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KC-Blätter · 1926-01-01 · Heft 1 (Januar 1926) · p. Seite 5

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Journal
KC-Blätter
Volume
1926
Issue
Heft 1 (Januar 1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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5 immer höher steigend, einer zweiten Sündflut gleich, die frevlerische Stadt „ersauf' und keine Seele schone". (Hölle Ges. 33, V. 84.) Nur mit einem Gefühl' ehrfürchtiger Scheu vor der tiefen Frömmigkeit des mittelalterlichen Dichters können wir Kinder unserer sogen, modernen Zeit die aus reinem Ethos geborenen Verse Dantes lesen. Welche Größe, weche Festigkeit — zumal verglichen mit der Brüchigkeit des Standpunktes derer, die nach Dante zu dem Problem „Politik und Moral" Stellung nahmen. Wie viele, deren Leistungen auf religiösem oder geistesgeschichtlichem Gebiete unbestritten sein mögen, sind dem dämonischen Machtverlangen des Staates zum Opfer gefallen. Auf Luthers schwache Haltung habe ich schon oben verwiesen, er hat leider viele Nachfolger gefunden. Je mehr die Vergötterung des Staates Fortschritte machte, um so williger wurde man, sich das von Machiavelli zitierte Wort des Gino Capponi zu eigen zu machen: „Das Vaterland braucht Menschen, die ihr Vaterland mehr lieben als ihre Seele." Am so nachdrücklicher suchte man mit allen Künsten einer scharfsinnigen Dialektik zu beweisen, daß unter Amständen, d. h. wenn es die Staatsraison erfordere, die ewigen Forderungen des Gewissens hinter den zeitlichen Forderungen des Staates zurücktreten müßten. So schreibt Fichte über Machiavelli: „Ein politischer Denker und Künstler, dessen erfahrener und tiefer Verstand aus den geschichtlich gegebenen Verhältnissen besser als aus den Grundsätzen der Metaphysik die politische Notwendigkeit, den Charakter, die Bildung und Aufgabe weltlicher Herrschaft zu begreifen wußte. Da man weiß, daß politische Machtfragen nie, am wenigsten in einem verderbten Volke, mit den Mitteln der Moral zu lösen sind, so ist es unverständig, das Buch vom Fürsten zu verschreien. Machiavelli hatte einen Herrscher zu schildern, keinen Klosterbruder." Den gleichen Standpunkt vertritt Treitschke. In seinen „Vorlesungen über Politik" äußert er die Ansicht, daß der Staat der letzte Ouell des Rechtes sei und nicht den sittlichen Normen deK Einzelmenschen unterstellt werden dürfe. Wörtlich heißt es: „Der Staatsmann - hat gar nicht das Recht, sich die Hände zu wärmen an den rauchenden Trümmern seines Vaterlandes mit dem behaglichen Selbstlob: ich habe nie gelogen. Das ist die Tugend eines Mönches." Die Haltung Luthers hat naturgemäß entscheidend gewirkt auf die Haltung deutscher prote st antische r Theologen. Ich greife aus der Fülle nur zwei so hervorragende Persönlich-, keiten heraus wie Troeltsch und Baumgarten. Beide sind der Ansicht, daß es eine aus christlichen Ideen abgeleitete politische Ethik nicht gebe. Das Christentum könne seinem ganzen Wesen nach überhaupt keine. direkte politische Ethik haben. „Wer nach der Bergpredigt handelt", meint Baumgarten, „der ist ewig verdorben für das politische Geschäft; denn er muß dem Feinde und dem fremden Staats- und Volksleben gegenüber aus der Maxime der Liebe handeln, die das Beste des andern sucht, statt aus dem der Selbstbehauptung. Man muß neben dies Ethos der Bergpredigt nur einmal das Ethos des nationalen Machtstaates Bismarcks halten, so spürt man die unversöhnlichen Gegensätze." Die Folge dieses Standpunktes ist eine Scheidung zwischen Privat- und Staatsmoral: die Privatmoral soll nach den von Gott aufgestellten sittlichen Grundsätzen, die Moral des Staates dagegen nach anderen aus der Würde, Größe und Ehre des Staates entspringenden Grundsätzen bestimmt werden. Wörtlich schreibt Baumgarten: „Darum entweder — oder, Staat oder Anarchie! Wenn Staat, dann auch.stahlharte, unerbittliche Entschlossenheit zur Durchführung der jesuitischen Maxime: der Zweck heiligt die Mittel." Dieser Standpunkt ist gleichbedeutend mit einer Kapitulation der religiösen Ethik vor den Machttendenzen des Staates. Man begreift, wenn F. W. Förster mit seinem stark ausgeprägten Ethos, die erwähnten von Baumgarten vorgetragenen Lehren als „nacktes Heidentum" x) bezeichnet, versteht es um so mehr, wenn man sich klar macht, mit welch leidenschaftlichem Zorn die erhabensten Vertreter des religiösen Gedankens, die Propheten, jedes Abweichen von dem göttlichen Sittengesetz gegeißelt haben. „Entweiht ist die Erde, soweit sie Bewohner trägt; denn sie haben die Gebote übertreten, das Gesetz überschritten, die ewige Ordnung gebrochen, deshalb frißt ein Fluch die Erde und büßen ihre Bewohner! . Es zerbricht und zerkracht die Erde, es reißt und zerspringt die Erde, es wankt und schwankt die Erde. Die Erde taumelt hin und her wie ein Trunkener und schwankt wie eine Nachthütte; zu schwer wird ihr die Last des Abfalls, sie fällt, um sich nie mehr zu erheben." (Jesaja Kap. 24, V. 5. 6, 19 u. 20.) Man hüte sich, diese Prophetenworte — so wenig wie die Verse Dantes — mit dem müden Lächeln eines Menschen zu lesen, der derartige Gedanken, weil völlig wirklichkeitsfremd, mit einer Handbewegung beiseite schiebt. Sind nicht alle großen Gedanken, die der Menschheit einen Ruck nach vorwärts gegeben haben, bei ihrer Ver- Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei unterschieden." Ausschlaggebend kündigung als Utopien verschrien worden? „Eine jede Idee", sagt Goethe, „tritt als siemder 0 Polit. Ethik und polit. Pädagogik 3. Ausl. S. 328

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