KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4 auf Feindesliebe, Opfer, Verzicht, gründet sich die Amtsmoral nicht auf Recht oder Liebe, sondern Gewalt. „Auch wenn der Staat die Gewalt schändlichst mißbraucht, ist die Gewalt sein Wesen und jede Bestreitung der Gewalt eine Aufhebung des Begriffs der naturgesetzlichen Ordnung selbst und damit die Zerstörung der Fundamente der menschlichen Gesellschaft" (Troeltsch). Luther ist den machiavellistischen Methoden der Politiker gegenüber absoluter Ouietist: „So Dir Gewalt und Anrecht geschieht, sprich, das ist der Welt Regiment. Willst Du in der Welt leben, so mußt Du das gew-rten.... Willst Du bei den Wölfen sein, so mußt Du mit ihnen heulen. Wir dienen hier in einem Wirtshause, in dem der Teufel Herr ist...." Ein solcher Standpunkt ist gleichbedeutend mit völligem Verzicht auf die Beeinflussung der Politik durch die versittlichende Macht der Religion, das gesamte Gebiet des Staatslebens wird der Moral der Staatsmänner überlassen, die keine Skrupel und kein Gewissen haben. Wie anders demgegenüber Dante! Einem alttestamentlichen Propheten gleich, von der leidenschaftlichen Aeberzeugung erfüllt, daß, wie es nur einen Gott, so auch nur eine Sittlichkeit gibt — keine andere Moral für den Einzelnen wie für die Völker — ruft jedes Abweichen von der dem Menschen von der Gottheit vorgeschriebenen Bahn Dantes heiligen Zorn hervor, der mlt elementarer Kraft an den verschiedensten Stellen seines Gedichtes hervorbricht. Rur mit innerer Bewegung vermag man die Worte zu lesen, die er seinem entarteten Vaterlande entgegenschleudert: „Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus, Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren, Nicht Herrscherin der Welt, nein Hurenhaus..." (Fegef. Ges. 6. V. 76—78.) Den gleichen Eindruck empfangt man von den Versen, mit denen er den 26. Gesang der Hölle einleitet: „Freu dich ,Florenz! Du bist so hoch und groß, Daß du die Flügel regst ob Land und Meere And selbst dein Nam' erklingt im Höllenschoß...." Man lese endlich die Worte, im Namen der beleidigten Gerechtigkeit niedergeschrieben: „Du mein Florenz, du kannst dies ruhig hören, Da dieser Abschweif nimmer dich berührt. Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören. Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt Man etwas spat, wie sehr es ihr gewogen, Indes dein Volk sie stets im Munde führt.... Du Reiche, du Friedselige, du Weise — Ich red' im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit. Man spreche von Athen und Sparta leise! Sollt' ihr Gesetz wohl wert der Rede sein, Wie sehr man's anpreist neben deinem Preise? Denn dein Gesetz, es ist so klug und fein, Daß, hast du's im Oktober angesponnen, Zerreißt es im November kurz und klein! Wie oft hast du geendet und begonnen, Hast über Münz und Art, Gesetz und Pflicht And Haupt und Glieder anders dich besonnen?" (Fegef. Ges. 6. V. 127—147.) Wer fühlte nicht den grimmen Hohn, fühlte aber nicht auch das leidenschaftliche Weh über den sittlichen Verfall der Heimat, das diese. Verse geboren hat. Bezeichnend sind die Folgerungen, die Dante aus dieser Einsicht zieht. Dem Propheten Ieremia gleich, dem die Gottesstimme zuruft (Kap 1, V. 7): „Aeberall, wohin ich dich sende, sollst du gehen, und was ich dir befehle, sollst du reden", so fühlt auch Dante die Pflicht, unbekümmert um den Beifall oder den Tadel derer, denen sein Wort gilt, seine Aufgabe zu erfüllen: „Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf", sprach er, „wen eigene Schmach, wen fremde drücket, Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf. Dennoch verkünde ganz und unzerstücket, Was du gesehen, von jeder Schminke frei, And laß nur den sich kratzen, den es jücket. Ob schwer dein Wort beim ersten Kosten sei, Doch Nahrung hinterlaßt's zu kräft'germ Leben, Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei." (Par. Ges. 17, V. 124—132.) So wird Dante zum Urteilskünder seiner Zeit. Das Strafgericht, herbeigezogen durch die Verletzung des Sittengesetzes, erwartet er mit absoluter Gewißheit. Das Verhängnis ist ihm so sicher wie der Ablauf der Naturgesetze, wie der Wechsel von Ebbe und Flut. Daher die prophetischen Worte: „Dann wirst du's nicht mehr neu und seltsam finden, Hüllt Nacht des Todes die Geschlechter ein. Da Städte selbst vom festen Grund verschwinden. Was euer ist, das trägt, wie euer Sein, Den Tod in sich; doch, was sich minder wandelt, Verbirgt ihn euch, denn eure Zeit ist klein. And wie des Mondes Lauf den Strand verwandelt, And ihn in Ebb' und Flut entblößt und deckt, So ist's, wie das Geschick Florenz behandelt." (Par. Ges. 16, V. 76—84.) Daher die wider Genua am Ende des 33. Gesanges geschleuderten Worte, daher der grausige Fluch gegen das sündhafte Pisa: Die an der Mündung des Arno vorgelagerten Inseln sollen seine Mündung verstopfen, aus daß sein Wasser