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KC-Blätter · 1926-07-01 · Heft 3 (Juli 1926) · p. Seite 37

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 3 (Juli 1926)
Date
1926-07-01
Page
Seite 37 (sequence 11)
Language
German
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37 schen und sozialen Sitten, gemäß dem Grundsätze der modernen Kultur, dem Prinzip der Gewissenfreiheit und der gegenseitigen Achtung der Konfessionen, mit seiner ganzen religiösen wie patriotischen Seele erhofft, der glaubenstreue Jude, der sein Vaterland liebt, wie seine Religion, und seine Religion liebt, wie sein Vaterland — denn Treue bildet die Einheit seines Wissens —, dieser Schwärmer wird vom Zionismus verspottet und verachtet. Cr ist schlechterdings ein Feigling und ein Heuchler; denn er wuchert nur mit patriotischen Redensarten, während er in seinem innersten Herzen kein anderes Vaterland fühle als das gelobte Land, in dem man jetzt wieder für Milch und Honig den Anbau besorgt. So wird das gesamte nichtzionistische Judentum zur Schadenfreude - aller Judenfeinde der inneren Anwahrhaftigkeit geziehen. And dieser Vorwurf trifft ebenso die Religiosi. tät, wie die politische Gesinnung. Denn was wäre Religiosität anderes als Rationalgefühl? Mer das jüdische Rationalgefühl verleugnet, der hat sich damit zugleich der Religiosität abgesprochen. Das ist aber eben das Problem, um dessen Recht gestritten wird. Diesen Cinwand läßt der Zionist nicht gelten. Was ist denn etwa sonst noch Religion? Die Speisegesetze und den größten Teil des Ritualismus hält ja der liberale Jude erst recht nicht. Mithin werde auch hierdurch bewiesen, daß er keine Religion hat. And der' judenfeindlichen Welt wird es verkündet: der liberale Jude hat keine Religion. Richtig! sagt der Antisemit, er will ja auch nur die Weltherrschaft erobern. Das Amsichgreifen des Zionismus ist daher auch keineswegs ausschließlich seiner nationalistischen Werbekraft zuzuschreiben, sondern er profitiert hier mit der Politik einer sozialen Koalition von der Feindschaft der Orthodoxie gegen den Liberalismus. And auch die Orthodoxie verschmäht den Gewinn nicht, der ihr aus solcher unnatürlichen Koalition erwächst. Die Verbindung ist unnatürlich, denn Vertreter des Zionismus haben es oft genug ausgesprochen, und ihre schöne Literatur strotzt von diesem Zynismus: daß die pantheistische Weltanschauung über die Religion eines jenseitigen Gottes erhaben ist. Aber die jüdische Rasse trage in ihrer Lebenskraft das Merkmal der Heiligkeit . an sich. Eine solche Lebenskraft stelle ein mystisches Moment dar — und was wäre alle Religion anderes^als Mystik? Wenn nun der Zionismus Religion und Rationalität gleichsetzt, so erheben wir zunächst den Einspruch, daß wir Nichtzionisten keineswegs die Religion außer Verbindung setzen mit der Rationalität. Wir setzen nur beide nicht identisch, sondern machen die Nationalität zu einem anthropologischen Mittel für die Fortpflanzung der Religion. Hierdurch wird auch den anderen Religionen gegenüber die Toleranz bewahrt, die wir selber beanspruchen. Die Familie ist die Wiege der Religion. Die Religion begründet nicht einen Kogitantenbund, sondern in die Familie senkt sich ihre Wurzel, und aus der Familie zieht sie ihre Sprößlinge. So ist die Rationalität die naturgemäße Bedingung und Grundlage für den Fortbestand der Religion. Indessen ebenso wenig, wie zwischen Religion und Rationalität, besteht auch Identität zwischen Staat und Rationalität. Diese Einsicht hat der große Weltkrieg verbreitet. Man hat Jahrzehnte hindurch an dem österreichischen Staate verzweifelt, weil er so viele Rationen, wie man sagt, in sich vereinigt. Die Terminologie muß hier verändert werden. Nicht Nationen vereinigt der Staat, sondern Nationalitäten. Der Staat erst stiftet und begründet die eine Nation, mit der er sich gleichsetzt. Aber diese eine, durch den Staat definierte Nation kann viele Nationalitäten in sich vereinigen. Diese geschichtliche Einsicht muß sich jeder Antisemit jetzt gefallen lassen, und er spottet seiner selbst nur, seines eigenen Nationalstaates, wenn er uns deutsche Juden wegen unserer fortbestehenden jüdischen Nationalität die Zugehörigkeit zur deutschen Nation, zum deutschen Nationalstaats absprechen will. Die Nationalitätsfrage haben wir sonach dem Zionismus gegenüber hier erledigt, sofern er uns der Annatürlichkeit und Anaufrichtigkeit unseres Nationalgefühls bezichtigt. Jetzt drehen wir aber den Spieß um und fragen ihn selbst: ob er mit klarem Bewußtsein die jüdische Natton, im Anterschied von der jüdischen Rationalität, zu seinem Panier macht. Nur wenn er grundsätzlich und ausnahmslos den jüdischen Staat erstrebt, hätte er ein Recht, von der jüdischen Nation und nicht, wie wir, von der jüdischen Nationalität zu sprechen. Ich mische mich nicht in den Streit um Losungsworte und Diskussionen darüber, wenn das gedankliche Prinzip für das Losungswort falsch ist. Solange dort die Losung besteht, eine „öffentliche Heimstätte" für die Juden zu gründen, ohne daß die Einschränkung hinzugefügt wird: für diejenigen Juden, die annoch einer solchen entbehren, — kann ich für den Zionismus keinen wahrhaftigen politischen Grund anerkennen, muß vielmehr eine Kränkung für das Vaterlandsgefühl derjenigen Juden in jener Losung finden, die in ihrem Vaterlands ihrem politischen Bewußtsein und Gefühle nach eine Heimstätte besitzen. And die Zweideutigkeit dieser Losung macht den ganzen Zionismus für mich zu einer schier unbegreiflichen Anwahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist jedoch die menschliche

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