KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 36 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268948-2268951--3034-2272213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Die jüdische Kultur war von unbedingtem Werte, weil sie neben den sür das Volksleben selbstverständlichen und notwendigen Elementen auch Inhalte besaß, die nicht nur ihr eigentümlich, sondern die auch Bestandteil der Weltkultur zu werden bestimmt waren. Das kleine Volk im engen Lande wurde zum Gefäß, in dem die Kostbarkeiten sich häuften. Religiöse Gedanken von weltenbewegender Macht erwuchsen in ihm, das höchste und schönste, was jemals zum Tröste für bedrückte Herzen gesagt worden ist, das erhabenste, was sittliches Wollen als Wegweiser für suchende Menschenseelen hervorbrachte, ging aus dem jüdischen Volk hervor. Und der literarische Mederschlag dieser Kulturkrast, die Bibel, wurde nicht nur ein Erbauungsbuch für den größten Teil der Kulturmenschheit, sondern sie schuf geradezu Kultur. Es ist ganz unmöglich, aus der Entwicklung der christlichen Völler fortzudenken, was sie dem alten Testament und dem Judentum verdanken, und wenn Herrmann Cohen in seiner Abhandlung über „Deutschtum und Judentum" auf diese Kulturzusammenhänge besonders hinweist, so liegt der einzige Fehler darin, daß hier nichts für das Deutschtum charakteristisches vorliegt, sondern daß von vielen anderen Kulturvölkern ganz genau dasselbe gesagt werden kann. Die alle jüdische Kultur hatte zwei Teile: Eine Religion mit ausgeprägtem Ewigkeitswert und eine profane Kultur, die auch ihre Eigentümlichkeiten und Werte besessen haben wird, die aber nicht besser und nicht schlechter ewesen ist als die anderer Völler. Die Religion esaß gewiß einen weit größeren Umfang und beeinflußte weiter ausgedehnte Gebiete als heute, war sie doch Kulturmittelpunkt und Beherrscherin des Rechts, der Verwaltung und des Unterrichts, Nährboden der Wissenschaften und der Künste, während sie heute zu einem Einzelgebiete neben anderen herabgesunken ist. Der profane Teil der Kultur war nun schon zur Zeit der staallichen Selbständigkeit starken Angriffen seitens starker von der Umgebung her wirkender Mächte ausgesetzt. Die national-hebräische Sprache war bereits zur Zeit der Makkabäer auf die religöse Sphäre zurückgedrängt, und wer nicht griechisch sprach, bediente sich des Aramäischen. In der Rechtsentwicklung zeigt sich römischer Geist, griechische Anschauung beginnt die ästhetischen Triebe zu meistern, und als der Tempel fiel und damit die jüdische Nation als ein selbständiges staatliches Gebilde zu bestehen aufhörte, war eine Entwicklung angebahnt, die sich beim gänzlichen Fehlen des politischen und räumlichen Zusammenhanges mit großer Schnelligkeit vollendete. Die profane Kultur zerfiel, und es blieb nur die religiöse übrig. Und den Weg hatten die starken Gruppen gewiesen, die noch zur Zeit des ersten Tempels die Wanderung in andere Länder angetreten hatten. Babylonische, hellenische, palästinensische Juden bindet alle die gemeinsame Religion. Und doch welcher Unterschied in ihrer profanen Kultur, ihrer Lebensweise, ihrer Stellung zur Kunst und Wissenschaft! So gewaltig ist er, daß oft sogar der religiöse Gedanke und — was ebenso wichtig ist — die religiöse Form verändert sind. Nach dem Falle des Tempels, nach dem Untergänge des Mittelpunktes der profanen Kultur rettet sich gewiß ein Teil von dieser in den religiösen Brauch und lebt in solcher Form unter dem Schutze einer religiösen Idee weiter, aber. der Einfluß der Umgebung, in die die Splitter der Judenheit eingesprengt sind, wird zu gewaltig und vernichtet oder ändert die Formen des Zusammenlebens. Wenn auch ganz bestimmt in den Alltagsceremonieen und den Festbräuchen sich manches Gut erhalten hat, das auch für die profanen Lebensgewohnheiten der alten Zeit Zeugnis ablegt, so siegt die Assimilation, die meist kein gewolltes Anpassen und Aufgehen bedeutet, sondern lediglich Ausdruck des Lebens und des Kampfes zwischen Stark und Schwach ist, fast überall, und der Jude in der Diaspora gleicht sich der Kultur des Mederlassungslandes an. Er kleidet sich nach der Sitte der Menschen, unter denen er wohnt, er spricht ihre Sprache, er verfällt dem Banne ihres Temperaments, ihrer Denkweise, ihrer Gefühlswelt. Diese Kulturassimilation ist nicht etwa das Produkt des neunzehnten Jahrhunderts, das auch die religiöse Kultur zerstörte. Ein Blick in das Leben der Juden Deutschlands zurzeit des ersten Kreuzzuges und ein zweiter Blick auf die zeitgenössischen spanischen Juden, auf das Geschlecht Gabirols oder Jehuda Halewis bewiesen ein doppeltes: Die Tatsache der kulturellen Assiimilation ist unbestreitbar; dann aber ist naüirlich die Entwicklung überall andere Wege gegangen und hat die Telle der Judenheit schon damals ganz unähnlich gemacht. Was sind die sepha-, ridischen und askenasischen Gruppen anderes als die Resultate auseinanderstrebenderAsfimilationstendenzen, die sogar in den Ritus eingreifen! Und in weiterem Verlaufe dieser kulturellen Angleichung sind die Telle des Judentums derart von einander abgewichen, daß heute von einer Gemeinsamkeit in der profanen Kultur keine Rede sein kann, und ein persischer Jude ist von einem deutschen Juden beinahe soweit entfernt, wie auch sonst der Perser vom Deutschen. Beinahe! Mcht ganz! Der Einfluß des Religiösen erzeugt nicht nur an und für sich ge-