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KC-Blätter · 1926-01-01 · Heft 1 (Januar 1926) · p. Seite 7

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 1 (Januar 1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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7 Der Form gegenüber tritt der Inhalt. Ihn kennzeichnet der aristokratische Geist, der Geist des Wertvollen, des Besten, des Erlesenen, der Geist des Ererbten, des Familienbesitzes, des köstlichen geistigen Gutes, der seit Jahrhunderten von Geschlecht zu Geschlecht übermittelt wird. Es sind die Werte der Familie, der Bildung, der Reberlieferung, des Besitzes, die sich durch die Zeiten fortpslanzen. Wir sehen mutatis mutandis bei den jüdischen Familien eine äußere Struktur, die der adeliger oder patrizischer Familien vielfach ähnlich ist, und es ist auch kein Zufalle, daß sich nicht selten äußere Beziehungen adeliger Familien zu jüdischen Familien herausgebildet haben. Es ist das Ideal der sittlichen und geistigen Kultur, das die Juden durch die Jahrhunderte tragen und das ihren geistigen Habitus bestimmt. Der dritte Gesichtspunkt, der unsere Struktur bedingt, ist nicht eine besondere Voraussetzung für unsere jüdische Gesellschaftsgruppe, er ist ein Punkt allgemeiner Art, er betrifft die Tatsache der Minorität. Goethe hat einmal gesagt: Ich finde immer mehr, daß man es mit der Minorität halten muß, die stets die Gescheitere ist. Run, so unbedingt wird das nicht richtig sein. Aber die Minorität mahnt zur Hut, sie kann sich nur behaupten, wenn ihre Glieder zusammenstehen und von einem hohen Verantwortungsgefühl getragen sind. So haben sich die protestantische Minderheit in der katholischen Umwelt und die katholische Minderheit in der protestantischen Umwelt zu einer gewissen Elite der Bevölkerung entwickelt, ihre Behandlung zeigt den kulturellen Hochstand des Staates und so sind auch die Juden durch die von ihnen als der Minderheit geforderte Anspannung ihrer Kräfte ein wertvoller Teil der Bevölkerung geworden. Es schließt sich an die vierte Voraussetzung für unsere gesellschaftliche Einstellung. Sie bildet unsere Lage zur Umwelt in aufgeregten Zeiten, in Zeiten der Gärung, an der Wende von Zeiten, in Zeiten, wie wir sie heute erleben. Hier ist besonders bedeutsam die Stellung unserer Jugend, zumal unserer akademischen Jugend, die an der exponiertesten Stelle des Kampfes steht. Hier ist besonders schwer die Haltung unserer Jugend, da sie wohl den Mut und die Kraft und die Reinheit des Wollens hat, nicht aber die Erfahrung und Voraussicht, die in diesem Kampfe nicht entbehrt werden können, und so ist es nötig, daß sie die Fühlung mit den Aelteren nicht verliert und mit -diesen im Kampf zusammensteht. Da möchte sie ob des Mißlingens wohl manchmal der Kleinmut erfassen, der Zorn, daß das beste Wollen verkannt und in das Gegenteil verkehrt wird. Da möge sie auf die Worte hören, daß wir den Sinn vieler Dinge und Geschehnisse nur darum so schwer finden, weil wir ihn nicht fern genug in der Zukunft zu suchen wagen, und sie möge sich an das Wort Goethes erinnern: „Gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten, dann wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen." Meine verehrten jungen Freunde, denken Sie an die vier Punkte: Wirken Sie brüderlich zusammen, bewahren Sie Ihr altüberkommenes geistiges und sittliches Erbe, halten Sie Stand in der Ilmwelt und kämpfen Sie den Kampf mutig und unverdrossen im Vertrauen, daß der Sinn der Geschichte und die Güte des Höchsten Sie rechtfertigen wird.! Ihre Farben sind grün, weiß und schwarz. Geben Sie der Hoffnung Raum auf künftige bessere Zeiten, halten Sie Ihre Ehre fleckenlos und rein und lassen Sie nur durch den Tod sich trennen von den Grundsätzen eines idealen, tapferen Lebens, die Sie in der Jugend gewonnen! In diesem Sinne erhebe ich das Glas auf das Wohl der Verbindung Licaria an ihrem Jubelfeste. Sie blühe, wachse und gedeihe! Mach 30 Jahren. Eine ungehaltene Rede zum 30. Stiftungsfeste der Licaria. Von Ludwig Holländer (Lic.) Vorbemerkung: Mein sehnlicher Wunsch, dem 30. Stiftungsfeste meiner lieben Verbindung Licaria beizuwohnen, wurde im letzten Augenblick durch eine Fußerkrankung unmöglich gemacht. Ich will deshalb die in München von mir gehaltene Ansprache hier kurz wiedergeben, in der Hoffnung, daß der eine oder der andere Gedanke meinen Freunden im K. C. Anlaß zur Nachprüfung geben wird. 1. Vom ersten bis zum zehnten Stiftungsfeste unserer lieben Verbindung hatten meine Bundesbrüder mir stets die Hauptrede der Festesfeier übertragen. Heute, nach dreißig Jahren, kann ich mich noch im wesentlichen erinnern, welche Gesichtspunkte mich namentlich in den ersten Jahren des Auftretens unserer lieben Verbindung leiteten und mir das Thema für meine Ausführungen gaben. Wohl blieb es mir im Gedächtnis, daß ich auf dem ersten Stiftungsfeste unserer lieben Verbindung an meine Worte die Frage anschloß, ob es denn richtig sei, von einem Vivat crescat kloreat Licaria in aeternum zu sprechen, und ob nicht vielmehr gerade die zeitliche Begrenztheit unserer Verbindung und unser Wunsch nach dieser zeitlichen Begrenztheit, Wesen unseres Seins sei.

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