KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 1 (Januar 1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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5 grund stellte: die Pharisäer. Sie haben das religiöse Leben durch die möglichste Verwirklichung der Forderung des allgemeinen Priestertums ganz Israels demokratisiert und mit dieser Demokratisierung die Individualisierung und zugleich den Ausgleich mit den unerläßlichen Forderungen der religiösen Gemeinschaft vollzogen. Die Zerstörung des Tempels hat eine neuartige Situation geschaffen. Nach antiker Auffassung war das Volk und der Gott der Juden vernichtet. Trotzdem wurde den Juden die Eximierung von der Reichsreligion zugestanden; man hielt es für eine unschädliche Marotte. Der Staat hatte aber damit sein eigenes Prinzip, die offizielle Religion, durchlöchert. Die Eni> Wicklung der römischen Kaiserzeit drängte zunächst zu stärkerer Betonung der Persönlichkeitsreligion, für die mit zunehmender Macht das junge Christentum kämpfte. Aber seit der Mitte des dritten Jahrhunderts ging die Entwicklung den entgegengesetzten Weg, und als unter Konstantin das soeben noch verfolgte Christentum die Gleichberechtigung erlangt hatte, griff es sofort nach der Macht. Der antike Begriff der Staatsreligion wurde beibehalten oder vielmehr umgewandelt inden mittelalterlichen christlichen Begriff der Staatskirche, der viel weiter ging als der antike und sich nicht mit der offiziellen Anerkennung der Staatsreligion begnügte, sondern in steigendem Matze auch die persönliche Frömmigkeit kontrollierte. Die Sektenbildungen, die Ketzer, vertraten die persönliche Frömmigkeit, die Kirche suchte die Sekten zu unterdrücken. Das war ihr zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelungen, aber 200 Jahre später regten sich immer stärker die neuen Bewegungen. Die neue Zeit ist gekennzeichnet durch den Kampf des Individualismus gegen mittelalterliche Gebundenheit. Freilich hat sie sich von dem Begriff der Staatsreligion lange und z. T. bis auf den heutigen Tag nicht loszumachen vermocht. Auch nach der Reformation ist die freie Religionsübung zunächst nicht dem einzelnen Menschen, sondern nur dem einzelnen Fürsten zugestanden worden, der seinerseits die Religion seiner Untertanen bestimmte. Erst seit dem 17. Jahrhundert erfuhr der Begriff der Staatsreligion eine allmähliche Umbildung, und heute ist, wenigstens theoretisch, der Grundsatz allgemein anerkannt, den der große Ostgotenkönig Theodorich schon vor 1400 Jahren ausgesprochen hat; „Die Religion können wir nicht gebieten, weil niemand wider seinen Willen zum Glauben gezwungen werden kann." Wie wenig die Praxis dieser Theorie entspricht, bedarf keiner Darlegung. Das mittelalterliche Prinzip der christlichen Staatsreligion ist immer wieder durchbrochen worden durch die Duldung der Juden. Die Kirche wollte ihre Erhaltung als Zeugnis für die Wahrheit des Christentums, der Staat aus ganz materiellen Rücksichten. So waren die 'Juden und wurden es im Laufe des Mittelalters immer mehr ein Fremdkörper im Staatswesen. Sie standen als Einzelwesen wie als Gemeinschaft unter besonderem minderen Recht. Dazu kommt, daß das Mittelalter mit seiner ständischen Verfassung den Einzelmenschen eigentlich nur als Glied der Gemeinschaft kannte. Ghettodruck und Ghettonot und die sich immer stärker herausbildende Tendenz, die Juden solidarisch haftbar zu machen, haben das Gemeinschaftsbewußtsein der Juden ganz außerordentlich verstärkt. Wer die Gemeinschaft antastete, ja auch nur anzutasten schien, wer auch nur in einer uns vielleicht gleichgültig erscheinenden Aeutzerlichkeit von der Gemeinschaft abwich, galt als Feind der Gemeinschaft, als Feind des Judentums. Trotzdem war im allgemeinen die rein theoretische Ueberzeugung des einzelnen frei. Der Kampf gegen die freie Forschung im 13. Jahrhundert hat erfreulicherweise nicht mit einem Siege der Gegner der Wissenschaft geendet, und wenn es auch nicht ganz an Beispielen dogmatischer Unduldsamkeit fehlt, so zählen sie doch zu den großen Seltenheiten. Persönliche Frömmigkeit und Gemeinschaftsbewußtsein stimmten im allgemeinen durchaus zusammen. Das blieb so bis an die 'Schwelle der neuen Zeit, als sich den Juden zuerst der Anschluß an die moderne Kultur eröffnete. Das Heinesche Wort von der Taufe, die das Entreebillet zur europäischen Kultur sei, enthält für das 18. und die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts viel Wahrheit. Und es ist verständlich, daß dieses Wort auch umgekehrt wurde, daß man in dem Anschluß an moderne Kultur die Abtrünnigkeit, die Gefahr der Zersetzung sah. Aus solcher Anschauung heraus erfolgte z. B. schon unter der Regierung Friedrichs d. Gr. die Ausweisung eines jungen Mannes aus Berlin, der am hellen Tage ein deutsches Buch über die Straße getragen hatte, ebenso der Bann deutscher Rabbiner gegen Moses Mendelssohns hochdeutsche Bibelübersetzung und der Kampf gegen die deutsche Predigt, der bis in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts dauerte. Erst allmählich vollzog sich der Ausgleich. Es erwies sich als Unmöglichkeit, die Juden von der modernen Kultur fernzuhalten, aber das Gemeinschaftsbewußtsein mußte ganz naturgemäß einen andern Inhalt und einen andern Charakter annehmen. Noch sind wir über die Kämpfe und Schwankungen