KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 2 (April 1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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14 zur Herrschaft zu helfen. Um alledem ein religiöses Gewand zu geben, erscheint es ihnen am zweckmäßigsten, den altgermanischen Wotanskult wieder zum Leben zu erwecken. Es hat nicht allzuviel Zweck, sich mit dieser Gruppe auseinanderzusetzen, ihre Gedankengänge sind die typischen und sattsam bekannten der Rasse-Völkischen, ihr Beginnen trägt so sehr den Stempel des Abstrusen und Väterlichen an der Stirn, daß es sich gar nicht verlohnt, über diesen Versuch der Wiedererweckung des Heidentums groß zu reden. Sie wird ja auch von allen Ernsthaften abgelehnt, so daß es eben nur notwendig ist, sie der Vollständigkeit halber zu erwähnen und zu registrieren. Sie hat für uns Juden nur die Bedeutung, daß an ihrem Beispiele jedem wirklich religiösen Christen gezeigt werden kann, wohin letztlich die antisemitische rasse-völkische Einstellung führen muß. Spaßhaft ist bei der ganzen Terminologie dieser Gruppe und der gedanklichen Begründung ihrer Einstellung das, daß sie sich vom Christentum unter anderem deshalb lösen will, weil ihr der christliche Erlösungsgedanke, bei dem letztlich der Gnadenakt Gottes und das Opfer Christi das einzig Entscheidende ist, ein Aergernis ist, und sie an dessen Stelle die Idee der Selbsterlösung auspflanzen will. In ihrer rührenden Unkenntnis wissen die Wortführer dieser Idee nicht, daß gerade der Gedanke der Selbsterlösung schärfste Hinneigung zum Judentum ist, daß das Judentum der christlichen hellenistisch beeinflußten Idee der Erlösung von Anfang an seine Idee von der unausschaltbaren Selbsttätigkeit des Menschen, seiner selbständigen sittlichen Aktivität bei allem Streben nach Erlösung entgegengesetzt hat; und wenn das Judentum natürlich auch nie Gott aus dem Erlösungsgedanken ausgeschaltet hat, so kann man doch ruhig sagen: Selbsterlösung ist ein so stark ans jüdische Denken anklingendes Wort, daß ein bewußt germanisch-völkisch Denkender sich fliehend von ihm abkehren müßte. Es sei denn, er gäbe zu, was oft schon gezeigt wurde, daß zwischen dem wirklichen, richtig verstandenen, dem edlen und tiefen Wehen des deutschen Geistes und jüdischem Denken eine auffällige Verwandtschaft besteht. Ernster und schwerer aber ist eine andere inner h a l b. der protestantischen Kirche sich abspielende Bewegung zu nehmen. Sie zielt darauf hin, den Zusammenhang des Christentums mit dem Alten Testament zu lösen, das Alte Testament als Glaubensurkunde und heilige Schrift aus dem Bewußtsein des heutigen Christen zu verbannen, dem Alten Testament seinen Wert als Bekundung der Frömmigkeit abzusprechen. Diese Bestrebungen sind keineswegs neu, im Gegenteil, sie traten schon in den allerältesten Zeiten der Kirche auf. Ihr Wortführer war im zweiten Jahrhundert Märcion. Er entfachteeinen heftigen Kampf gegen das Alte Testament und gegen jede Bezugnahme des Reuen Testaments auf das Alte. Er ging dabei von einer ganz bestimmten r e l i g i ö s e n Einstellung aus. Er und seinesgleichen konstruierten einen Unterschied zwischen dem Gottesbegriff der Thora und dem des R. T. Der Gott der Thora sei eine vollständig anders geartete Persönlichkeit als der von Jesus erkannte und bekannte. Der Gott der Thora sei eine von lauter Strenge erfüllte Persönlichkeit, die nur strafende Gerechtigkeit kenne, seiner Wesensart entspreche das harte, ewig fordernde Gesetz, dem man gehorchen müsse, wie ein Sklave zitternd seinem Herrn gehorcht, er ist der Weltenschöpfer und damit auch der Schöpfer allen Uebels, das auf der Welt ist; der Gott aber, den Jesus erkannt habe, sei voller Liebe und Milde, dem man nicht in Gehorsam diene, sondern nur in der innigen liebevollen Verbundenheit des Glaubens, und der höher stehe als der Weltschöpfer---Gott der Thora. Es würde zu weit führen, hier die ganzen Gedankengänge Marcions vorzusühren, es genüge das soeben skizzierte Hauptsächliche. Daraus wurde nun gefolgert, daß es überhaupt keinen Sinn habe, die Bibel des A. T. .als Urkunde der Frömmigkeit zu werten, daß in der Kirche als einziges Dokument der Frömmigkeit das R. T. zu gelten Habe, und daß auch in diesem jede Bezugnahme auf Worte und Verkündigungen und Gedanken des A. T. abzulehnen und als Erzeugnis einer andersgearteten, nicht christlichen Frömmigkeit zu streichen sei. Maroions Bemühungen hatten in ihrer Zeit keinen Erfolg, sie scheiterten an dem gesunden Sinn der Kirchenväter, an der Einsicht der katholischen Kirche in den innigen und unauflösbaren Zusammenhang des Christentums mit der biblischen Frömmigkeit, an der Erkenntnis der Führenden, daß die Lösung dieses Zusammenhanges die wesentlichsten Stützen des Christentums selbst durchsägen und die christliche Frömmigkeit aushöhlen würde. In neuester Zeit hat Harnack, der berühmte Historiker des christlichen Dogmas, Marcions Ziel wieder ausgenommen, wenn auch unter anderer Begründung; in seinem neuen Buch über Marcion hat er die folgenden Worte geprägt: „Das A. T. im zweiten Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat, es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation nicht zu entziehen vermochte, es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen