KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 3 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 42 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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42 herab behandeln. Dies alles waren Gewohnheiten einer Herrenklasse, aber es war nicht die Haltung eines simplen Staatsbürgers. Der feudalistrsche Aufbau drang bis nach unten durch. Die Sucht, einer höheren Klasse anzugehören, mehr zu scheinen, von oben hergebracht, ward unten eifrigst nachgeahmt. In der Tat wäre die Ueberhebung oberer Stände nicht so lange möglich gewesen, wenn durch Schaffung ähnlicher Verhältnisse nach unten nicht gewissermaßen ein Ventil geschaffen worden wäre. Wie die Souveräne ihre übrigen Volksgenossen nicht als „ebenbürtig" ansahen, so die Akademiker ihre übrigen Mitbürger nicht als „satisfaktionsfähig", „kouleurfähig" und so ging es weiter, so daß zwischen der Familie des Untersekretärs und der Obersekretärsfamilie kein connubium und commercium stattfand. Und auch der Antisemitismus paßte in dieses System recht gut. In einem System, in dem es wertvoll war, mehr zu gelten als der andere, exklusiver zu sein als der andere, war für die Unterschichten der Antisemitismus kein unbequemer Ausweg. Denn mochte jemand noch so niedrig auf der sozialen Stufenleiter stehen, so glaubte er imnierhin noch auf den Juden herunter sehen zu können. Die Bevormundung dieses Systems war eine außergewöhnliche und im Ausland als lächerlich empfunden. Und sie war nicht nur Sorge und Bemühung um das Wohlergehen, sondern sie war zugleich auch Mißachtung, insofern sie dem Bevormundeten keine eigenen Fähigkeiten sich zu helfen zutrauten. Daß dies auch im Kriege sich irgendwie zeigen mußte, war klar. 1914, die Stunde der großen Gefahr, die mit einem Schlage die Einheit der Nation in alle Herzen trug, (von 1914 datiert Thomas Mann den Anfang der deutschen Republik!) ließ alles Trennende beiseite. Aber als die Begeisterung, wie es in ihrer Natur als Affekt lag, abgeklungen war und die rauhe und schwere Wirklichkeit einen streng auf das sachliche Ziel gerichteten Willen erforderte, da zeigte es sich, daß eben die Bestimmung dieses Zieles schwierig wurde. Und damals zeigte sich, daß Patriotismus und Patriotismus voneinander verschieden sein können, daß der Patriotismus des Arbeiters, der draußen im Graben lag, eben doch ein anderer war, als, nehmen wir selbst einen günstigen Fall, der des.hohen Offiziers, „dessen Familientraditionen mit Hohenzollernschen Haustraditionen Jahrhunderte Hand in Hand gegangen waren" geschweige denn ein anderer als der des Schwerindustriellen, dessen Blicke auf das Erz? becken von Briey gerichtet waren. - Die uns noch in Erinnerung befindlichen Streitigkeiten um die Kriegsziele bewiesen deutlich, daß es Volksgemeinschaft im wahren Sinne des Wortes eben nicht gab. Der „Patriotismus" dieser und jener war ein verschiedener. Es gibt wohl kaum eine erschütternde Szene, als die, die der ehemaligen Vizekanzler von Payer in seinen Erinnerungen erzählt, wie die Delegierten des Reichstags nach der Friedensresolution mit sorgenvollen Herzen zum Kaiser kamen — es war schon Ende 1917 — und dieser ihnen nichts Besseres zu erzählen wußte, als daß nach Beendigung dieses Krieges der Kontinent unter seiner Führung einen neuen Krieg gegen England beginnen werde.-- Es liegen diese Dinge uns noch etwas nahe, aber gewisse Umrisse heben sich bereits ab und wir müssen versuchen, sie zu erkennen, damit wir die neue Richtung finden können. Der Antisemitismus, der nach der Revolution in Deutschland losgebrochen ist, war ein Versuch, der gestürzten Gewalten, sich wieder in den Sattel zu setzen. In der Art und Manier, in der er betrieben wurde, war er die Ausgeburt, eines schlimmen Geistes. Hier nun verriet er sich ganz, dieser Geist, als er sich nicht mehr sicher fühlte, als ihn die Selbstbeherrschung verlassen hatte. Da war zu sehen, daß er wohl schon' früher die Achtung vor der Menschenwürde und vor dem Menschenrechte verloren hatte. Schwer genug sind die Folgen dieses Antisemitismus in bezug auf unsere Einstellung zuin Staate gewesen. Wenn auch noch so oft der Zionismus seine Herkunft aus der Not des Antisemitismus heraus abstreitet, er wird nicht verleugnen können, daß er einen wesentlichen Teil seiner Kraft daraus bezogen hat. Denn wer kann in Abrede stellen, was wir mit eigenen Augen sahen. Wenn wir sahen, daß junge tapfere Burschen, die mit dem Glauben an Gerechtigkeit in Versammlungen auftraten, um ihre Rechte zu wahren, so beschimpft und begeifert wurden, daß sie all den Mut verloren und nun auf einem zionistischen Landgut arbeiten, um nach Palästina hinüberzugehen. — Wir wollen dem Zionismus eines nicht absprechen, daß er eine Richtung gegeben hat, den Weg in eine Gemeinschaft, daß es ihm damit gelungen ist, aufrechte und gesunde Menschen zu erziehen. — Es kann auf der. anderen Seite aber darüber kein Zweifel sein, daß er pessimistisch orientiert und von der in der Jetztzeit üblichen starken, ja chauvinistischen Betonung der Nationalität gefangen genommen ist.