KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 38 (sequence 12)
- Language
- German
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38 Die eine will nur feststellen, daß die charakteristischen Merkmale jüdischer Denkweise und jüdischen Gefühlslebens ausreichen, um die Kulturanschauungen, in denen Juden leben, als schlechthin jüdisch zu bezeichnen. Den beiden anderen ist gemeinsam, daß sie keine jüdische Kultur voraussetzen, sondern sie aufzubauen trachten, und zwar sucht die erste Partei ihr Ideal in den Niederlassungsstaaten zu verwirklichen, während die zweite sie auf dem Boden Palästinas erstehen lassen will. Nur wenige Argumente brauchen den Vertretern jener Richtung entgegengehalten zu werden, die unsere heutige Kultureinstellung an sich für jüdisch aussieht. Abgesehen davon, daß auch hier jede Einheitlichkeit fehlt und der „jüdische" Italiener in seinem Denken und Fühlen den „jüdischen" Deutschen nicht zu verstehen imstande wäre, bedeutet es eine ganz eigentümliche Umkehrung der Begriffe des klaren Menschenverstandes, wenn man einen Menschen, der beispielsweise deutsch spricht, deutsche Dichtungen schreibt, in Deutschland lebt und mit deutscher Wirtschaft und Politik sich eng verbunden fühlt, deshalb für undeutsch hält, weil seine Kultureinstellung durch das Judesein eine besondere Färbung erhalten hat. Es bedeutet solcher Glaube entweder ein Verkennen der Tatsache, daß ein Kulturtypus nie einheitlich ist, und daß innerhalb seines Geltungsbereichs es der Schattierungen unendlich viele geben könne, oder er stellt lediglich eine Verbeugung vor der Theorie des Rassenantisemitismus dar. Entweder übersieht diese Meinung, daß unter den durch das Deutschtum geeinten Menschen gewaltige Unterschiede im Glauben, Denken und Wollen, im Temperament und im Charakter vorhanden sein können, oder sie erblickt im Deutschtum einen mystischen Begriff, den Blut und Abstammung unabänderlich festlegen, statt daß ihn der Kulturwille bewußt schafft. Bedenklicher schon ist das Bestreben, auf dem Boden der Heimatländer jüdische Kultur zu schaffen, und. man muß gestehen, daß in den letzten Jahrzehnten mit Eifer auf dieses Ziel hingearbeitet worden ist. Man begann mit der Entdeckung des Ostjudentums, mit der Verhimmelung seiner „Volkskraft", mit der Empfehlung seiner Kultur. „Jiddisch" wurde die große Mode, keine jüdische Veranstaltung war ohne den Vortrag von Jargonliedern denkbar, und auf geistigem Gebiete feierte die Anbetung des Chassidismus — Buber hatte freilich aus seiner ungebändigten, gewaltigen, oft grauenerregenden Macht einen höchst manierlichen, geschniegelten Salongötzen gemacht — geradezu Orgien. Und als die Reaktion kam, als man sich etwas ernüchtert vom Ostjudentum abwandte, kam der Urgrund der Mühen und ihr Ziel klar zum Vorschein. Die Künder der „jüdischen" Kultur betrachteten als Maßstab des Jüdischen lediglich die Fremdartigkeit und empfahlen alles als jüdisch, was die Absonderung förderte. DasHedadrufen wurde ebenso zum Range einer jüdischen Kultureigentümlichkeit erhoben, wie das Tragen des Davidsterns. Ohne damit eigentlich religiöse Ziele zu verfolgen, trat diese Richtung auch für religiöse Gebräuche da ein, wo sie das Bewußtsein der Fremdartigkeit mehrten. Und die geplante Errichtung eines in hebräischer Sprache lehrenden Schulwesens, das kaum versucht, geschweige den verwirklicht werden kann, schlägt in dieselbe Kerbe. Aus der Politik hervorgegangen, von den politischen Ideen des Tages genährt, besaß diese Art der jüdischen Kulturarbeit nur solange Kraft und Einfluß, als man — im sicheren Besitze seiner wirklichen Kultur — nach dem positiven Ergebnis des Mühens nicht zu fragen brauchte. Sie brach zusammen — obwohl ein Theoretiker vom Range Klatzkins ihren relativen Wert anerkannte — als die wirkliche Notwendigkeit einer jüdischen Kirltur sich für die Siedlungen in Palästina ergab und der erste Augenschein lehrte, daß ihr ganzes Streben auch nicht die kleinste, brauchbare Frucht gezeitigt hatte. Diese dritte Richtung aber, die jüdische Kultur auf dem Boden des heiligen Landes schaffen will, bedarf wirklich ernsthafter Würdigung. Die Scharen, die aus aller Welt nach Palästina kamen und kommen, entstammen so verschiedenen kulturellen Bedingungen, daß eine Verständigung und ein Zusammenarbeiten unmöglich waren, sofern nicht etwas Neues sich ergab. Es entstand nun von selber nichts, sondern es wurde bewußt g eschassen! Und dieses vereinzelte Beispiel einervom logischen Willen geschaffenen Kultur ist auch für die Theorie der Kulturgeschichte bemerkenswert. In den Gefilden Palästinas ist wirklich neue Kultur entstanden, die hebräische Sprache ist wieder zu Ehren gelangt, neue Formen der Lebensgemeinschaft bilden sich, eine spezifische Kunstrichtung bricht sich Bahn, und ein Doppeltes steht fest: In Palästina wächst eine neue Kultur heran, und nur Juden sind ihre Träger. Ist sie aber darum die j ü d i s ch e Kultur? Man muß ihr gewiß zugestehen, daß sie an gemeinsam Jüdisches — insbesondere in der Sprache — weit mehr anknüpft als jede andere Teilkultur. Aber trotzdem kann sie kaum etwas anderes werden als die Kultur eines gewiß sehr beachtlichen Sektors der Gesamtjudenheit, immerhin jedoch nur die einer Gruppe. In zionistischen Kreisen verspricht man sich zwar Wunder von den Rückwirkungen palästinensischen Lebens auf