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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 24 (sequence 14)
Language
German
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24 Enttäuschung dieser Tage noch Mut zu neuer Tat zu finden. Kniet nicht die jüdische Seele in überströmendem Glauben vor dem Schöpfer der Welten, dem Lenker unseres Schicksals, und ruft ihm zu: „Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnetest mich?" (Fortsetzung folgt.) Die Säkularisierung des religiösen Geistes. Von vr. Max Wiener, Stettin. Wie immer das Religiöse bestimmt, wie auch die Haltung der in das Göttliche eintauchenden Seele gefaßt werden mag: gewiß ist, daß der Gegenstand der Religion und seine Auswirkung im Menschen, das Offenbarungserlebnis, von Haus aus den Rahmen des einheitlichen Kulturbewußtseins sprengten und ihm niemals völlig nivelliert werden können. Was auch Gott bedeutet, und wie. kraftvoll die Erfahrung seiner das ganze Dasein des Gläubigen zu formen imstande ist: bleibt Gott nicht bei aller aufblitzenden Klarheit seines Wesens und Wollens im Dunkel der Jenseitigkeit, ein grundsätzlich nie zu lösendes Rätsel, der Herr der Finsternis nicht weniger als der des Lichts, so dankt er als Gott ab. Die Wolke, die seine Herrlichkeit umhüllt, ist das wahre Symbol seines Charakters. Diese Einsicht hat nichts mit dem Gläubigkeitsersatz zu schaffen, welche besonnene Naturerforschung zum resignierten Bekenntnis des ignoramus, ja ignorabimus führt, so anscheinend im leeren Raum des Nichtmehrweiterdenkenkönnens dem Glauben einen Platz für allerhand erbauliche Stimmungen überlassend; sondern sie quillt genau umgekehrt aus der Gewißheit göttlichen Wesens und Waltens hervor, wobei es aber gerade die Natur des Göttlichen und seiner Selbstverkündigung ausmacht, in majestätischer Unnahbarkeit zu verharren. In solchem Urbestand hat die Unheimlichkeit des Religiösen ihre Wurzel; eine Unheimlichkeit, die sich für den Frommen bei allem Vertrauen, aller innerlichen Gewißheit, niemals verflüchtigt, und die zugleich für die ganz wache, allein die Sonnenhelle liebende Vernunft geradezu etwas Anstößiges, ein zwar selten laut bekanntes, aber innerlich doch tief empfundenes Ärgernis bedeutet. Von hier gehen alle jene Versuche aus, den Gottesglauben doch irgendwie innerhalb des Kulturbewußtseins anzusiedeln; das heißt aber: ihm seine Eigenart, nämlich seine Unfaßbarkeit, das ins Grenzenlose Verschwimmende, zu nehmen, sein Dunkel, das in Wahrheit sein Licht ist. So wird die gelehrte Theologie, die mit begrifflichen Sätzen beschreibende Dogmatik, zur Verneinung der Religion, der kunstvoll geschlungene „Beweis" für die Existenz Gottes zum korrekten Ausdruck der Ungläubigkeit; und alle Formeln, welche zwischen religiösem und sittlichem Geist den Ausgleich suchen, die Unendlichkeitsgefühl, Stimmung der Andacht vor dem Universum oder dem Urgrund alles Seins zum Gehalt haben, greisen stets fehl, wenn sie den Anspruch erheben, die Offenbarung des echten Sinnes Gottes zu sein. Weil der außerhalb der Welt ist, mindestens unendlich viel mehr als das Universum besitzt und in sich trägt, sind wir weltverhafteten Menschen ewig kraftlos, ihn zu sagen. Aber wir sind nun einmal in der Welt, in ihr allein; und alle Wirknng, die von einer Sphäre jenseits ihrer auf uns einströmt, kann sich nur vermittels unserer diesseitigen Natur auf dem Schauplatz der Diesseitigkeit entfalten. Was wir sind, was wir denken, wollen, was wir ersehnen, ist hoffnungslos im irdischen Sein verklammert. Und so kann Gottes Anlitz nur menschliche Züge weisen; aber nicht, weil er kein anderes hätte, sondern nur weil menschliche Augen kein anderes zu sehen vermögen. Diese Feststellung darf man jedoch nicht mit der Weisheit verwechseln, daß der Mensch die Gottheit nach seinem Ebenbilde erschaffen hat. Sie will vielmehr umgekehrt besagen, daß er das reine Bild seiner Sehnsucht einem Seienden einttägt, deffen Wirklichkeit und Gewißheit dem Gläubigen fester verankert ist als die eigene Existenz. So sind die Religionen als echte Bemühungen um das unsagbare Göttliche gewiß tiefste Deutungen des Menschenwesens; und was von ihnen als Offenbarung gekündet wird, natürlich der Spiegel des nationalen und persönlichen Charakters derer, die sich der Offenbarungen gewürdigt fühlten. Das ist die erste, die selbstverständliche Verwelttichung. Verdiesseittgung des Gottesglaubens, die durch die einfache Tatsache bedingt ist, daß das Absolute jenseittg, der Mensch aber diesseittg ist. Und wenn es wahr ist, daß nur das sonnenhafte Auge die Sonne erblicken kann, so ist es noch sicherer, daß irdische Schau nur die Kraft zu irdischem Sehen hat, soll der Mensch nicht aufhören, Mensch zu sein und vielmehr Gott werden. Diese Weltseitigkeit begleitet das religiöse Leben von seinem ersten Hervorbrechen in der Seele an über alle Hochspannungen hindurch. Hier haben wir es vornehmlich mit einer anderen Säkularisierung zu tun, mit derjenigen, die wie ein lange nachglühendes Abendrot eine Wirkung in den Gemütern fortsetzt, die längst jeder nachdrücklichen bewußten Beeinflussung durch ererbte posittve Religiosität entfremdet sind. Betrachten wir die seit vier oder fünf Genera-

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