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KC-Blätter · 1924-08-01 · Heft 3 (August 1924) · p. Seite 34

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 3 (August 1924)
Date
1924-08-01
Page
Seite 34 (sequence 8)
Language
German
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34 mehr ein Temperament als eine Idee, ein Temperament, das sich bei den Bekennern jeder Idee finden kann. Nun erscheint mir die Existenz einer völkischen Idee zweifellos. Sie ist der politische Widerschein all der Bestrebungen im weiten Gebiet des Geisteslebens, die man je nach dem Gebiet, um das es sich handelt, als Neuromantik oder als Expressionismus bezeichnet, als all die Bestrebungen, die die Entwicklungsmöglichkeit nicht in der Verbindung fremder Elemente zu einer Einheit, sondern in der Konzentrierung wesensgleicher Elemente auf eine ursprüngliche urgegebene Einheit erblicken, die den Geist nicht herauslenken, in das, was er draußen erschaut, sondern ihn sich nach innen richten lasten und ihn selbst sich in sich selbst seine Eindrücke schaffen lasten. Der völkische Mensch bestreitet das Glück, das in ständiger fortschrittlicher Entwicklung liegt. Er bestreitet das Glück, das die Verbindung fremder Menschen jeden bringen soll. Er sieht das Glück in der Pflege und Züchtung des Alten, Ursprünglichen, und sieht es ferner in der Konzentration Wesensgleicher und ihrem Abschluß gegen jedes Fremde. In diesem Sinne war Rousseau völkisch, in diesem Sinne ist Dostojewski der Antipode des Liberalen Turgenjew, Strindberg der von Ibsen. Diese Idee ist es, die die denkenden Führer der Völkischen — das sind nicht die, die am meisten von sich reden machen — auch in der Politik durchzusetzen versuchen. In der Reife unserer Zeit für solche Ideen, die sich ja in der Literatur und Kunst ausprägen, liegt vielleicht neben den schon geschilderten sozialen Vorbedingungen, die Grundlage für die starke Verbreitung des völkischen Gedankens — den meisten der sogenannten Führer unbewußt. Diese Konzentriertheit nach innen, die sich aus der völkischen Idee ergibt, schafft in den heutigen Zeiten furchtbaren Druckes als natürliche Reaktion ein besonders scharfes, schroffes und feindliches Auftreten nach außen. Das Ablehnen jeder Versöhnung, das ist die nationalistische Seite des völkischen Gedankens, die aber natürlich nur mit dem völkisch-politischen Gedanken etwas zu schaffen hat. Diese Seite tritt nach außen in heutiger Zeit bedeutend stärker hervor, als der innere ideale Kern. Trotzdem ist diese Idee vorhanden. Aber sie ist als p o litis ch e Idee im gegenwärtigen Staat unmöglich, und die Tragik dieser Idee ins Politische gewandt, ist die, daß sie politisch heute nicht möglich ist. Der heutige Staat kann nicht völkisch sein, weil er die Einheit der Vielen und der doch nun einmal tatsächlich einander in tausend Punkten objektiv Wesensfremden braucht und darstellt. Solange wir den Staat, und zwar den im vorigen Jahrhundert geschaffenen Nationalstaat haben — und nur für diese Zeit können wir politisch denken —, muß die völkische Idee eine nur auf die Gebiete des Geisteslebens beschränkte bleiben. Aber wir müssen uns mit ihr ausein-' andersetzen, auch wenn sie politisch unmöglich ist und vielleicht sich auch nur in einigen wenigen Politikern geltend macht; denn sie ist doch eine geistige Kraft und darf von uns nicht weggeleugnet werden. Wir müssen uns unserer entgegengerichtet politischen Idee bewußt werden. Wir kennen sie aus der inneren Auseinandersetzung, die wir mit unseren völkischen jüdischen Gegnern zu führen haben. Es ist — man verzeihe das Schlagwort — die schon eben im Gegensatz geschilderte Idee der Synthese, die das Heil des Volkes und der Menschheit in der gegenseitigen Aneinander- und Zueinanderentwicklung ursprünglich wesensfremder Elemente sieht, und die, eben weil sie es nicht auf die Pflege objektiver Urgegebenheiten absieht, das Wesen der nationalen Einheit nicht insolchen, sondern im reinen, absoluten Willen erkennt. Der freie Wille zur synthetischen Entwicklung im Rahmen der Nation, das ist auch unser deutsch-politisches Programm, wie es unser jüdisch-politisches ist. Wir gestehen es offen ein, wir haben in diesem Punkte seit Kant und Humboldt und seit den Schöpfern des politischen nationalen demokratischen Gedankens nicht viel dazugelernt, mögen wir uns auch, jeder nach seinem Geschmacke in Kunst und Literatur über Rationalismus und Jmpressionisms hinwegentwickelt haben. Wir können in diesem Punkte uns nicht umstellen, weil wir die Grundlagen unseres Seins im Rahmen der Nation sonst verkennen würden. Die heute von klugen Leuten so viel geschmähte Emanzipation war das erste und fast bedeutendste Produkt der aufkeimenden national-freiheitlichen Bewegung des vorigen Jahrhunderts. Und diese Bewegung führt geradlinig zum freien, nationalen, auf den Willen seiner Einwohner, gestellten Volksstaat, zum demokratischen Staat. Wir würden unsere Eltern verleugnen, wenn wir verkennen würden, daß unsere Existenz, so wie sie heute ist, nur im fortschrittlich freiheitlichen Nationalstaate Bestand hat. Mir sind alle Gegeneinwände bekannt. Ich weiß, daß die Juden im Grunde so konservativ sind, wie man gerne mit leise zitternder Stimme voller Stolz zu erwähnen pflegt. Mag der konservative Jude seine Neigung in gesellschaftlichen, in geistigen und religiösen Fragen betonen. Ich weiß, daß der Liberalismus heute als „überwunden" bezeichnet wird. Auch das mag gelten als Entwicklung in vielen Dingen des Geisteslebens; es hat sicher zu gelten vom schlechtverstandenen Liberalismus in der Wirtschaft; aber die Idee des demokratischen Fortschritts — der im

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