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KC-Blätter · 1925-04-01 · Heft 2 (April 1925) · p. Seite 15

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Journal
KC-Blätter
Volume
1925
Issue
Heft 2 (April 1925)
Date
1925-04-01
Page
Seite 15 (sequence 5)
Language
German
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15 abgelaufen war, mußte man von neuem verhandeln. In manchem Gegenden wurde der Schutz fristlos gewährt, und nur, wenn die Juden selbst abziehen wollten, mußten sie suchen, auf irgendeine Art den Vertrag zu lösen. Nun bestand aber seit langer Zeit die Fiktion, daß im Deutschen Reich der Kaiser ein Anrecht aus alle Juden hätte. Ursprünglich hatten sich die Juden als kaiserliche Schutzbefohlene in Deutschland niedergelassen, im Mittelalter nannte man sie „Kaiserliche Kammerknechte". Die Kaiser hatten den Anspruch, daß sie Schutzherren aller Juden wären, obwohl sie dieses „Regal" längst abgetreten hatten, niemals aufgegeben. Der Kaiser hatte. im 16. und 17. Jahrhundert bei der völligen Auflösung des Reiches keinen Einfluß auf dieses, aber in bezug auf die Juden hielt er an seinen Rechten fest und machte sie gelegentlich geltend. Die Juden legten ebenfalls Wert darauf, unter dem Reichsadler zu leben. . Das hatte seine Vorteile, denn überall in Deutschland gab es Grenzen, und wenn die Juden unter dem Reichsschutz und des Kaisers Schutz standen, konnten sie Anspruch darauf erheben, sämtliche Straßen frei zu befahren. Im Lause der Zeit hatten die Kaiser, wie mit allem Reichsgut, so auch mit dem Judenregal jammervoll gewirtschaftet; es war bald dem einen, bald dem anderen Stande durch Gesetzgebung oder Veräußerung oder als Belohnung für gewisse Leistungen abgetreten worden. In dieser Zeit war es soweit gekommen, daß eigentlich sämtliche Reichsstände einen Anspruch darauf erhoben, Juden halten zu dürfen. Die reichsunmittelbaren Herren vom hohen und niedrigen Adel in Franken, Schwaben, am Rhein und überall, wo überhaupt eine Souveränität existierte, sie alle wollen aus dem Juden Nutzen ziehen. „Juden zu halten" wurde im Laufe der Zeit selbstverständliches Privileg aller Standesherren; sie haben sich alle darum beworben, und alle davon Gebrauch gemacht.. Und das zeigt wieder, daß die Juden nicht so schädlich gewesen sein können, wie man es in der Theorie behauptet. Verfügten sie über Geld, so konnten sie damit alle angeblichen .Sünden gutmachen. Schlug der Wind um, so wurden sie vertrieben, wie es hieß „auf ewig", aber es dauerte nicht lange, und man holte sie wieder herein.' Im Laufe der Zeit gab es kaum ein Territorium, das nicht Juden hielt, nur wenige, wie der Herzog von Bayern, waren standhaft genug, auf den Vorteil zu verzichten. - Diesen Vorteil erkannten die einzelnen Territorialfürsten ganz besonders in der Zeit, wo sie anfingen, , ihre Landeshoheit auszubauen. Aus dem zerklüfteten Deutschen Reich bildeten sich große Territorialstaaten, wie Preußen, Sachsen, Bayern. Das Streben der einzelnen Landesherren, ihre Territorien auszubauen, kam den Juden zugute. Im Laufe der Zeit änderte sich' auch die Mentalität' der deutschen Intelligenz, man begann humaner und toleranter zu denken. Luther selbst hat zwar eine neue Orthodoxie in Deutschland gestiftet, das Luthertum blieb nicht so freiheitlich, wie es sich zuerst den Anschein gab und Wiehes von protestantischer Seite dargestellt wird; aber im Luthertum lag der Protest gegen die Gebundenheit des Mittelalters. Es schlug eine starke Bresche in die Mauer der katholischen Kirche, stürzte die Anschauung, daß es nur eine allein seligmachende Kirche gäbe, und daß, wer außerhalb dieser stand, keinen Anspruch auf Seelenheil hätte und ein Mensch von minderer Beschaffenheit wäre. Das war ein bedeutender Fortschritt, ob Luther ihn wollte oder nicht. Und da nun einmal ein Jahrhundert lang für das Prinzip der Gleichberechtigung von Katholiken und Protestanten gekämpft wurde, und im Westfälischen Frieden beide Konfessionen als gleichberechtigt anerkannt wurden, war hier die Möglichkeit gegeben, daß Menschen, die in Glaubensdingen nicht gleich dachten, gleiches Recht im Staate fordern durften. Der Protestantismus bleibt auch nicht orthodoxes Luthertum, innerhalb dieser Kirche bildeten sich Spaltungen, sonderten sich Gruppen ab, die sämtlich Ansprüche auf Anerkennung und Gleichberechtigung machten. Und es drangen schließlich von England und Frankreich her neue religiöse und philosophische Strömungen ein, die auf das Recht der Laien, selbständige Meinungen auch in grundlegenden Kirchen- und Glaubensfragen zu äußern, pochten, und die ebenfalls nicht als außerhalb der Christenheit und als außerhalb des Menschentums stehend behandelt werden konnten. So bereitete sich allmählich eine Aenderung in der Mentalität des deutschen Menschen vor. Das wichtigste Ergebnis war, daß man nach und nach zu der Erkenntnis gelangte, daß es Menschen gibt, die nicht rechtgläubig und doch für das Gemeinwohl recht brauchbar sind. Man vergegenwärtigte sich auch, daß eine Menge Christen unter den Heiden und Mohammedanern lebten, und daß man auch für diese menschliche Behandlung forderte. So fing es allmählich an zu dämmern, daß in der Christenheit selbst Glaubensverschiedenheiten bestanden, und daß schließlich die Christenheit nicht, die ganze Welt beherrschte/sondern selbst auf Toleranz Anspruch zu machen genötigt war. So begann man Analogieschlüsse zu ziehen, das alte Vorurteil zu durchbrechen und mehr Toleranz auf die Juden anzuwenden.

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