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KC-Blätter · 1924-08-01 · Heft 3 (August 1924) · p. Seite 37

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 3 (August 1924)
Date
1924-08-01
Page
Seite 37 (sequence 11)
Language
German
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37 meinsames, das allen Juden eigen ist, sondern die Eigentümlichkeit der jüdischen Form der religiösen Betätigung in Verbindung mit gewissen überall in gleicher Weise wirksamen judenfeindlichen Elementen der Politik ist gleichfalls am Werke, kulturelle Scheidewände aufrichten; und so ist eine Rückbildung zu verzeichnen, die an die Stelle der ursprünglichen völligen Kulturasfimllation neue Gebllde setzt, über deren Charakter und deren Verhältnis zur wirklichen jüdischen Volkskultur noch zu sprechen sein wird. Die jüdische Religion streckt — in der Diaspora mit ihrer steten Bedrohung der Existenz des Judentums verstärkt sich diese Tendenz immer mehr — ihren schützenden Arm über so manches Gebiet, das sonst dem Profanleben angehört, und ihr System der Speisegesetze beispielsweise adelt nicht nur Alltagsgewohnheit, sondern errichtet zwischen dem Juden und dem Andersgläubigen eine Mauer, die geselligen Verkehr und damit intimere, häusliche Freundschaft und Gemeinschaft ausschließt. Die Politik unterstreicht durch ihre Judenfeindlichkeit diese Neigung noch besonders, und beides wirkt zusammen, um allen Gemeinsamkeiten des Lebens zum Trotze die Juden inmitten ihrer Umgebung als eine gesonderte Gruppe erscheinen zu lassen, ein Streben, dessen Krönung die Ghettobildung mit ihren Mauern und festverschlossenen Toren ist. Das Ghetto — das wirkliche wie das geistige — hat natürlich auch seine Bedeutung für die Kultur. Der Zusammenhang zwischen den Eingeschlossenen und der Umgebung geht verloren, und die Ent- Wicklung sucht verschiedene Wege. Genau wie im Ghetto bilden sich die Dinge auch dort, wo große Judenmassen beieinander leben und der Umgebung nicht bedürfen. Auch hier regt sich kulturelle Eigenentwicklung. Oft sind die Judenmassen vertriebene Kinder einer anderen, einer höheren Kultur gewesen, die sie nicht aufgeben konnten, weil man sich nicht nach unten angleicht. Hier waren alle Verbindungen mit dem heimatlichen Boden zerrissen und die Sonderentwicklung vollzog sich ohne jede regelnde Verbindung mit dem Ursprünge, von dem man ganz getrennt war. So drängt alles darauf hin — und besonders im Mittelalter vollzieht sich dieser historische Prozeß — jüdische Kultur neu zu erwecken. Die Juden des Ostens sind weder Slaven noch Deutsche, sondern Menschen eigener Kullurprägung, die Juden des Orients, die Juden Persiens sind nicht Glieder ihrer Umgebung, sondern eigene Gebilde. Und besonders bezeichnend ist, daß charakteristische Judensprachen entstehen. Im Osten spricht man Judendeutsch, im Orient Judenspanisch, und auch innerhalb der Landesgrenzen gibt es diese Unterschiede. Das Judendeutsch des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, das in Derttschland üblich war, ist ftaglos ein Dialekt eigenen Wesens, im Tonfall und Wortschatz von der Sprache der Umgebung deutlich unterschieden. So gibt es viele jüdische Kulturen, und doch keine jüdische Kultur! Allen gemeinsam ist das religiöse Element, das ftellich auch jenen eigen ist, die — wie in Deutschland, Frankreich und Italien —, in der Kultur der Heimatländer leben. Verschieden ist aber überall das Profanleben, das wohl dem Juden eigentümliche Gestalt angenommen hat, das aber trotzdem lediglich Misch gefärbtes ftemdes Gut ist. Analysiert man beispielsweise die ostjüdische Kultur nach allen Richtungen hin, so findet man in der Hauptsache deutsche, daneben auch — je nach der Gegend in stärkerem oder schwächerem Maße—polnische, litauische, kleinrussische, russische, rumänische Elemente. Jede einzelne jüdische Kultur wurzelt in einem ftemden Boden, und sie sind nicht vertauschbar. Schon der litauische Jude weiß nichts rechtes mit dem Wesen und den Sitten des galizischen anzufangen, geschweige denn, daß ein Ostjude in das Gewand des orientalischen schlüpfen könnte. Hierin liegt auch der beste Beweis dafür, daß es heute keine jüdische Kultur gibt, die diesen Namen verdient. Sie müßte dem Erfordernis genügen, der gesamten Judenheit angepaßt, für jeden Teil geeignet zu sein. Auf Grund historischer, rückblickender Betrachtung mag der tatsächliche Zustand von heute dahin festgestellt werden, daß unter dem Einfluß der Religion und des Anttsemitismus der Jude innerhalb der Kultur seines Landes ebenso eine besondere Stellung einnimmt, wie es bei anderen Schichten durch ihr religiöses Bekenntnis, ihre soziale Lage, ihre engere Heimat der Fall ist, daß ferner größere, zusammenhängende Judenmassen im Anschluß an andere Kulturen beson, dere Formen des Zusammenlebens ausbildendie nur diesen Einheüen eigen sind, daß aber im übrigen eine jüdische Kultur außerhalb der rein religiösen Sphäre weder besteht noch auch selbst theoretisch nach historischen Gesichtspunkten konstruiert werden kann. Letzteres ist besonders wichtig zu bemerken, denn im eifften Augenblicke denkt man an die Möglichkett einer Anknüpfung an die Werte der Zeit nattonaler Selbständigkett, ohne zu ftagen, womtt die Lücke von fast zwei Jahrtausenden ausgefüllt werden soll. Nun spielt aber — zumal in den Kämpfen um die nationale Idee — die Frage der jüdischen Kultur heute eine große Rolle. Drei Richtungen gibt es, die sich unterscheiden lassen.

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