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KC-Blätter · 1926-04-01 · Heft 2 (April 1926) · p. Seite 17

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 2 (April 1926)
Date
1926-04-01
Page
Seite 17 (sequence 7)
Language
German
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17 scheu zu vereinigen imstande ist, die Pflege der nationalen Werte erfährt dadurch keinen Eintrag, und daß eine völkisch bestimmte und begrenzte Kirche nicht religiös wäre, sondern die Vergottung und Vergötzung der eigenen Nation bedeuten würde. Spaßig übrigens, daß es eines der schwerstwiegenden Argumente gegen den Geist des Judentums und gegen die biblische Frömmigkeit bis vor kurzem war und in manchen Kreisen auch heute noch ist, daß die altjüdische Religion eine national bestimmte gewesen sei, im Gegensatz zu der — angeblich einzigen — universalen Richtung des Christentums. Es scheint, daß die Wertung einer Sache wechselt, je nachdem das Judentum daran beteiligt ist; wenn das Judentum eine national bestimmte Religion ist, so ist das Erweis einer niederen Stufe, wenn ein deutsch bestimmtes Christentum zu schaffen ist, so ist das Erweis höherer, lebendigerer Frömmigkeit! Die ganze Haltlosigkeit der Konstruktion dieser deutsch-kirchlichen Bewegung erweist sich, in der Art, in der sie Jesus zu erfassen und festzuhalten sich bemüht. Es wird einfach dekretiert, daß Jesus niemand auf der Welt so nahe steht als dem deutschen Empfinden, daß er dem germanischen Fühlen am wesensverwandesten ist.‘ Dabei wird nicht einmal der Versuch gemacht, das irgendwie zu erhärten, zu belegen, es wird einfach ins Blaue hinein behauptet, etwa folgendermaßen: „Wir Deutsche verstehen Jesus auf den ersten Blick.es ist, als fühlten wir in Jesus etwas herzerhebend Naheverwandtes, als streckte er seine Hand, um das zu erklären, was wir als eigenartig deutsch erkannt haben: das innere Gotteserleben, das innige Gemütsleben, .... das Pflichtbewußtsein und das Handeln ohne Lohngedanken, nur um des Gewissens und der Sache willen." Wo der Schatten eines Beweises versucht wird, versinkt er sofort ins Bodenlose. Man sagt z.B., die Verwandtschaft zeige sich am besten beim Ver- ' gleich mit der germanischen Mythenwelt. Man faßt sich an den Kopf, fragt sich, was soll denndamit gemeint sein? Wo ist in der germanischen Mythenwelt mit ihren wilden Kämpfen, mit ihrem ruhig und naiv betonten Rachegeist ein Schimmer, ein Anklang an die — man mag sonst zu ihr stehen, wie immer es sein mag — doch jedenfalls zarte und milde Persönlichkeit Jesu? Es hilft nichts, man muß es heraussagen, in dieser Art. Jesus als den Deutschen besonders wesensverwandt hinzustellen, oder in ähnlichen Versuchen, die. Reformation als eine rein deutsche Tat hinzustellen, — wie wenn es vor Luther und neben ihm keinerlei Versuch einer Reformation der Kirche gegeben hätte — liegt ein schwerer, nationaler Hochmut. Das ist nicht Vertiefung, das ist Ueberheblichkeit. Das ist nicht die Art, die Seele eines Volkes zu läutern und sie in die Höhe zu heben, indem man ihr eine einzigartige Fähigkeit zur Größe und zum Edelsinn zuerkennt, läutern und vertiefen kann man nur, indem man ins Gewissen redet und Fehler aufzeigt; in dieser Art, sich selbst als in besonderer Tiefe gottverbunden zu erklären, wird diese deutsch-kirchliche Bewegung ein nationalistisch-chauvinistisches Gebilde. Und daß sie das ist, das zeigt sich un-. verhüllt, wenn von einer „internationalen Seuche" gesprochen wird, wenn Humanität und Liberalität als Schlagworte abgelehnt werden. Es wird gar nicht der Versuch gemacht, einen Ausgleich zwischen National und International zu machen, die Grenzen beider zu bestimmen, das Berechtigte einer internationalen Gesinnungsgemeinschaft aufzuspüren, den Uebergang vom Nationalen zum Nationalistischen scharf zu kennzeichnen, es gibt eben nur ein Ideal, das Völkische, Menschheitsgedanke, Freiheitsgedanke, das alles ist jüdisch und daher verwerflich, eine einfache Art, die Probleme der Welt zu lösen. Genug davon, es kam ja hier nicht darauf an, alles Einzelne der Bewegung zu schildern, die große Linie und das Ziel war aufzuzeigen. Und nie wird auf diesem Wege die Einheit.des Volksempfindens herzustellen sein. Es ist auch nicht so, daß das alles sich etwa ohne Widerspruch vollzöge; stark und bestimmt tritt vielfacher Widerspruch auf, gar nicht zu reden von der selbstverständlichen Ablehnung der Katholiken, auch in der protestantischen Kirche regen sich die Kräfte neu, die in dem Zusammenhang mit dem A. T. die wesentliche Stütze auch der christlichen Kirche sehen, die die Gefahren dieser völkisch orientierten Kirchenbildung deutlich erkennen. Ja, in den Kreisen der deutsch-kirchlichen Bewegung selbst kann man an der Tatsache des ewigen Gehaltes so mancher alttestamentlichen Persönlichkeit und biblischen Frömmigkeitsäußerung nicht vorübergehen, sauer-süß erkennt man an, daß man einiges ja festhalten könnte, um dann allerdings um so bestimmter die Forderung nach Ausmerzung des A. T. und der biblischen Geschichte im Ganzen aus dem Erziehungsplan zu erheben. Dem jüdischen Akademiker aber erwächst hier die Pflicht, um seiner Aufgabe der Führung des deutschen Judentums willen, an diesen Dingen nicht vorbeizugehen, sich zu orientieren um zu wissen, was man zu sagen und zu antworten hat, wenn diese Dinge an ihn herantreten und vor ihm erörtert werden. Es wird das nicht möglich sein, wenn er selbst nicht eine stärkere Kenntnis der Bibel haben wird. Ist es zuviel verlangt, wenn man von denen, die in künftigen Tagen an der Leitung des deutschen Judentums Mitwirken werden, verlangt, daß sie eine stärkere Verbundenheit mit der Bibel haben sollen und sie gründlicher kennen müssen?

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