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KC-Blätter · 1925-01-01 · Heft 1 (Januar 1925) · p. Seite 7

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Journal
KC-Blätter
Volume
1925
Issue
Heft 1 (Januar 1925)
Date
1925-01-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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7 entgegengesetzte Extrem verfallen und alles aus dem Gefühl erklären. Zwar verträgt die Intuition, mit der ein Künstler sein Werk schafft, keine Nachhilfe durch die Vernunft, viele sonstige Probleme aber sind nur durch Verstandesarbeit zu lösen und die Lösung jeder Frage strebe zu einer Nachprüfung durch den Verstand. Lier verjagt nun leider ein großer Teil unserer Generation. Man begnügt sich so häufig damit, sich auf das bloße Gefühl zu verlassen, ohne daß man versucht, sich über diese Gefühle klar zu werden. Ich weiß, was von Nietzsche bis Spengler über diese Frage geschrieben worden ist. Doch hat sich keiner von ihnen damit zufrieden gegeben, seine Ansichten mit einem Linweis auf sein Gefühl zu erklären, sondern hat jeder in ernster und scharfsinniger Verstandesarbeit den Stoff, den er bewältigen wollte, durchdrungen. Dies Streben fehlt einem großen Teil der heutigen Jugend; es fehlt auch einem großen Teil der K. C.er. Gerade für einen K. C.er wird dieser Mangel aber verhängnisvoll. Denn hilflos steht er den für ihn wichtigsten Problemen von Deutschtum und Judentum gegenüber, wenn er darauf verzichtet, verstandesgemäß das Für und Wider abzuwägen. - So wenn der Zionismus als Lauptstütze seiner Ansicht immer wieder vorbringt, jeder Jude müsse es doch fühlen, daß er anders sei als die übrigen Bewohner seines Leimatlandes. Mit dem bloßen Linweis darauf, daß wir uns im Gegensatz zu dieser Anschauung als gute Deutsche fühlen, mit der Erklärung, wir liebten unsere heimischen Wälder, Berge und Seen ebenso stark wie diejenigen, welche sich „Arier" nennen, ist es nicht getan, denn damit können wir wohl einen Gegensatz zum Ausdruck bringen, aber nicht überzeugen. Durchdenken wir aber das Problem, vertiefen wir uns in die Quellen der Geschichte und in die Werke, welche dem Problem gewidmet sind, dann erkennen wir, daß dies Gefühl zum allergrößte» Teil erkünstelt ist, vor allem aber, daß die Folgerungen, welche daraus gezogen werden, dem prüfenden Verstände nicht standhalten können. Ein selbsterlebter Fall möge dies beleuchten: Ein junger jüdischer Mann erklärte, sein Schönheitsideal, insbesondere das Bild, das er sich, von Frauenschönheit mache, sei durchaus jüdisch, und diese Neigung könne doch nur durch die Raffe gedeutet werden. Er übersah dabei aber, daß die erste Frau, die er verehrend betrachtete, seine Mutter gewesen ist und daß so von frühester Kindheit an ihr Bild ihm unbewußt als Ideal vorschwebte. Sofort war also der zuerst so dunkel erscheinende Trieb aus der Sphäre des Animalischen, Raffemäßigen, herausgehoben und dem denkenden Verstände erklärbar; sofort fielen alle Folgerungen, die jener schon an sein Gefühl geknüpft hatte, weg und es blieb als unerklärlich nur die Frage, auf welche Weise überhaupt Sympathie entstehen könne, eine Frage, die ebenfalls einer verstandesmäßigen Erforschung nicht unbedingt widerstrebt. Ich gebe zu, daß eine derartige Prüfung mehr Arbeit und Anstrengung erfordert als die lediglich auf das Gefühl gegründete Stellungnahme. In diesem Amstande liegt aber der Grund für viele Erscheinungen unserer heutigen Kultur, denn die Mehrzahl dieser Erscheinungen läßt sich nur aus der Faulheit unserer Generation erklären. Dies ist ein Lauptgrund, warum man darauf verzichtet, die Probleme zu durchdenken und sich lieber auf das Gefühl beruft. Wie können wir aber z. B. unseren deutschvölkffchen Feinden entgegentreten, wenn wir ihnen mit der geistigen Einstellung von Dienstmädchen oder Fidschi-Insulanern gegenüberstehen? Den Antisemitismus hat man als den „Sozialismus des dummen Kerls" bezeichnet. Wenn wir nicht bestrebt find, innerlich vollendeter zu sein, wenn wir uns nicht durch klare und vernünftige Prüfung der Probleme zu einem Verlassen des Standpunkts tierischer und heidnischer Gefühle erzogen haben, dann werden wir den Kampf schlecht bestehen können. Was die religiösen Probleme anlangt, so knüpfe ich an die oft zu machende Wahrnehmung, an, daß Vorträge oder Kurse über irgendein metaphyfisches Thema scharenweise besucht werden, während derartige Veranstaltungen, falls sie ein geschichtliches Thema behandeln, selbst wenn sie von demselben Redner abgehalten werden, nur eine spärliche Zuhörerschaft finden. Auch dieser Llmstand erklärt sich weniger aus dem Streben nach dem Metaphysischen als aus der Bequemlichkeit der Befucher. Unterhält man sich mit einem der vielen, die ihre Religiosität wiedergefunden glauben, dann erkennt man meist, daß ihnen jedes Streben abgeht, sich ernstlich der Frage zu widmen; der wiedergefundene Gott ist ihnen eine Sensation, nicht anders, als wenn sie eine neue Revue im Operettentheater oder eine neue Likör-Mischung genießen. Von einem K.C.er, der als Akademiker später einmal zu der geistigen Elite des Landes zählen soll, muß erwartet werden, daß er seine Stellung zum Judentum ernster auffaßt. Es ist seiner unwürdig, heute Buddhist und morgen Astrologe zu sein. Zu einem klaren Weltbilde aber gelangt er nur, wenn er bestrebt ist, seinem Gefühle denkend Stützen zu bauen.

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