KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 2 (April 1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Die Mische Kolonisation in UnMand.*) Von Iustizrat Dr. Blau,. Frankfurt a. M. Will man einen Ueberblick über die heutige jüdische Kolonisation in Rußland gewinnen, so muß man auf ihre Anfänge zurückgehen. Im Jahre 1804 erließ Kaiser Alexander der Erste ein Gesetz, das den Juden gestattete, was ihnen bis dahin nicht erlaubt war, Land zu kaufen oder zu pachten, um sich darauf landwirtschaftlich zu betätigen, Es war der russischen Regierung damals -Ernst mit ihrem Plan: denn nicht nur versprach sie den Juden, die sich der Landwirtschaft widmen wollten, eine Reihe von Privilegien, wie die Befreiung von Steuern und vom Militär; dienst; sie gewahrte auch einen Kredit von 300 000 Rubel, einer für die damalige Zeit sehr beträchtlichen Summe, für die Niederlassung von Juden auf freien Ländeteien in den neuerworbenen Gebieten, in den. Gouvernements Kherson und Ekaterinoslaw. Damals ließen sich 600 jüdische Familien mit 3640 Seelen aus diesen Ländereien nieder und begründeten im Jahre 1806 die ersten,, noch Heute bestehenden Kolonien Bobrovy-Kout, Seidenmenucha und Rahartov. Weitere jüdische Kolonien wurden erst wieder im Jahre 1835 unter der Regierung Nikolaus des Ersten gegründet, welcher in den genannten Gouvernements die sogenannten Nikolai'schen Soldaten ansiedelte, junge Juden, die, als Kinder ihren Eltern geraubt, zu Soldaten erzogen worden waren und 25 Jahre im russischen Heere gedient hatten. In dieser Zeit ist der größte Teil der jüdischen Kolonien in den Gouvernements Kherson und 'Ekaterinoslaw entstanden. Die Nachfolger des Zaren Nikolaus wiederum standen der Ansiedelung von Juden auf dem Lande feindlich gegenüber. Nichtsdestoweniger hat sich in den verschiedenen Ortschaften der alten Ansiedlungszone, der sogenannten Czerta, eine landwirtschaftliche Bevölkerung seßhaft gemacht. So befanden sich nach dem von der Jca im Jahre 1904 veröffentlichten statistischen Material in ganz Rußland, von Polen abgesehen, 296 jüdische landwirtschaftliche Zentren mit 10550 Betrieben, die eine Fläche von nahezu 100000 *) Das Problem der jüdischen Siedlung in Rußland war in den letzten Monaten ein Gegenstand des schärfsten Kampfes der jüdischen Richtungen namentlich in Deutschland. Wir bringen zu einer objektiven Information über diese Frage — deren Bedeutung sich schon daraus ergibt, daß die hier zur Ansiedlung gelangende Zahl von Juden bei weitem höher ist als die in Palästina 'zur Landwirtschaft geführten Familien — einen dem Gemeindeblatt der jüd. Gemeinde Frankfurt a. M, entnommenen Aufsatz. Zu dem Problem werden wir in anderem Zusammenhang noch Stellung nehmen. Hektaren einnahmen und eine landwirtschaftliche Bevölkerung von 63942 Seelen zählten. » Mit dem Eintritt der Baron Hirsch-Gesellschaft, der Jca, in die jüdische Arbeit in Rußland beginnt eine neue Aera in der Entwicklung der jüdischen Kolonien. Die Hilfe der Jca trug nicht den Charakter der reinen Wohltätigkeit, sondern den eines bedeutenden sozialen, möglichst nach geschäftlichen Prinzipien geleisteten Hilfswerks, das mit den 1890er Jahren einsetzt, vorübergehend - durch Krieg und Revolution unterbrochen und seit 1922 wieder von ihr ausgenommen ist. Das landwirtschaftliche Hilfswerk der Jca bestand vor dem Kriege in erster Linie darin, die Kolonisten mit dem notwendigen Inventar zu versehen sowie die Anwendung ausgewählten Saatguts und modernster und bester landwirtschaftlicher Geräte zu propagieren und die Milchwirtschaft durch Gewährung von Krediten zum Ankauf von Milchkühen und Zuchtstieren zu entwickeln. Um es den Kolonisten zu ermöglichen, die durch mehrfachen Erbgang für die einzelne Familie zu klein gewordene Anbaufläche zu vergrößern, wurden Darlehen zur Pachtung von Land gewährt. Intensive Kulturen, wie die Wein- und Baumkultur wurden neu eingeführt und in großem Umfang Wein- und Obstgärten erstellt. Ein Stab von tüchtigen Landwirtschaftsbeamten wurde dem Hilfswerk beigesellt, die die Kolonien durcheilten und den Kolonisten die besten Methoden der Bodenkultur, der Viehzucht und des Kampfes gegen die den Landbau bedrohenden Schädlinge beibrachten und ihnen nach jeder Richtung hin mit Rat und tat zur Seite zu stehen hatten. Ein Netz von Darlehenskassen wurde endlich über alle Kolonien verbreitet und diese mit dem nötigen Betriebskapital versehen und so in den Stand gesetzt, den Kolonisten Darlehen für die verschiedensten landwirtschaftlichen Bedürfnisse zu vorteilhaften Bedingungen zu gewähren. Dank' dieser Hilfstätigkeit der Jca haben die Kolonien bedeutende Fortschritte gemacht und eine prosperierende arbeitsame landwirtschaftliche Bevölkerung geschaffen. Da kam der Weltkrieg und in ,seinem Gefolgt innere Unruhen, die Revolution, Hungersnot und die fürchterlichsten Progrome. Diese Plagen haben an den Grundfesten der Kolonien gerüttelt, ja ihre Existenz selber aufs schwerste gefährdet. Erst als es am Ende des Jahres 1922 gelang, ihre durch den Krieg unterbrochene Arbeit in Rußland wieder aufzunehmen, konnte mit einer systematischen und organisierten Tätigkeit behufs Wiederaufbaus der Kolonien eingesetzt werden. Jca und die im Joint-Distribution Commitee, kürz „Joint" genannt vereinigten Amerikaner verbanden sich darauf im Jahre 1923 zu gemeinsamer