KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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2 alten Gegensatz innerhalb der feudalen Familien zwischen Gneisen und Ghibellinen noch verstärkt wurde. In dieser von schwülen Spannungen erfüllten Atmosphäre hat auch Dante sich versucht. Anfangs, nicht ohne Erfolg. Davon zeugen die mannigfachen Ehrungen, die ihm von seinen Landsleuten zuteil wurden. Er steigt zu einer der höchsten Würden der Stadt, der eines Priors, empor, die ihm die Mitgliedschaft in der Regierung brachte. Er wurde wiederholt, wenn es sich um besonders schwierige Missionen handelte, zum Führer gewählt, so z. B. noch im Jahre 1301 bei der heiklen Gesandtschaft zu dem Papst Bonifaz VII. Wenn Dantes politische Laufbahn dennoch so tragisch endete, so liegt die Schuld keineswegs nur, wie man vielleicht vermuten möchte, in der Verworrenheit der damaligen politischen Verhältnisse seiner Vaterstadt, die viel Aehnlichkeit mit dem antiken Athen hatte, sondern, wie schon erwähnt, vielmehr in dem Charakter Dantes. Voßler hat in seinem vortrefflichen Werk „Die göttliche Komödie", Bd. 1, 2, S. 540, dafür folgende bezeichnenden Worte gefunden: „Er hat den Ehrgeiz, aber nicht die Liebe zum Staatswesen gehabt, er hat nicht vermocht, darin aufzugehen, er war nicht gewillt, im Notfall auch sein Seelenheil dafür zu verspielen. Wo er immer ein politisches Spiel verfolgte, sind ihm moralische Bedenken über den Weg gelaufen, und anstatt sie zu zertreten, ist er darüber gestrauchelt und schließlich gefallen." Weil Dante das Heil seiner Seele höher stand als alle materiellen Vorteile, darum hatte er mit seinen Landsleuten im Grunde keinerlei Gemeinschaft — nicht mit seinen Feinden, aber auch nicht mit seinen Freunden. Für Dante entsprang die Betätigung in der Politik der ehrlichen Sorge für das sittliche und materielle Wohl der geliebten Heimat, für seine Landsleute der Sorge für die ureigensten materiellen Interessen. Mit blutender Seele hat Dante dem Treiben dieser Sorte Politiker zugeschaut, mit blutender Seele sie geschildert, die mit Staatsinteressen „Schacher treiben" (Paradies Ges. 16, V. 61). Ihre Gesellschaft hat für Dante geradezu etwas Beschmutzendes; stärker noch als die Not der Verbannung drückt ihn die Schmach, mit Menschen solcher Gesinnung jemals Gemeinschaft gehabt zu haben: „Du wirst dich allem, was du liebst, entwinden, Und wirst, wenn dies dir bitteren Schmerz erweckt, Darin den ersten Pfeil des Banns empfinden. Wie fremdes Brot gar scharf versalzen schmeckt, Wie hart es ist, zu steigen fremde Stiegen, Wird dann durch die Erfahrung dir entdeckt. Doch wird so schwer nichts deinen Rücken biegen, Als die Gesellschaft jener schlechten Schar, Mit welcher du dem Bann wirst unterliegen. Ganz toll und ganz verrucht und undankbar Bekämpft sie dich; doch zeiget bald, zerschlagen, Ihr Kops, nicht deiner, wer im Rechte war. Wie dumm sie ist, das wird ihr Tun besagen; Und daß du für dich selbst Partei gemacht, Wird dir erwünschte schöne Früchte tragen." (Paradies Ges. 17, V. 55-69). H Dante hat recht, er bildet Freund und Feind gegenüber eine Partei für sich. Völker und Staaten haben, genau wie das Einzelindividuum in dem göttlichen Sittengesetz ihre Schranke, die sie ungestraft niemals überschreiten dürfen, das ist, aus eine kurze Formel gebracht, das politische Glaubensbekenntnis Dantes. Nicht vergängliche egoistische Interessen, sondern die ewigen Ideale, die in dem zu schaffenden Gottesreich ihre Verwirklichung finden, sind es, denen die Staaten und ihre Führer nachzustreben haben. Dante ist nicht müde geworden, dieses theokratische Staatsideal zu künden, ein Traum, der in der Hoffnung auf einen Weltpapst oder Weltkaiser verwirklicht wird. . Dieser Traum hatte die Seelen der Besten des Mittelalters entzündet. Er lebte in den Dichtungen der provenzalischen Troubadours. Er lebte in der Dichtung Walters von der Vogelweide. Er lebt vor allem bei Dante. Man lese nur den Brief, mit dem Dante den Zug Heinrichs VI l. begrüßt, der 1310 mit einem kleinen Heer nach Italien hinabgestiegen war, um sich in Rom die Kaiserkrone zu holen. So hat einst jener unbekannte Prophet der Bibel (gewöhnlich Jesaja II. gen.), der den in der babylonischen Gefangenschaft um die Heimat trauernden Juden seine Trostesworte erschallen ließ, Cyrus, dem Perserkönige, als dem von Gott gesandten Erlöser, zugejubelt, wie Dante dem Kaiser: „Siehe, es kam die angenehme Zeit, wo Zeichen des Trostes und Friedens geschehen. Denn ein neuer Tag erglänzt und es erscheint die Morgenröte und klärt schon die Finsternisse langjährigen Unglücks. Denn es erhob die mitleidigen Ohren der Starke Löwe vom Stamme Juda und Erbarmen fühlend bei dem Geheul der allgemeinen Gefangenschaft, hat er einen neuen Moses erweckt, der sein Volk befreien wird von den Plagen der Aegypter, und der sie führen wird in das Land, wo Milch und Honig fließet. — Freue dich nun, Italia, du auch den Sarazenen mitleidswürdige, die du bald dem Erdkreis beneidenswert erscheinen wirst, denn dein Bräutigam, der Trost der Welt und der Ruhm deines Volkes, der gnadenreiche Heinrich, der göttliche Augustus und Cäsar, eilt zu der Hochzeit." (Epist., vergl. Voßler I, 2. S. 548.) 0 Die Aebersetzung sämtlicher zitierten Verse stammt von Karl Streckfuß (Reclam).