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KC-Blätter · 1925-10-01 · Heft 4 (Oktober 1925) · p. Seite 53

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Journal
KC-Blätter
Volume
1925
Issue
Heft 4 (Oktober 1925)
Date
1925-10-01
Page
Seite 53 (sequence 7)
Language
German
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53 Notwendigkeiten zu bejahen. Die Kriegskrediie wurden bewilligt. Tausende sozialdemokratische Wähler eilten freiwillig zu den Waffen, der erste Abgeordnete, der fiel, war unser Glaubensgenosse, der Kriegsfreiwillige Ludwig Frank, der rein äußerlich schon Lassalle ähnlich war. Im Kriege war die Partei oder 'doch die „Mehrheit" vom Geiste des verschollenen „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" beseelt. ' Als Ebert und Scheidemann vom November 1918 ab die Regierungsgewalt inne hatten, siegte der deutsch-demokratische Gedanke der durch das freieste Wahlrecht zu wählenden Nationalversammlung über die Diktaturgelüste der neuen „Eisenacher", der Kommunisten und Spartakisten. Deutschland wurde durch die Mehrheitssozialisten aus tiefstem Elend gerettet, und die Partei war in der Praxis lassalleanisch, ohne daß ein Wort in ihrem Programm geändert wurde. Echt lassalleanisch, der ausgesprochen hat, daß in Verfassungs- und Programmfragen die tatsächlichen Machtverhältnisse, nicht die Paragraphen ausschlaggebend seien. Eines seiner tiefsten Erkenntnisse. Der erste deutsche Nationalsozialist war Lassalle, ein halbes Jahrhundert vor Hitler und seinem Anhang. Wäre dieser mehr geistig und historisch, als völkisch und verbohrt eingestellt, so müßte er als seinen Schutzheiligen den Juden Ferdinand Lassalle verehren, der heute 1925, ohne daß man es sich bewußt ist, lebendiger ist, als an dem fünfzigsten Tage seiner Geburt 1875, wo sein „Verein" korporativ zu Grunde ging, um später doch noch zu siegen. IiidischerUationalismusundIudenhaß. Von Dr. Karl Löwenstein (Lic.), Aachen. (K. C.-Redakteur bis 1914). Der Nationalismus trennt di eVölker. Es liegt in seinem Wesen, daß er nicht nach dem sucht, was alle Menschen miteinander verbindet und sie zusammenführt, sondern daß er das Gegensätzliche und Trennende betont und fördert. Jedes Volk sucht seine Eigenart andern Völkern gegenüber hervorzuheben und auszuschmücken und rühmt sich der wirklichen oder scheinbaren Besonderheiten, die es von anderen unterscheidet und ihnen voraus zu haben glaubt. Ueberschätzung des eignen Wesens, Mißachtung der anderen führen zur gegenseitigen Entfremdung, zur Verständnislosigkeit von Volk zu Volk,- von Mensch zu Mensch. Und Druck erzeugt Gegendruck. Der Nationalismus der einen steigert den Nationalismus der anderen. So entzündet sich in steter Wechselwirkung ein Nationalismus am andern. Der jüdischeNationalismusist hierfür . ein lehrreiches Beispiel. Hat doch erst der Antisemitismus,, also der nationalistisch begründete Judenhaß, den Gedanken eigenen jüdischen Volkstums in den westeuropäischen Ländern aufkommen lassen. Ohne die Dreyfußaffäre wäre Herz! nie zur Gründung der zionistischen Bewegung gekommen. Und auch heute noch erhält das Nationaljudentum durch den Antisemitismus stets neue Antriebe. Ebenso stark tritt aber auch die Gegenwirkung zutage. Der jüdische Nationalismus fördert wiederum die Absonderung und die Entfremdung von denNichtj u d e n. Der nationale Absonderungsprozeß, von. nichtjüdischer Seite begonnen, wird von jüdischnationaler Seite unterstützt und verstärkt. Wie sehr jüdischer Nationalismus den Judenhaß entfacht und gesteigert hat, dafür gibt es Beispiele in großer Zahl. Es ist verständlich, daß wohl nirgends der jüdische Nationalismus hemmungsloser ausgetreten ist als in Palästina. Daher mag zunächst einmal am palästinensischen Beispiel gezeigt werden, wie schnell jüdischer Chauvinismus bei den früher so judenfreundlichen Arabern schärfsten Judenhaß erzeugt hat. Die jüdische Kolonisation, die in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, war ursprünglich auf religiöser, humanitärer und wirtschaftlicher Grundlage aufgebaut. Sie galt als unpolitische Angelegenheit und wurde besonders von mohammedanisch e n A r a b e r n mit ausgesprochener Sympathie begrüßt, was begreiflich ist, da sie Geld ins Land brachte. Fast 3 Jahrzehnte lang haben nichtzionistische Persönlichkeiten und Organisationen ein System von landwirtschaftlichen Kolonien und ein bedeutsames Schulwerk geschaffen, ohne den geringsten Widerspruch bei den Arabern zu finden. Da begann 1907 die zionistische Organisation, die bisher nur Propaganda- und Sammeltätigkeit ausgeübt hatte, ihre. praktische Palästinaarbeit. Sie setzte ein Palästinaamt ein, schuf hebräische Schulen auf jüdisch-nationaler Grundlage und gründete besonders in den jüdischen Stadtvierteln von Haifa und Jaffa (Tel Aviv) Zentren jüdisch-nationaler Propaganda. Die ungünstige Gegenwirkung auf die Araber zeigte sich unerwartet schnell. Hören wir, was Dr. Tschlenoff, eines der fünf Mitglieder der zionistischen Weltexekutive, also einer der prominentesten zionistischen Führer, nach fünfjähriger zionistischer Arbeit in Palästina über die Wirkung der nationalistischen Arbeit schrieb:*) *) Tschlenoff. Fünf Fahre der Arbeit in Palästina. Jüdischer Verlag, Berlin 1913. S. 47 ff.

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