KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 31 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268948-2268951--3029-2272208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
31 Gott sei Dank, wieder zu uns kommt, rettungslos. Und nun das äußere Bild. Man spricht soviel davon, daß der Antisemitismus nach dem Kriege eine andere Gestalt angenommen, daß er früher Religions- oder Konfessions-Antisemitismus gewesen sei, heute Raffen-Antisemitismus sei. Das ist eine an den äußeren Erscheinungsformen haftende Betrachtungsweise. Der Antisemitismus, den wir uns ja schon in aller Ruhe als Ewigkeitserscheinung anzusehen gewohnt haben, ist auch in seinem Wesen ewig gleich, mögen auch wir und die Umwelt sich ändern: eine konstante Funktion zwischen zwei sich entwickelnden Faktoren. Er ist der ewige Ausdruck eines Fremdheitsgefühles, und zwar bei den Menschen, die auf jedwedes irgendwie Fremde aus ihrer Beschränktheit heraus mit Unlust reagieren. Er haftet am jüdischen Menschen in seiner Gesamtheit und wirkt sich in all den Beziehungen aus, in denen der Jude dem anderen gegenüber in die Erscheinung tritt. Alle speziellen Bezeichnungen: Religionsantisemitismus, Rassenantisemitismus, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Antisemitismus lassen nur eine durch besondere Umstände in bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten gerade besonders hervortretende Manifestation des gesamten, sich stets gleichen Antisemitismus erkennen. Will man der Bequemlichkeit halber eine einheitliche Bezeichnung dieser Gesamterscheinung wählen, so trifft noch Raffenantisemitismus am meisten zu. Denn nach der nun einmal üblich gewordenen, wenn auch verkehrten Terminologie unserer Gegner bezeichnet man mit „rassisch" das Gesamtbild der Eigenschaften eines Menschen. In diesem Sinne war der Antisemitismus auch in der wilhelminischen Aera Raffenantisemitismus, war es auch im kirchlichen Mittelalter, in dem man ihn so gerne reinen Religionsantisemitismus nennt. Nur zwang ihn hier wie dort eine starke Hand, nur ein bestimmtes Gesicht herauszukehlren. Im Mittelalter war dies die Kirche, die aus dogmatischen Gründen den Täufling, der zu ihr einkehrte, irgendwie aus der Masse der Versolgren hervorheben mußte. In der wilhelminischen Aera war es der Ordnungsstaat. In dieser Aera war der Staat selbst unser Feind; denn er war in seinem inneren Wesen — jedenfalls im herrschenden Preußen — trotz aller Verfassuvgsmäßigen Verkleidung Obrigkeits- und Kastenstaat, der jede nicht zur herrschenden Kaste gehörige Gruppe als bloßes Objekt der Gesetzgebung ansah. Die aus liberaleren Zeiten herstammende Verfassung hinderte ihn, dies gesetzlich festzulegen; um so intensiver führte er es, und gerade uns gegenüber, im Wege der Verwaltung durch — im Wege „administrativer Prellerei". Der alte Staat selbst war unser Feind. Aber den schrankenlosen Raffenantisemitismus konnte er nicht brauchen; er wußte, wie destruktiv dieser wirken mußte, wie er zum Ruin des Ordnungsstaates führen mußte (wagte er sich doch sogar an den Herrscherthron; wir brauchen nur an die antisemitischen Beschimpfungen des Kaisers zu denken). Und galt den Männern von früher auch der Rechtsstaat nichts, so galt ihnen doch der Ordnungsstaat alles. Sie konnten, wollten sie nicht die Ordnung des Gemeinwesens gefährden, die Scheidung von Juden und Nichtjuden nur nach einem bestimmten, offiziellen, positiven Moment durchführen, dies war die behördlich registrierte Konfession. Wer sie aufgab, konnte, wenn die sonstigen sozialen Voraussetzungen Vorlagen, in die herrschende Kaste, die durch die Linie Reserveleutnant, Regierungsreferendar, Landgerichtsrat bezeichnet wurde, ausgenommen werden, mochte das auch den Ausnehmenden selbst peinlich, sein, da ja auch ihr persönlich empfundener Antisemitismus Raffenantisemismus im obigen Sinne war. Mit dem Wegfall des Ordnungsstaates, der starken Staatsgewalt überhaupt, brachen auch die Mauern, die den Raffenantisemismus an seiner ungeschränkten Zersetzungsarbeit hinderten. Er konnte wieder seine allgemeine Manifestation einnehmen, aber er war im Wesen der gleiche geblieben. Das Wesen des Gegensatzes zu unseren Feinden hat sich nicht geändert. Wohl aber etwas anderes: die politische Stellung der Gegner im Rahmen der Gesamtpolitik. Man hat in den ersten Jahren nach der Revolution behauptet — wie man überhaupt in dieser Zeit nach der Erholung vom ersten Schreck geneigt war, alle Folgen der Revolution zu übersehen — die alten Parteien seien unter neuem Namen wiedergekehrt. Heute erkennen wir, daß dies ein Irrtum war. Wir können hier nicht im einzelnen die Momente tiefgehender Entwicklung verfolgen, die sich in allen Parteien vollzogen haben und sie letzten Endes heute zu anderen machen, als sie vor dem Kriege waren. Wir brauchen nur auf die Linie selbst zu verweisen, die die Parteien und zwar insbesondere die unserer Gegner heute darstellen. War es früher die Linie vom extrem-konservativen Tory, dem starrsten Vertreter des Ordnungs- und Hoheitsstaates, nach links und war die Gegengruppe bis zum radikalsten Verächter aller staatlichen, wirtschaftlichen und nationalen Ordnung, dem Syndikalisten durch die Opposition gegen den Ordnungsstaat gekennzeichnet, so sehen wir heute rechts von der Rechten, die selbst schon bis auf einen kleinen Kreis kaum etwas zu tun hat mit