KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 3 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 30 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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30 zu wollen, für die im K.C. die Politik verpönt, der Freundschaftsbund alles ist; meine Darlegungen werden hoffentlich diesen Kartellbrüdern zeigen, daß auch sie Politiker im K.C. sind und sein können. — Jedenfalls: des Verbandes politische Neutralität ist keine politische Indifferenz. Sie hat einen anderen Sinn. Sie ist nur zu verstehen als Ausfluß und Widerspiel einer ganz positiven politischen Stellungnahme: der Stellungnahme der selbstverständlichen Ablehnung aller antisemitischen Parteien. Vom Boden dieses selbstverständlichen Standpunktes aus glaubt unser Verband die übrigen politischen Probleme in die Sphäre der politischen Neutralität verlegen und aus unseren Diskussionen ausschalten zu können. Soweit dürsten Zweifel von keiner Seite erhoben werden: politische Neutralität auf Grundlage und Voraussetzung einer ganz bestimmten politischen Stellungnahme, nämlich des Kampfes gegen die Antisemiten. Es fragt sich nur, ist es damit genug, die positive selbstverständliche Seite unserer Stellungnahme nur in derAblehnung jeder programmäßig antisemitischen Partei zu sehen. Oder müssen wir nicht viel mehr die Plattform der politischen Selbstverständlichkeit — wie ich all das nennen will, was für uns auf Grund unserer jüdischen Tendenz aus der politischen Diskussion heraussällt — erweitern, und zwar so erweitern, daß wir getrost von einer politischen Kampfstellung sprechen können? Vielleicht erscheint das manchem nur als eine bloß terminologische Unterscheidung. Meiner Meinung nach ist es mehr als das. Aber, wie es auch sei, sprechen wir negativ von einer Plattform des Selbstverständlichen als Grundlage politischer Neutralität oder positiv von einer erkannten und bewußten Kampfstellung: geklärt werden muß einmal das, was bei uns politisch Selbstverständlichkeit oder Bekenntnis ist. Ein inneres und ein äußeres Moment drängen zu dieser Klärung: der Abbruch der zeitlichen Continuität, der unmittelbaren Tradition in unseren eigenen Reihen durch den Krieg und die Verschiebung des politischen Bildes in der Außenwelt. In unseren eigenen Reihen hat der Krieg eine Discrepanz zwischen den Generationen geschaffen, die sich uns auf Schritt und Tritt, ins¬ Das äußerst wichtige Referat von Kbr. Holländer (Lie.) kan» infolge seiner Abwesenheit von Berlin leider erst in der nächste« Rnwmer erscheinen. besondere ja auch in den inneren Verbandsfragen, aber wohl aufs Vornehmlichste bei der Stellungnahme zu politischen Fragen aufdrängt. Meine Generation, die im Kriege die Schule verlassen, den Krieg in seinem Ende noch mitgemacht, im unmittelbaren Anschluß an den Krieg den Hauptteil ihrer Aktivität verbracht hat, fühlt sich in diesem Punkte noch durchaus den» Vorkriegsgenerationen nahe. Wir sind im wesentlichen noch ausgewachsen in einer, ich möchte sagen, selbstverständlich fortschrittlich liberalen, dabei natürlich vaterländisch eingestellten Opposition gegen das Ancien-Regime, ein Geist, der sich zu unserer Zeit auch in den Schulen — bei aller Durchsetzung mit wilhelminischem Geiste — insbesondere bei dem Teil der jüngeren Lehrer, denen das glücklich bestandene Reserveoffizier-Examen nicht die Sinne benebelt hatte, auf eine gewisse erfreuliche und nicht mit Bitterkeit gemischte Art bemerkbar machte. Nach dem Kriege ist eine andere Generation herangewachsen. Die Füxe dieses Sommersemesters waren im November 1918 Untertertianer, im August 1914 Vorschüler. Hier fehlt jede irgendwie bewußte Erinnerung an den politischen Geist der Vorkriegszeit. Aus der bei jedem geistigeren Lehrer fast selbstverständlichen eben geschilderten Opposition und freundlichen Kritik am Ordnungsstaat ist die bittere zersetzende Verhöhnung des Volksstaates, der Spott auf die „Judenregierung" getreten. Die depossedierten Intellektuellen, aus deren Schicht der Oberlehrer kommt, haben aus die Revolution völkisch reagiert. Das ist die Modernität, die heute ihr geistiger Stolz ist. Dazu kommt der Einfluß der Schulbibliotheken. Was sie heute für Bücher haben, weiß ich im Einzelnen nicht. Der Chamberlain unserer Zeit war letzten Endes ein harmloses Gift, weil die Grundstimmung, um sich durch ihn aufregen zu lassen, die ungeheure politische Erbitterung und Erregung fehlte. Heute wird es noch anderes und schlimmeres geben. Der jüdische Schüler, der sich da innerlich behaupten will, geht entweder zu blau-weiß, dann ist er für uns verloren, oder er versucht wohl oder übel mit den Wölfen zu heulen und ist froh, wenn sie ihn mitheulen lassen. Dazu kommt dann noch die nur zu verständliche Trauer und Empörung um des Vaterlandes Not. So erwächst allmählich aus einer solchen Entwicklung ein Abiturient, der sich mit Stolz einen Realpolitiker nennt, über den Völkerbund lacht und wenn ihm seine Beschäftigung mit Radio noch zu anderen Dingen Zeit läßt, für den Wiederaufbau einer möglichst großen Flotte schwärmt, in dem er das wesentliche vaterländische Erfordernis sieht! Hier müssen wir Klarheit schaffen, sonst reißt das Band zu der Jugend, die doch heute,