KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 35 (sequence 9)
- Language
- German
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35 hat das englische Staatsrecht einen ähnlichen Siegeszug durch die Welt gehalten, wie einst das römische Privatrecht." (Lreitschk e.) Daß Wahlen auch ein falsches Bild der Volks« Meinung geben können, daß ein Volk verwirrt und irregeführt werden kann, beweist nur, daß Demokratie kein Schutzmittel gegen Dummheit ist. Aber das Line zeigt die Geschichte Englands, daß eine hochentwickelte Volksvertretung den Staatswagen immer wieder in das richtige Gleis zu bringen vermag. Aus diesem Wege ist England zur Weltmacht geworden. Es ist nach dem geschichtlichen Verlauf verkehrt, zu behaupten, all dies gelte gerade nur für England. Damit ist natürlich nichts gegen eine Verbesserungsfähigkeit des deutschen Parlamentarismus ausgesagt. Ansätze., zur parlamentarischen Regierungsform finden sich übrigens in den ältesten Zeiten der Geschichte. Oberster Grundsatz solcher Gesetze ist die Gleichheit aller Menschen unter Ausgleich der Gegensätze. Auch Treitschke, ein Gegner der Demokratie für Deutschland, nennt die Demokratie die gemeinverständlichste und volksbeliebteste Staatsform. Nach ihm wurzelt die nur halbwahre Gleichheitsidee tief in der menschlichen Natur. Darüber aber kann, wie wir betonen, kein Zweifel sein, daß die demokratische Staatsform die höchsten Anforderungen an den Einzelnen und an die Staatsleitung stellt. Der Rembrandt-Deutsche sagt: „Die demokratische Bewegung der Neuzeit hat mit dem amerikanischen Befreiungskämpfe des vorigen Jahrhunderts begonnen und nachträglich auch auf Deutschland ihre Schatten geworfen." Man hat der deutschen Republik vorgeworfen, daß sie einer ideenlosen Revolution entstamme, daß kein schöpferischer Akt des ganzen Volkes, sondern jüdischer Geist sie geboren , habe (Blüher). Die weltgeschichtliche Entwicklung, die wir nur in größten Zügen geben konnten, zeigt, wie die deutsche Republik im Rahmen der europäischen Staatsentwicklung entstand und entstehen mußte. Durch den Weltkrieg mit seinem tragischen Ausgang für Deutschland kam sie für uns zu unglücklicher Stunde. Der Obrigkeitsstaat hatte versagt, der Volksstaat trat an seine Stelle. Es ist eine lediglich gefühlsmäßige Beeinflussung bei vielen Deutschen, daß sie der Republik und der Demokratie feindlich gegenüberstehen, weil beider Entstehung in Deutschland zusammenfiel mit dem Zusammenbruch des Jahres 1918. Der Historiker Mein ecke sagt: „Die Revolution war in erster Linie ein Ereignis militärischpolitischer Natur.... erst in zweiter Linie war sie ein Ergebnis der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung." Und auch die Tatsache gibt zu denken, daß die drei Großmächte, die sich im Jahre 1815 als „Heilige Allianz" gegen die Macht der Demokratie zu schützen gedachten, am Ende des Weltkrieges als Republiken dastanden. So waren es weltgeschichtliche Einflüsse von ungeheurer Kraft, die zur deutschen Republik gefürt haben. Schlagworte wie „Judenstaat" und „Iudenrepublik" werden solange auf die unwissende Menge ihren Einfluß nicht verfehlen, als, nicht Aufklärung ihre Wirkung auch in diese Kreise trägt oder, womit wir erneut aus die gefühlsmäßige Einstellung kommen, Deutschlands Weltstellung wieder errungen ist. Freilich wird es immer Menschen geben, die sich nicht belehren lassen wollen. „Die Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Uebelstande zur Schlachtbank zu führen", rügt Nietzsche als „eine fast in allen jetzigen Nationen überhandnehmende literarische Unart, und zwar je mehr diese sich wieder national gebärden." (Menschliches Allzumenschliches I, 475.) Was nun den sogen. Ständestaat betrifft, den die Völkischen für Deutschland erstreben, so war er schon das Ideal von Planck, Frantz und Lagarde in den siebziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts. (Vergl. meine Abhandlung „Die Staatsauffassung der Vorkämpfer Mitteleuropas" in Nord und Süd 1918, S. 240.) Aber die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß der Ständestaat eine längst überwundene Form der Staatsbildung ist. Freilich sind ständische Traditionen in Deutschland geschichtlich begründet. Aber diese Staatsform ist, wie Treitschke sagt, „kein Heil für die Völker und am wenigsten für unser Vaterland gewesen". Es war die absolute Monarchie, die in Deutschland nach schweren Kämpfen den mittelalterlichen Ständestaat mit seinem Dualismus zwischen Staat und Ständen überwand und so den modernenEinheitsstaat erschuf.Nachdem die absolute Monarchie, die sich im Römertum ausgebildet hatte, diese weltgeschichtliche Aufgabe erfüllt hatte, zeigte sich das Streben des Volkes, selbst an der Staatsverwaltung teilzuzunehmen. Auf diese Weise entstand fast überall in Deutschland (1848) eine wirkliche Vertretung des ganzen Volkes (Repräsentativverfassung) an Stelle der ständischen, immer eigene Interessen betonenden Vertretungen. In diesem Zusammenhänge ist an das Wort König Friedrich Wilhelm I. zu erinnern, der den preußischen Ständen gegenüber „seine Souveränität wie einen roeber cle bronre stabilierte". So wendet sich auch hier der wirkliche Geschichtsverlauf gegen das Endergebnis völkischer Staatsauffassung für Deutschland. Er zeigt uns auch, daß auf den Ständestaat nicht das germanische Volkskönigtum gefolgt ist, was den Vertretern des germanischen Volkskönigs-Gedankens entgegenzuhalten ist.