Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1925-04-01 · Heft 2 (April 1925) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1925
Issue
Heft 2 (April 1925)
Date
1925-04-01
Page
Seite 20 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268952-2268954--3069-2272249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

20 mein jugendliche Drang herrscht, die Schulfesseln von sich abzuschütteln, sondern daß er es auch mit vielen Füxen zu tun hat, die aus kleinen Orten Herkommen und jetzt plötzlich in das große Leben hineinversetzt lverden. Das ist der gefährliche Augenblick, in dem die meisten im Überschwang der Jugend vom Judentum Massen, wenn auch nicht in der äußeren Form, so doch oft vom Interesse am Judentum, und dann nicht wieder zurückfinden können und wollen zu dem, was ihnen im Vaterhaus und in der Schule vielleicht im allzureichlichen Matze mitgegeben worden ist. Der Fuxmajor für Tendenz wird daher mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, um die Widerstände bekämpfen zu können, muß es aber trotzdem vermeiden, als Drillmeister in geistigen Dingen empfunden zu werden. Ich komme nun zur nächsten Frage:' der Technik, die der Fuxmajor für Tendenz beim Unterricht anzuwenden hat. Diese Technik ergibt sich aus dem über den Geist Gesagten, in dem er seinen Füxen gegenüberstehen mutz und dem, was sich ihm an Literatur bietet. Es kann keine einheitliche ^Technik für die Einteilung des Unterrichts gegeben, und keine bestimmte Norm aufgestellt werden. Das wäre sogar schädlich. Davon unabhängig ist aber, auf einem einheitlichen Minimum des Unterrichts zu bestehen. Wenn überhaupt ein Fuxenleitfaden geschaffen wird, wenn überhaupt eine Norm ausgestellt werden soll, so wird man aus den Erfahrungen heraus eine gewisse Grundform der Technik angeben können. Man wird aber einen genauen Umriß weder geben können, noch geben dürfen. Ebenso, wie wir selbständige Persönlichkeiten erziehen wollen, müssen auch die Lehrer, soweit nur irgend möglich, selbständige Lehrer darstellen, und können nicht von einer Zentralstelle aus in ein gewisses System hineingezwängt werden. Unbedingt notwendig ist, daß der Unterricht in einem kleinen Kreise erteilt wird. Das ist nicht immer möglich. Namentlich in der Nachkriegszeit war >es unmöglich, auf diese Weise Unterricht zu geben. Man wird dann zu dem Mittel greifen müssen, eine Teilung vorzunehmen. . Ebenso wichtig ist es, daß der Fuxenunterricht in möglichst zwangloser Form gegeben wird. Es soll in diesen Stunden die Stimmung herrschen, wie in einem freiwillig ausgesuchten Seminar. Es soll nicht nur ein Geben sein Seitens des Fuxmajors und ein Nehmen von Seiten der Füxe, sondern ein gegenseitiger Gedankenaustausch sein, in dem der Fuxmajor der Lehrende sein soll, in dem er seinen Füxen aber nicht als Lehrender erscheinen darf. Er darf nur als' Leiter der Diskussion in die Erscheinung treten. Die Stunde muß den Eindruck einer unverbindlichen Plauderei machen. Darüber hinaus muß betont werden, daß es nicht Sache des Fuxmajors sein kann, den Füxen eine Reihe von Positiven beizubringen, oder ihnen eine Reihe von Gedankengängen aufzuzwingen, die er selbst hegt. Was er bei der ungeheueren Fülle des Materials allein tun kann, ist das Anregen seiner Füxe zur selbständigen Beschäftigung mit diesen Dingen. Es hat keinen Zweck, den Füxen aufzugeben, morgen müßt Ihr das und das gelernt haben, dann werdet Ihr abgefragt. — Es gibt nichts, was geeigneter ist, den Füxen den Tendenzunterricht zu verleiden, als das. Der Fuxmajor muß es verstehen, den jungen Füxen, unter denen die meisten kein Interesse daran haben, Interesse einzuhauchen, sich Bücher zu holen, die Dinge lesen und sich damit beschäftigen, so daß er es gar nicht mehr nötig hat, abzufragen, so daß sie endlich selbst in die Stunde kommenmit Fragen, um sich in der gegenseitigen Diskussion zu erleichtern. Wenn das erreicht ist, dann hat der Fuxmajor der Tendenz seine Aufgabe erfüllt. Er hat den Füxen dann nicht positive Kenntnisse, sondern Interesse am Judentum beigebracht. Das ist aber seine eigentliche Aufgabe. Jeder Fux muß mit Vergnügen lernen. Es darf nicht das Gefühl haben, daß er zu etwas gezwungen wird. Er muß dazu erzogen werden, seine Worte sich wohl zu überlegen, über die Grundlagen unserer Tendenz nicht leichtfertig zu sprechen und die Selöstsicherheit zu gewinnen, daß er, wenn er für uns eintritt, beweisen kann, daß er ein selbstbewußter Jude ist, der sich seiner guten Sache bewußt ist, und nicht durchs ein Gegenargument aus seiner Position gejagt werden kann. Die zweite Frage, die zum Gegenstand meines Referats gemacht worden ist. nach dem System des Fuxenunterrichts ist noch schwerer zu beantworten, als die nach der Technik. Vielleicht ist die Herausgabe des Fuxenleitfadens immer wieder an der Systematik gescheitert, weil man sich über die Frage der Systematik nicht einigen konnte. Es kommen m. E. nur zwei Systeme in Betracht: das eine ist ein historisches und das andere ein stoffliches System. Die Anhänger des historischen Systems wollen den Stoff, der den Gegenstand unserer Tendenz ausmacht, in der Form lehren, daß sie ihn im Wege eines Durchgangs durch die Geschichte der Juden, insbesondere durch eine deutschjüdische Geschichte, geben, und so in diesem Rahmen ungefähr alle die Ereignisse bringen, die den Füxen beigebracht werden müssen, wenn sie einen Ueberblick darüber haben sollen, was unsere Tendenz ausmacht. Diesen müssen sie aber im Kampf im späteren Leben und in Versammlungen haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.