserer Notlage ich mich nicht würde entziehen können. Meine Gegner haben mir nun aber diese Gefahr erleichtert, indem sie den Kampf gegen mich nicht allein auf mein Judentum, sondern gegen meine Philosophie richteten. Schon die Ueberschrift, die dem offenen Brief an mich gegeben wurde ^.Begriffe und Wirklichkeit" bekundet diese Absicht. Meine Begriffe sollen als leere Abstraktionen, die der Wirklichkeit nicht gewachsen seien, nachgewiesen werden. Vollends äufgedeckt wird diese Tendenz aber durch die „Bemerkungen über Hermann Cohen", welche dasselbe Heft des „Juden" enthält. In diesen Bemerkungen wird nichts Geringeres versucht, als ein Todesstoß gegen mein System der Philosophie, das in einer Fälschung Kants seine Grundlage habe. Durch eine stümperhafte Entstellung eines der schwierigsten Probleme, nämlich des Gegebenen, wird ebenfalls mein Verhältnis zur Wirklichkeit als ein tendenziöser Irrtum bezeichnet. So werde ich durch diese Gegner von vornherein wehrlos gemacht. Denn wenn ich in populären Worten es könnte, würde ich es verachten, auf Angriffe solchen Kalibers mich herabzulassen. Der jüdischen Öffentlichkeit gegenüber aber ist es *) 'Aus K. C.-Blätter Krieqsausgabe Rr. 12. **) Martin Buber: „Begriffe und Wirklichkeit. Brief an Äerrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Lermann Cohen". Der Jude. Lest 5 1916.