KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 39 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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39 die Juden in der Diaspora. Man vergißt nur, daß Anpassung an die Kultur und das Abrvenden von ihr sich nach Gesetzen regeln, bei denen der Wille nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Wohl kann er — wie bereits erwähnt — auf palästinensischer Erde, wo hindernde Einflüsse fast ganz fehlen, etwas schaffen. Auf dem Boden der alten .Kulturstaaten aber, wo Tradition und Lebensnotwendigkeiten stärker sind als die Menschen, schwindet seine Macht. Und der Einfluß eines noch so blühenden und noch so entwickellen Palästina wird niemals grundlegende Aenderungen in der Kultureinstellung der Juden in der Diaspora Hervorrufen. Klatzkin ist ganz dieser Meinung, wenn er in seinen Zukunftsträumen nur Palästina und seine Kultur gelten läßt, die Judenheit in anderen Ländern aber lediglich als das Reservoir für Palästina betrachtet, das dem Untergange geweiht ist, wenn Palästina blüht, und das inzwischen durch eine pseudojüdische Kultur in seiner Abgeschlossenheit erhalten werden muß. Hier berühren sich die Gegensätze, denn auch wir erkennen, daß jüdische Kultur nur möglich ist, wenn die gesamte Judenheit sich im heiligen Lande sammelt und dort Selbständigkeit gewinnt. Und damit fällt der jüdische Kulturbegriff in sich zusammen! Klar erweist sich, daß nicht nur keine jüdische Kultur existiert, die über den Rahmen des. Religiösen hinausgeht, sondern daß sie auch unmöglich ist, solange die Weltgeschichte in ihren alten Bahnen verläuft. Ihr nachzujagen ist heute eine Verschwendung an Kraft, die besser der Aufgabe zuzuwenden wäre, die jüdischer Kulturwille wirklich lösen kann rund muß: Innerhalb und außerhalb der Judenheit den religiösen Kulturwerten des Judentums Geltung zu v ersch affen! Motive und Fragmente. Von Dr. Fritz Freund (Bav.). IV. Jüdische Weltanschauung (Ein Grundriß.) A* Die zeitlose Formel. Mit dem politischen und militärischen Zusammenbruch ging der geistige Hand in Hand. Ein elementarer Drang faßte das ganze Volk, wieder aufzubauen, was grauenvoll zerstört, wieder zu erneuern, was verschlissen und verbraucht war. Auch in den Bezirken des inneren Menschen, im Geistigen und Seelischen, sollte wieder-, aufgebaut, erneuert und neu geschaffen werden, im voraus berechnen läßt, steht im Vorder- Nicht das Ergebnis, soweit es vovliegt oder sich grund*), sondern lediglich das Bedürfnis nach „Weltanschauung" (man frage Buchhändler und Bibliothekare!). An diesem Tasten und Suchen haben wir deutschen Juden doppelten Anteil. Wir fragten und fragen nach alldem, was auch das übrige Deutschland bewegte, dazu aber noch nach Wesen und Inhalt des uns ebenfalls problematisch gewordenen Jüdischen in der'Welt, in der Welt der sozialen wie der geistigen Wirklichkeit. Hinzu kommt für uns ein Besonderes: wir brauchen das „erkenne dich selbst" nicht nur aus denselben Gründen wie unsere nichtjüdische deutsche Umwelt: als treuen Kompaß in den Stürmen der Zeit; sondern wir bedürfen seiner auch als Mittel zu einem Zweck, der uns scheinbar ein äußerer ist: als Mittel, um Inhalt und Auswirkung der zweiten Emanzipation eindeutig zu bestimmen. Beobachter jüdischen Wesens haben immer mit besonderer Betonung auf die abstrakte Geistigkeit, auf die ungeheure Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit und auf den starken, nüchternen Wirklichkeitssinn der Juden verwiesen. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen zu prüfen, wie hier Anlage, Geschichte, Glaubenslehre, politische, soziale und soziologische Stellung gewirkt haben. Daß die Beobachtung als ganzes zutreffend ist, kann kaum bestritten werden, wenn man nicht grundsätzlich aus wissenschaftlicher Akkuratesse es überhaupt ablehnt, Menschengruppen als Einheit zu beurteilen und gewiffe zahlen- oder gradmäßig dominierende Eigenschaften zu dem Range von typischen zu erheben. Es ist reizvoll zu sehen, wie die großen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte, insbesondere die Propheten, bei allem Pathos und aller tiefen Gläubigkeit, allem Schwung des Empfindens und aller Leidenchaft der Gebärde niemals außer acht ließen: die W i rkl ichk ei t (im alltäglichen Sinne des Wortes), die tatsächlichen Verhältnisse, die Menschennatur, die nun einmal so und nicht anders ist. Die Umprägung des Willens in die Tat, die auf die Gestaltung der wirklichen Verhältnisse gerichtet ist; die den Erfolg heischende Kraft, die sich mit gutem Willen und edlen Stimmungen nicht begnügt, sind unrom a nt ifch im eigentlichsten Sinne, wie die stärkste Komponente im jüdischen Wesen es ist: die jüdische Religiosität. Auf der anderen Seite zeigt sich dem, der aufmerksam prüft, ein ungemeiner Idealismus, *) Der Skeptiker dürfte versucht sein zu sagen, daß das Gute nicht neu und das Neue nicht gut sei. Immerhin gibt es auch Optimisten.