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KC-Blätter · 1924-08-01 · Heft 3 (August 1924) · p. Seite 33

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 3 (August 1924)
Date
1924-08-01
Page
Seite 33 (sequence 7)
Language
German
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33 halten ist verständlich, aber es darf nie Gesichtspunkte hergeben für eine aus etwas längere Sicht zu beobachtende Politik. Es ist so kurzsichtig, das Heil bei denen zu suchen, die nur dann für uns eintreten, wenn sie sich selbst durch Umsturz der Ordnung bedroht fühlen. Wir dürfen uns aus diese Freunde nie verlassen; denn so wie sie die Balance wiedergewonnen haben, zeigen sie uns wieder ihre alte Feindschaft. Die bayrische Richtung, auf deren Schuldkonto die unerhörtesten Rechtsverletzungen zu setzen sind — ich brauche nur an die sogenannten Ostjudenausweisungen zu erinnern und eine Welle von Empörung schlägt in uns empor — als Helfer unser bedrängten Freunde vom 9. November 1923: ein wahrhaft paradoxer Gedanke. — Mein Vater, der sich wirklich auch über jüdische Notwendigkeiten des Augenblicks nicht hinwegsetzte, brachte mir die Zeitung, die die Kunde von Hitlers Sieg im Münchener Bürgerbräu am Morgen des 9. November in die Welt trug mit den Worten: „Doch besser Hitler als Kahr." Er wußte wohl, was den Juden unmittelbar bevorstand, wenn Hitler siegte. Mer er sagte sich, und das war auch meine Überzeugung: diese Leute mögen wollen was es auch immer sei, sie wollen jedenfalls, soweit sie irgendwie ehrlich sind, die deutsche Einheit retten und mit ihr auch ein Stück von deutscher Freiheit. Im geeinten Deutschland konnte und mußte, mochte es auch nur unter Kämpfen geschehen, dem deutschen Juden immer wieder sein Recht werden. Zerfiel es aber in kleine partikularistische, legitimistische Ordnmmsstaaten vom Stile des alten Preußen oder Bayerns mit dem selbsterkorenen Statthalter der Wittelsbach'scheu Monarchie an der Spitze, so war es mit unserem Rechte vorbei. Und nur auf Grundlage des Rechtes können wir leben. Man würde uns wohl auch arbeiten und verdienen lassen, weil man weiß, daß man Uns dadurch besser brauchen kann. Man ist im Lager der Leute vom Ordnungsblock ja klug. Man kennt die tausendfältigen Beziehungen, die es verbieten, den deutschen Juden einfach aus dem Lande zu werfen. Man hat ja im Gegensatz zu den völkischen Geusen etwas zu verlieren, und wer etwas zu verlieren hat, wirdein Progrom nie machen, es höchstens gelegentlich dulden. Das Recht wird man aber dem deutschen Juden ebenso und noch viel schlimmer verkümmern, als es der alte Ordnungsstaat tat; viel schlimmer noch, weil die vartikularistische Allgewalt das demokratische Prinzip, das sich im alten Reich verkörperte, nunmehr wo Preußens starker militärischer Arm, die Stütze des alten Reichs, weggefallen war, bald gänzlich zersetzt haben würde. Wir dürfen unter dem Druck der Tatsache, daß es heute eine revolutionäre Partei ist, die den Hauptkampf gegen uns führt, nie vergessen, daß der Ordnungs- und Kastenstaat selbst unser Feind war und ist. Nur wo die ganze Nation herrscht, können auch wir hoffen, tätig mitzuwirken am Staate, und etwas anderes zu sein, als bloßes Objekt des Staates. Wir müssen uns Parteien, denen wir uns anschließen, nicht nur darauf ansehen, ob sie irgendetwas Antisemitisches in ihrem Programm zu stehen haben, sondern auch darauf, ob sie nicht in irgend einer Form den alten Kastenstaat wieder einführen wollen. Der Kastenstaat, den heute wieder viele erstreben, und dazu rechne ich auch manche starken Gruppen, die die zersetzenden Bestrebungen der Völkischen mit Entrüstung verurteilen, wird nicht mehr die alten Kasten der wilhelminischen Aera zur Herrschaft bringen. Reserveoffizier und Korpsstudent werden vielleicht nicht wiederkehren, aber z. B. die „großen Männer der Wirtschaft", die Hären aus Industrie- und Hochfinanz, von denen eine gewisse geschäftige Presse und große politische Gruppierungen alles Heil erwarten, würden in dem Staate, in dem sie dominieren, eine ebenso drückende und in unserer Gesamtheit uns ebenso entrechtende Herrscherkaste bilden, wie die Herren der Zeit vor 1914. So müssen wir die riesige Gefahr erkennen, die darin liegt, daß wir, nur um gegen die revolutionären Methoden unserer Gegner uns zu schützen, bei den Methoden des Ordnungsstaates, der Legitimität und der heiligen Ruhe Hilfe suchen. Zur wahren Erkenntnis unserer politischen Stellung kommen wir, wenn wir einmal über die Methoden des Gegners und die Methoden unserer Abwehr hinaus seine und unsere politische Idee zu erkennet: versuchen. Haben die Völkischen eine Idee? Das ist eine in unseren Reihen viel erörterte und viel bezweifelte Frage. Ich glaube schon meine bisherigen Ausführungen lassen erkennen, daß ich nicht zu denen gehöre, die ganz einfach argumentieren, es stecke da nichts dahinter an Idee, es sei alles nur Schlagwort, um das Ancien-Regime herzustellen, ersehnte Ableitung auf den Sündenkock, verkappter Monarchismus und was ähnliche bequeme Deduktionen mehr sind. Man hört aber auch in unseren Reihen den Völkischen eine Idee zuerkennen. Ich denke z. B. an die Rede, die Wassermann München, auf der Hauptversammlung des Zentralvereins in diesem Jahr gehalten hat und in der er die Idee der Völkischen bezeichnet als die Mentalität derer, die sich bewußt durch Gründe klarer Vernunft nicht bestimmen lassen, sondern irgend welchen erkannten Zielen folgen, ganz gleich, ob sie erreichbar sind oder nicht, ja gerade, wenn sie unerreichbar scheinen. Ich glaube diese Definition bringt uns nicht weiter, denn sie kennzeichnet

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