KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 36 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Fassen wir unsere Ausführungen zu den völkischen Lehren von Recht und Staat in deren Auswirkungen für Deutschlands Zukunft zusammen, so sehen wir: Sie würden uns, wenn verwirklicht, in überwundene Stufen kulturgeschichtlicher Perioden zurückwerfen. Sie würden uns unter den Völkern der Erde isolieren und jeden Weg zum Wiederaufstieg Deutschlands als gleichberechtigter Macht unter den Weltmächten für alle Zeiten versperren. Nur wenn wir, eingedenk der Lehren der Geschichte, den Gemeinschaftsgedanken nach innen und außen betonen, alle kulturbildenden Kräfte im deutschen Volksstaat zusammenfassen, können wir auf eine Neubelebung unseres Vaterlandes hoffen. Nur dann, wenn die Uneinigkeit der Parteien, Klassen und Konfessionen in den Grund ftagen staatlichen Zusammenlebens einmal aufhört, wenn der deutsche Gemeinschaftsgedanke der inneren Zerrissenheit Deutschlands, die auch seine Kraft nach außen lähmt, ein Ende macht, wenn Florian Geyers Worte wahr werden: „Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz!" Zionismus und Religion. Ein Wort an meine Kommilitonen jüdischen Glaubens. Von Geheimen Oberregierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen.7) I.-) Sie fordern mich dringend auf, daß ich, der ich grundsätzlicher Gegner des Duells und mein ganzes Akademisches Leben hindurch auch der schlagenden Verbindungen gewesen bin, nicht nur überhaupt für Ihre Blätter, sondern über den Zionismus schreiben soll. Wenn ich nun Ihrer Aufforderung Folge leiste, so möchte ich vorher aussprechen, daß es mir nicht leicht fällt, eine über die ganze Iudenheit sich verbreitende jüdische Partei in Herausforderung anzugreifen. Ich habe liebe Freunde unter ihnen und bin gern überzeugt, daß unzählig viele es gut und ernst mit dieser Sache meinen, und daß sie von der Liebe zum Judentum beseelt sind. Bisher bin ich daher auch nur indirekt ihnen entgegengetreten durch die Aussprache meiner eigenen Ansichten. Nur einmal habe ich, um verdiente Glaubensgenossen nicht im Stiche zu lassen, mit denen ich in der Arbeit für das Judentum verbunden bin und die dabei in ihrer Ehre angegriffen wurden, für eine öffentliche Erklärung meine Unterschrift nicht versagt, und ich ziehe sie nicht *) Vorbemerkung der Schriftleitung: Die folgenden beiden Aufsätze erschienen zuerst in den Nr. 11 und 12 der Kriegsausgabe der K. C.-Blätter. Wir beabsichtigen ihrem Nachdruck eine Reihe anderer leider verschollener grundlegender Aufsätze auS, alten K. C.-Blättern folgen zu lassen. **) K. C.-Blätter'Kriegsausgabe Nr. 11. zurück^ wenngleich jene Politiker alsbald wieder mit ihren Angreifern sich vertrugen. Aber die publizistische Polemik ist nicht meine Sache. Mein Handwerk ist die Wissenschaft. Und für geistige Fragen ist und bleibt das beste Kampfmittel die positive Darlegung des gedanklichen Gegensatzes. Sie allein wahrt dem geistigen Kampfe die erforderliche - Sachlichkeit, die der direkte Angriff nur sehr schwer behaupten kann, und wenn man noch so sehr über die persönlichen Angriffe hinwegzufehen beflissen ist, denen der Kämpfer für das religiöse Judentum des deutschen Juden im Lager des Zionismus ausgesetzt ist. Mit Recht sagen Sie aber, die Gefahr werde jetzt immer größer und immer aktueller, da der Krieg der internationalen Spannung ein unbeschränktes Recht, eine Weihe gibt. Wenn nun auf jüdischer Seite diese Steigerung des deutschen Nationalgefühls nicht in ihrer natürlichen Berechtigung zur Durchführung des schweren Kampfes erkannt und mitgefühlt wird, wenn hingegen unter uns immer noch nur die Besorgnis laut wird, der Antisemitismus nehme immer mehr zu — anstatt, daß man in dieser Not des Vaterlandes gar keinen Sinn haben sollte für jene Reibungen und Empfindlichkeiten —, so wird dadurch das unklare, aber mächtige Gefühl aufgestachelt, aus dem der Zionismus seine Nahrung zieht. Alle Assimilation sei doch offenbar vergeblich, daher sei der Zionismus die einzige Zuflucht, die dem Juden sein Selbstgefühl und Selbstbewußtsein zu schützen vermag. Wenn nur die Kehrseite nicht wäre, die sich schon in der bereitwilligen Anerkennung so vieler Nichtjuden, nicht nur der Antisemiten, geltend macht. Man prahlt mit der Weckung des jüdischen Gefühls, die der Zionismus bewirkt habe. Man beachtet aber leider die Kehrseite nicht. Mit den Antisemiten sagen allerdings auch viele Juden, die in ihrer religiösen Gesinnung keinen Widerspruch haben gegen die nicht so bald verschwindenden Rückständigkeiten: Der Zionismus hat ganz recht. Die Gojim (d. h. die Völker, nicht etwa die Heiden; auch Israel wird als Goj in der Bibel bezeichnet) ändern ihr Verhältnis zu uns nicht. Die Fremdheit, um nicht mehr zu sagen, hört niemals auf zwischen Christen und Juden. Meine Kinder sollen aber dieses Anglücksgefühl nicht mehr in sich zu tragen haben, daher sollen sie Christen werden. So erzeugt der Zionismus eine feinere Empfindsamkeit für die sonst übliche Treulosigkeit des jüdischen Abfalls: an Stelle des Reserveleutnants tritt nunmehr die zarte Empfindlichkeit für die nationale Differenz, deren Milderung man für unmöglich annimmt. And der tteue Jude, der mit seinen Kindern im deutschen Vaterlands zu verbleiben wünscht, und der in geschichtlichem Idealismus und Optimismus eine Besserung der politi-