KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 nicht ganz hinweg. Und daraus erklärt es sich, daß manche, denen die innere religiöse Beziehung von Haus aus sremd oder im Laufe der Zeit verloren gegangen ist, während sie dennoch das Gemeinschaftsbewußtsein behalten haben, dieses Gemeinschaftsbewußtsein in national-jüdischen Gedanken suchen. Das aber muß festgestellt werden, daß dieses Gemeürschaftsbewußtsein durch die ganze Geschichte des. Judentums hindurch lediglich ein geistig-religiöses gewesen ist, und daß das scheinbar Nationale nur gleichsam ein Seitenast ist, der. durch den ungesunden Druck und die Recht- und Heimatlosigkeit sich in anderer Weise ausprägte, als bei natürlicher Entwicklung der Fall gewesen wäre. Das moderne Leben verlangte gebieterisch die Freiheit der Persönlichen Ueberzeugung in allen religiösen Dingen — auch im religiösen Interesse selbst. Es ist nicht unsere Aufgäbe und unser Recht, den Einzelnen zu fragen, aus welchem Grunde und' in welchem Sinne er sich zum Judentum zählt. Aber für die Beurteilung der Gesamtheit und Gemeinschaft ist es unerheblich, ob der einzelne, der zu ihr gehört, in jeder Beziehung den Gemeinschaftsgedanken als für sich bindend anerkennt. Das Judentum als Gesamtheit ist religiöse Gemeinschaft, und auch der einzelne, der innerlich nicht oder nicht ganz auf dem Boden dieser religiösen Gemeinschaft steht, ist bewußt oder unbewußt durch das geschichtliche Leben von Jahrhunderten an sie gebunden und geistig und seelisch beeinflußt. Das aber muß gefordert werden, daß, wie immer der einzelne in seiner religiösen Haltung sich zur Gemeinschaft stellt, er den Sinn dieses Gemeinschaftslebens kennt und erfaßt und den Ausprägungen nicht fremd gegenübersteht. Daraus folgt die Forderung der Kenntnis und Vertiefung der Kenntnis vom Judentum gerade innerhalb unseres Verbandes. Als der K. C. begründet wurde, hat man geglaubt, die antisemitischen Angriffe mit der Waffe in der Hand ab- . wehren zu können. Das ist Jahrzehnte hindurch möglich gewesen und bis zu einem gewissen Grade erfolgreich durchgeführt worden. In der Gegenwart können wir uns einen wirksamen Erfolg von dieser Methode nicht mehr versprechen. Das Kampsfeld ist ein anderes geworden, das Geistige mehr in den Vordergrund getreten. Daraus folgt die. Forderung der Vertiefung des geistigjüdischen Lebens in unserm Verbände. Die K. C. Verbindungen sollen durchaus nicht jüdische Diskutierklubs oder spezifisch jüdisch-wissenschaftliche Vereine sein, wohl aber die Stätten, von denen Kenntnis und Verständnis des Judentums ausgeht; denn nur so werden wir die Führer in den Kämpfen heranbilden können, die sich gerade aus dem K. C. rekrutieren sollen. Und es ist eine sehr wesentliche Frage für den Weiterbestand unseres Verbandes, daß er nicht nur negativ die Abwehr des Antisemitismus und die Ablehnung des jüdischen Nationalismus, sondern positiv die Vertiefung und Festigung des jüdischen Bewußtseins in seinen Angehörigen betreibt. Auf diesem Wege aber kann und wird die Kluft zwischen persönlicher Anschauung und dem Sinn der Gemeinschaft für den Einzelnen wie für die Gesamtheit am leichtesten überbrückt werden. Unsere kulturelle Kampfstellung. Von vr. Ernst Gold sch midl-Offenbach (Ghib.). Anter der Überschrift „Ansere politische Kampfstellung" hat Franz L. Eugen Fuchs im 3. Lest der C.-Blätter" von 1924 ein Thema behandelt, das auf lange Zeit hinaus im Mittelpunkt der Erörterungen zu bleiben verdient. Der Tatsache gegenüber, daß viele unserer Glaubensgenossen in einem Anschluß an die Leute des Ordnungsstaates eineÄilfe gegendenrevolutionären Antisemitismus sehen, legt er in glänzender und überzeugender Weise dar, daß die Geschichte unftrer Emanzipation uns auf die Pfade des Liberalismus verweist und daß ein wiedererstehender Kastenstaat wie ehedem unser natürlicher Feind werden würde. Diese Ausführungen vertragen eine Erweiterung auch aus das Gebiet unseres kulturellen Kampfes. Es war seither dem Zweck des Fuchsschen Artikels entsprechend nur die Rede von unserer politischen Stellungnahme zu den Ordnungsparteien. Auch der Kampf gegen unsere völkischen Gegner, mögen sie hitlerisch oder zionistisch sein, ja unsere gesamte Stellung als Juden erfordert ein Zurückgreifen auf Formen, wie sie uns die Kultur des Liberalismus übermittelt hat. Zwar haben wir erkannt, daß die sogenannte liberale Periode viele Punkte übersehen hat, die für unser Leben wesentlich sind. Man übersah die Bindungen, welche aus dem Verhältnis des Menschen zur geschichtlichen Entwicklung und zur Natur entstanden sind, man übersah die Sehnsucht nach dem Äberirdischen und die enge Beziehung von Form und Inhalt. Jene Periode war untrennbar mit den Denkformen des Rationalismus verbunden: Was nicht verstandesgemäß festgestellt werden konnte, galt als nicht bestehend.. Wenn wir aber auch diese Denkformen nicht mehr als die alleinigen Quellen des Erkennens betrachten, so ist doch hiermit nicht das Streben zu verbannen, uns auch verstandesmäßig klar zu werden über das, was wir erkennen wollen. Es wäre ein sehr großer Fehler, wollte man nun in das