KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268952-2268956--3106-2272288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ferdinand Kassalle, der erste deutsche UalionalsoxiaW. Von Dr. Ernst Hochschild, Frankfurt a. M. (Frib.-Ghib.) (GründungsredakLeur). Vor 100 Jahren, am 11. April 1825, wurde Ferdinand L a s s a l l e, als Sohn eines jüdischen Seidenhändlers, in Breslau geboren. Mit einer ungeheuren Kraftentfaltung durchmaß er, der geborene Agitator, sein kurzes Erdendasein, dem die Duellkugel in Genf am 28. August 1864 vorzeitig und unrühmlich ein Ende setzte. Bedenkt man, daß Lassalle manche Jahre in allerhand Gefängnissen saß, daß er fast 10 Jahre — in der stumpfen Zeit von 1850 bis 1860 — sich aller öffentlichen Betätigung enthielt, so ist die Dynamik seiner letzten Lebensjahre unfaßbar. Außerhalb der politischen Kämpfe ergab er sich nebenbei und doch mit Gründlichkeit der Philosophie und Rechtswissenschaft. Sein zweibändiges Werk über „Heraklit den Dunkeln" und sein mehrbändiges „System der erworbenen Rechte" würden allein genügen, um zwei Männer verschiedener Fakultäten berühmt zu machen. Nicht genug damit, weihte er noch — wie ein Lohengrin — die Jugendjahre seines Lebens dem Schutze der von ihrem Manne ausgeplünderten und mißhandelten Gräfin Sofie von Hatzfeld »schrieb Dramen und umfangreiche literarische Streitschriften, hielt, ohne je Jura studiert zu haben, glänzende Gerichtsreden, lebte zwischendurch in Berlin das Leben eines Gelehrten und lukullischen Genießers, trieb sich in Frankreich, England und dem Orient herum und setzte noch in den allerletzten Monaten, um keinen Korb von der Familie der Helene von Doenniges zu erhalten, Himmel und Hölle in Bewegung. Ein Raketendasein, das aus dem Dunkel der Geburt steil ausloderte, in vielfarbigen Ausstrahlungen die.Augen blendete und dann ebenso plötzlich ins Nichts versank. Seine ihm eigentümlichste Schöpfung aber, die ihn unsterblich gemacht hat, lag nicht im Wissenschaftlichen, im Privaten oder den Prozeßhändeln, sondern in der folgenschweren Gründung einer neuen politschen Partei, von der heute noch die sozialdemokratische Partei Deutschlands sich herleitet. Letztere hatte im Anfang ihrer Entwicklung zwei Wurzeln, die lassalleanische und die marxistische, und weil sich, später die marxistischen Anschauungen durchgesetzt haben, hat man lange Jahre annehmen müssen, daß die Ideen Lassalles nicht stand gehalten und Karl Marx über ihn triumphiert habe. Dieser. alte Streit, dessen Kampfrufe „Hie Lassalle, hie Eisenach" längst verhallt sind, ist aber in den letzten Jahren in eine neue Beleuchtung gerückt und das Jahr der 100. Geburtstages gibt.. willkommenen Anlaß,- den anscheinend rechtskräftig entschiedenen Prozeß Lasalle nochmals zu überprüfen. Das Verhältnis Lassall.es zu Karl Marx war, wie der Historiker Hermann Onken mit Recht hervorhebt, „menschlich, geistesgeschichtlich und politisch die durchgreifendste Komponente seines Lebens." Karl M a r x, der in der Londoner Verbannung lebende Verfasser des kommunistischen Manifests, des revolutionären Aufrufs an die Proletarieraller Länder, Ferdinand Lassalle, der in Deutschland gebliebene praktische Agitator, der ohne im Theoretischen so originell zu sein wie Marx, doch aber eine politische Tat vollbrachte, die Gründung der ersten Arbeiterpartei. In Leipzig, am 23. Mai 1863, nach einem leidenschaftlich geführten Kampfe gegen die liberale Fortschrittspartei und die Ideen von Schultze-Dekitsch, denen bisher die Arbeiter anhingen, ging der Gründungsakt des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" vor sich. Mit dem Prädikate als „Präsident" ließ sich Lassalle auf fünf Jahre an die Spitze setzen und beherrschte dank einer einzigartigen agitatorischen Kraft und des imponierenden wissenschaftlichen Rüstzeugs völlig die Partei, die in jeder Hinsicht das Kind seines Löwengeistes und Willensgenies war. Bezeichnend für den Mann und seinen Stil, war der aphoristische Tagesbefehl vor seiner Erholungsreise im Sommer 1863: „Arbeiter, bei meiner morgen erfolgenden Abreise in die Bäder der Schweiz ernenne ich bis zu meiner Rückkehr Herrn Dr. Otto Dämmer zum Vizepräsidenten des Vereins", oder das Beispiel seines gesteigerten Selbstbewußtseins der Bericht an die Gräfin Hatzfeld von einer Triumphreise am Rhein im Sommer 1864: „Hier (in Wermelskirchen) war nicht mehr von einem Parteisest oder einer Parteiversammlung die Rede. Die ganze Bevölkerung war in einem namenlosen Jubel. Ich kam — ohne es zu zeigen — aus einer gewissen Verwunderung nicht heraus. Ich hatte den Eindruck, so müsse es bei der Stiftung, neuer Religionen ausgesehen haben." Dieses höchstpersönliche Auftreten, die Vergötterung des eigenen „Ich" ging Marx und Engels in London gewaltig auf die Nerven. Abgesehen von den Fanfarentönen, die wider ihren Geschmack waren, waren sie auch abgestoßen durch die aus einer ganz anderen Weltanschauung geborene nationale Einstellung Lassalles, und hiermit wird der heute noch aktuelle Urgrund der Feindseligkeit beider Sozialistenführer berührt.