KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Er ist aber nicht nur der Stil der Propheten, den Dante sich zu eigen gemacht hat, sondern — und das ist das Entscheidende — ihr Ethos. Wie die Propheten des Alten Testaments für die Beurteilung der Völker und Menschen, in deren Mitte sie wohnten, nur einen Maßstab kannten, nämlich das göttliche Sittengesetz, so auch Dante. And wie die Propheten den Weg der Wahrheit, die sie unter tausend Schmerzen geschauthatten, bis zu Ende gingen, so hat auch Dante durch ein jahrelanges Martyrium für die Wahrheit dessen, was er lehrte, Zeugnis abgelegt. Diese Einheit von Lehre und Leben bewirkt, daß Dantes politischen Anschauungen, wie sie in der „Göttlichen Komödie" und in seiner Schrift „De Monarchia" entwickelt werden, trotz der fremdartigen, ja phantastischen Form, in die sie sich hüllen, eine Kraft entströmt, der niemand, der für sittliche Größe empfänglich ist, sich zu entziehen vermag. Es ist das Ethos eines wahrhaft frommen Menschen, eines Mannes, der im Sittlichen keine Konzessionen kennt, der niemals gesonnen ist, um irdischer Dinge willen die Richtung preiszugeben, die die Seele von dem unwandelbaren Gestirn des göttlichen Sittengesetzes empfängtes ist der Standpunkt eines Menschen, der Gott liebt mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen. Nur deshalb durfte Dante es wagen, in seinem ewigen Gedicht sich zum Richter aufzuwerfen, nicht nur seines Vaterlandes, sondern der ganzen Welt: der Päpste, der Könige, der Fürsten, der Völker, seinem Lieblingspropheten J eremia gleich „eine feste Burg, eine eherne Säule und eine eiserne Mauer". Das Ethos, das Dante erfüllt, ist es auch, das seiner Rede jenen ehernen Klang gibt, jene ungestüme Gewalt, so daß Dante selbst von seinen Worten sagen darf: „Dein Laut wird sich dem Sturme gleich erheben." (Par. Ges. 18, V. 133.) Man fühlt, Dante hat eine Sendung, er spricht im Namen eines Höheren, er spricht im Namen Gottes. Es ist der große, erhabene, Ehrfurcht heischende Gott des Alten Testaments, es ist der „Richter der ganzen Erde", es ist der Gott, der „kein Ansehen der Person kennt" und „keine Bestechung nimmt", es ist der Gott, der „geheiligt wird durch Gerechtigkeit", von dem Dante seine Botschaft empfängt. Der Geist dieses in erhabener Majestät thronenden Gottes ist es, der die „Göttliche Komödie" waltend erfüllt, im Namen dieses Gottes sitzt Dante zu Gericht über seine Zeit. Mit gutem Grund folgt auf die berühmten Worte, die am Eingang zum Höllentor den Wanderern entgegentönen: „Durch mich geht's ein zur Stadt der ewigen Qualen, Durch mich geht's ein zum wehevollen Schlund, Durch mich geht's ein zu der Verdammnis Talen" (Hölle, Ges. 3. V. 1—3.) der Satz Gerechtigkeit war der Bewegungsgrund Des, der mich schuf." - Diese Worte sind charakteristisch nicht nur für die Hölle, sondern für die ganze „Göttliche Komödie". Der Geist der Gerechtigkeit ist es, der die Dichtung adelt, er ist es, der ihr jene hoheitsvolle Strenge, jene Würde und jenen Ernst gibt, wie wir ihn sonst vielleicht nur noch in den biblischen Büchern finden. Auf den Satz „Gerechtigkeit war der Bewegungsgrund Des, der mich schuf" folgen die Worte „.. mich gründend, tat er offen Allmacht, Allweisheit, erste Liebe kund." Aber man fühlt in diesem Zusammenhang, an der offenen Höllenpforte ist der Hinweis auf die drei Eigenschaften Allmacht, Allweisheit und erste Liebe, die den drei Personen Gott, Heiliger Geist und Sohn entsprechen, nicht recht am Platze. Denn in der Hölle ist wohl von göttlicher Gerechtigkeit, aber von göttlicher Liebe kaum etwas zu spüren. Es ist eine der Stellen in dem Gedicht, an denen das fromme Gemüt des gläubigen Christen, der dem Dogma gerecht werden möchte, über das künstlerische Gewissen des Dichters den Sieg davon getragen hat. Das Bezeichnende in der Auffassung Dantes von der Gerechtigkeit ist folgendes: Sie kennt keine Schranken, ihre Forderung gilt überall und ausnahmslos, sie kennt keine Ruhe, sie rastet nicht, bis sie sich durchgesetzt und die Welt in ihrem Sinne umgestaltet und erneuert hat. Dante stimmt auch hierin mit den alttestamentlichen Propheten überein; er weicht dagegen sowohl von dem Standpunkt hervorragender katholischer Geister, beispielsweise eines Thomas von Äquino^) ab, der verschiedene Grade der Sittlichkeit anerkennt, und der an den Politiker, den Mann der Welt, nicht die gleichen sittlichen Maßstäbe legt wie beispielsweise den Geistlichen, den Diener^ Gottes, wie auch von dem Standpunkt hervorragender P r o t e'st a n t e n, beispielsw. eines Luther. Luther unterscheidet eine äußere und eine innere Christenheit; die äußere umfaßt den Christen als Bürger und Glied des corpus ebrigtianum, diese das eigentliche Gesinnungschristentum. Dementsprechend kennt Luther eine doppelte Moral, eine Amts- und eine Personmoral. Während die Personmoral auf den Prinzipien der Bergpredigt aufgebaut ist, d. h. Vergl. zu dem Folgenden E. Troeltsch, Politische Ethik und Christentum 1904.