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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 25

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 25 (sequence 15)
Language
German
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25 tionen emanzipierten Juden Mittel- und Westeuropas außerhalb der relativ geringzähligen Kreise der Gesetzestreuen! Gewiß gibt es unter ihnen mannigfache Schattierungen jüdisch-religiöser Interessiertheit, vom Nullpunkt der Indifferenz bis zur Pietät gegenüber manchen Rudimenten der einst so starken Bindung durch das zeremonielle Brauchtum. Die Masse, namentlich der schon seit ein bis zwei Geschlechtern in Wohlhäbigkeit Lebenden und ebenso lange einer höheren Allgemeinbildung Erschlossenen, dürfte mehr nach -der Richtung zum Nullpunkte neigen. Gelänge es, aus dem Quantum ihres jüdischen Gefühls denjenigen Betrag auszusondern, der auf Rechnung überkommener Stammessolidarität, ' gesteigert durch feindseligen Druck, auf empfindungsmäßiges Anhängen an Kindheitserinnerungen, auf Abneigung gegen kirchliche Frömmigkeit zu setzen ist: — dann wäre es — zumal bei den nicht wenigen von einer sogenannten modernen „Weltanschauung" erfüllten Geistern — einiger-, maßen fraglich, was an eigentlichem jüdischen Religionsbewußtsein in ihnen noch lebte, — wenn nicht jene Säkularisierung des Religiösen, von der hier zu reden ist, die sich selber ungläubig dünkende Seele tatsächlich noch tiefgreifend formt. Wir verstehen darunter folgendes: Ursprünglich dem Gottesglauben eigene und nur aus ihm erklärbare Motive, Vorstellungen, Lehren und Willensantriebe erzeugen Stimmungen, grundsätzliche Lebensauffassungen, Wertungen, die lange andauern, auch wenn der religiöse Charakter ihrer Entstehung längst verschollen ist. Das Daseinsgefühl, einstmals durch bestimmte, ausschließlich dem Frömmigkeitsbewußtsein zugehörende Ideen und Glaubenslehren hervorgerufen, überlebt den Untergang der Kräfte, die es erzeugt haben. Der energische, auf Tatwillen gestellte, mit den Schwierigkeiten der Welt rechnende, aber durchaus dem Glauben an die Möglichkeit einer durchgreifenden Besserung der Welt durch den Menschen hingegebene Jude ist viel mehr ein geistiges Produkt seiner Religion als ein Kind seines Schicksals. Die Urkonzeption des biblischen Geistes, der in der Folgezeit in talmudischem und rabbinisch mittelalterlichem Judentum die Seele des Juden immer ttefer pflügte, ist der Gedanke des zwischen Gott und seinem auserwählten Volke bestehenden Bundes, das heißt einer vertraglichen Bindung, welche dem Menschen ganz besttmmte Pflichten und Gebote, also auszuführende Handlungen, auferlegt. So kommt von Haus aus ein höchst akttvistisches Element in die jüdische Psyche hinein, wie es nirgendwo anders, mit Ausnahme des in dieser Hinsicht geistesverwandten englischen Puritanertums, jemals um Gottes willen ausgebildet worden ist. Die jüdische Gesetzesreligion, diese Apotheose des radikalen „Du sollst!" mit ihrem unbekümmerten Glauben an die Willenskraft, mit ihrer klaren Zielsetzung und Ausnahmslosigkeit der Forderung, bedeutet eine Erziehung zur Willensstärke, wie sie nicht mehr wiederkehrt. Und der Schauplatz, in dem der attive Sinn dieses Lebens sich vollendet, blieb immer das Diesseits. Die persönliche Unsterblichkeit kennt schon der Ausgang des alttestamentlichen Schrifttums; sie nimmt im talmudischen und im Gedankenkreise der Späteren ein weites Feld ein; aber sie beeinttächtigt nie die andere eschatologische Idee, die für den endgülttgen Charatter des Judentums viel wichttger geworden, vom Messias und seiner Herrschaft, vom Gottesreich auf Erden, das Israel und allen Nattonen die Erlösung durch die zur Auswirkung gelangende Herrschaft des einen heiligen und gerechten Gottes bringt. Das aber ist eine Vorstellung, deren religiöser Rahmen mit Leichttgkeit zu sprengen war, um eine allgemeingülttge rationale Bedeutung aus jener Verkleidung herauszuschälen. Karl Marxens, des bewußt antireligiösen Denkers, Utopie vom Zukunftsstaat ist — sicher mit Recht — aus einen Nachhall des jüdischen Messianismus zurückgesühtt worden; und die den meisten Juden nahezu selbstverständliche Parteinahme für die Idee eines eindeuttgen politischen und sozialen Menschheitsfortschritts, so nebelhaft nnd vielspältig diese These in der Tat sein mag, ist vollkommen unverständlich, wenn man nicht die unbewußte Nachwirkung jener religiösen Einflüsse in Erwägung zieht. Daß der Jude den Gedanken von Internationalismus und Pazifismus innerliches Verständnis entgegenbringt, daß ihm das nicht Ergebnisse höchsten polittschen Opportunismus und sozialer Zweckmäßigkeit sind, sondern ihm vielmehr Herzenssache bedeuten, daß das Judentum die hinreißendsten ethischen Verkünder des Sozialismus gestellt hat, das folgt nicht bloß aus einem immer zweifelhaft bleibenden Wege der Idee, sondern aus einer inneren Zurüstung der Gemüter. Die Abkehr von der Gestalt der überliefetten Religion ist unter der Masse der modernen Juden ja durchaus nicht entschiedener als unter der etwa der deutschen Protestanten. Aber es scheint doch merkwürdig, daß, während unter den Mchljuden viel stärker Naturanschauung das metaphysich religiöse Bedürfnis beftiedigt, der religiös indifferent gewordene Jude in den politisch sozialen Idealen, also im Moralischen, einen Ersatz für den verlorengegangenen Gottesglauben sucht. Wir können nicht glauben, daß nur die zufällige Gestaltung der polittschen Dinge in Deutschland, die Sorge um die Erttngung und Behauptung seiner staatsbürger-

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