KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Wohl weiß ich auch noch heute, daß nach dem zweiten Stiftungsfeste — ich hatte über die Frage gesprochen, wie das Dichterwort auszulegen sei: „Wo sich Gottes Flamme in ein Herz gesenkt, das am. alten Stamme treu und liebend hangt, wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht mutig sich verbinden, lebt ein frei Geschlecht" — wie sich da in der Diskussion unter unseren Bündesbrüdern der Zweifel erhob, welches denn der alte Stamm sei, an dem wir treu und liebend hängen, ob das der deutsche oder der jüdische Stamm sei. Es waren damals noch so unklare Vorstellungen in den Köpfen über alle diese Dinge, daß man nach derweltgeschichtlich so kurzen- Zeit, wie sie der Ablauf von 28 Jahren bildet, staunen muß, in welchem Maße die Zeit klärt und fördert. Und als wir zu unserem fünften Stiftungsfeste uns über die Frage aussprachen, ob nicht für uns die Ausbildung zur Persönlichkeit mit einem gewaltigen Inhalt das Entscheidende sei, ob daneben nicht die Pflege des Deutschtums und des Judentums als unwesentlich zurückzutreten habe, — als wir da die Frage dahin beantworteten, daß durch Deutschtum und Judentum das Ideal der Persönlichkeit entfaltet werden müsse, da gab es Zweifler und Zweifel genug unter uns) vielfach wurde damals die Meinung laut, Fröhlichkeit und Freundschaft sei alles, sie müsse für uns das Letzte bleiben. In der fröhlichen Freundschaft werde die Persönlichkeit sich entwickeln; Judentum sei angeboren, was es enthalte, müsse der Einzelne für sich entscheiden, ebenso wie er die Einstellung zum Deutschtum selbst finden müsse. Man wolle und solle damit nicht paradieren. Zm Frieden des Kämmerleins solle man die Entscheidung fällen, wie man es damit halte. Der Gedanke „Erziehung zur Persönlichkeit" wurde immer mehr in den Vordergrund geschoben. Ueber ihn und seine praktische Ausführung hatte ich an mehreren Stiftungsfesten zu meinen Bundesbrüdern und zu den erschienenen Freunden zu sprechen. War es in meinen Gedankengängen in den ersten Jahren meiner Aktivität in unserer lieben Verbindung Theobald Ziegler, so war es später in geringerem Umfange Paulsen, in größerem Eucken und, soweit ich ihn zu verstehen vermochte, Hermann Cohen, die mir Gedanken gaben, wobei ich Lazarus und Steinthal, Geiger und Philippsohn sowie auch namentlich die Predigten unseres unvergeßlichen Freundes Professor Werner und seine im Privatverkehr empfangenen Anregungen auf mich und damit auf unsere Freunde wirken lassen konnte. Das Judentum war damals noch stiller, als es heute ist; die Protzerei mit der „Jüdischkeit" war noch unbekannt. Doch, was. sich zu Beginn unserer Tätigkeit noch vielfach versteckte, wurde schon im ersten Jahrzehnt allmählich zu einem Modeartikel, der mit mehr Lungenkraft als innerem Begreifen nach außen geschrien wurde. Dieses Zur-Schau-Stellen eines neu konstruierten Judentums haben wir glücklicherweise nie gefördert und nie mitgemacht. Das Alte blieb und bleibt uns das Wertvolle. Wir können uns ohne Judentum nicht denken, wie wir uns ohne Deutschtum nicht denken können. Darum muß unsere Erziehung beiden dienen. Die Welt schritt vorwärts. Wir wuchsen an äußerem Ansehen und an innerer Einsicht. Wir hielten fest daran, daß der Wille noch wichtiger sei als uns auf der Grundlage der Erziehung und hielten das Wissen, daß die Persönlichkeit, wenn sie auch weniger, mit Einzeltatsachen angefüllt ist, doch zweifellos wertvoller ist als der schwatzende Mensch, der viel gelesen, aber wenig verdaut hat. Für uns war, gleichviel wie Goethe selbst zu den Worten gestanden haben mag, der Grundsatz festgelegt: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit". 2. Gewiß ist ein Stiftungsfest in erster Reihe ein Familienfest der Verbindung. Alte Freunde sehen sich wieder, junge Freunde schließen mit den älteren Bekanntschaft, die Freundschaft werden soll. Erinnerungen werden ausgetauscht, und alte Erfahrungen werden durch die Gedanken zu neuen Taten. Jugend kommt zu Alter. Die Freundschaft wird befestigt. Verehrung und Verständnis werden erzeugt und geschaffen, — alles Dinge, die das Herz lachen lassen und den Sinn erfreuen. Aber das darf nicht alles bleiben; machen wir uns nichts vor! Der Glanz alter Studentenverbände, die seit über hundert Jahren an irgend einer deutscher Hochschule residieren, war nicht unser und ist nicht unser. Und wenn im Kreise der Freunde meiner Jugend das Wort einer alten Tendenzrede „Stiefkinder müssen doppelt artig sein" mir vielfach in heiterer Erinnerung entgegengehalten wird, so ist es wahr geblieben, wie es anr ersten Tage wahr gewesen. Der Weltkrieg hat uns zurückgeworfen, hat namentlich auch unsere Kommilitonen zurückgeworfen. Ihr Streben nach Idealen hat Unklarheit zur Folge gehabt; ihr Gemüt ist umdüstert, ihr Wille abgeirrt. Die Erinnerung der Jahre nach der Revolution hat die Stiefkinder sehr schlechte Geschwister sehen lassen. — Gewiß, wir selbst haben uns niemals für tadellos gehalten, wußten stets, daß auch wir Suchende sind, daß der Geist des Vorwärtsstrebens auch auf unserer sittlichen Basis ein Geist des Verlangens nach tieferer Erkenntnis und nach sittlicher Läuterung ist. Aber was wir in unserer Umgebung sehen mußten, war nicht nur die Trübsal des vaterländischen Elends, sondern auch das Gefühl, daß unsere Kommilitonen verwildert und daß unsere Lehrer nicht mit der Kraft gesegnet wurden, die dieser Verwilderung immer stand-