KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 2 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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23 in der Minorität sind. Soziologisch betrachtet, stellen sich somit die zionistischen Bemühungen als einen Versuch dar, ein Land mit jüdischer Majorität herzustellen. Nun, man wird sehen. — Dazu ist grundsätzlich Neues nicht zu sagen. Und was unsere engere Aufgabe angeht, so hat Berlak kürzlich (K. C.-Mitteilung 1924, Nr. 4) auf die Veränderungen in der Sphäre des akademischen Kampfes mit vollem Rechte aufmerksam gemacht. Aber ein Zweites möchte ich Herausstellen, viel wichtiger, viel positiver: das, wovon eingangs dieses Abschnitts gesprochen wurde: die neue Aufgabe, das neue Ziel! Es sei hier schlagwortartig aufgestellt. Es heißt: Die zweite Emanzipation. Wie? Was? wird man fragen; was wird uns da eigentlich angesonnen? Sollen wir um die verfassungsmäßige Gleichberechtigung noch einmal kämpfen? Wir haben sie doch schon, und so gefährdet wird sie doch nicht sein! Oder: sollte die zweite Emanzipation einen anderen Gegenstand und Inhalt haben als die erste? Und welchen? Gewiß, es ist zu erwarten, daß die Rechtsgrundlage unseres Daseins unerschüttert durch die Stürme der Zeit getragen werden kann. Darum dreht es sich hier auch nicht. Es steht in der Tat eine andere Emanzipation in Frage. Damals, vor reichlich hundert Jahren, wurde der einzelne Jude emanzipiert. Oder besser gesagt: man emanzipierte ihn als Menschen, nicht als Juden. Das Letztere bedarf der erläuternden Ergänzung: Jeglicher Liberalismus hat, auf seine Wurzeln zurückgesührt, eine personale Staats- und Gesellschaftsauffassung zur Grundlage. Er geht aus vom Einzelmenschen, und zwar von dem autonom und autark gedachten Einzelmenschen. Man mag dann Staat und Gesellschaft wie auch immer konstruktiv erfassen, stets ist das Einzelwesen zentral, auf ihm liegt der Schwerpunkt. Für die Beurteilung der Emanzipation ist dies von größter Bedeutung. Denn die liberalen Ideen der Auftlärung waren es, die insbesondere in dem durchaus nicht liberalen Preußen in erster Linie für die staatliche Gleichstellung der Juden wirkten. Die Reghettoisierungstendenzen unserer Tage haben die jüdi'che Sonderart, die sich wider das Erwarten der Emanzipatoren schon seinerzeit nicht restlos auflöste, wieder erstarken lassen. Zwei Gründe, die genau genommen' nur ein einziger sind, lassen sich dafür anführen. Einmal der Druck der antisemitischen Bewegung. Zweitens aber, und das ist der ausschlaggebende und tieferliegende Grund, die Herrschaft jener geistigen Strömung, die man als „Ungleichheitsempfinden", als Reaktion der für Eigenwüchsigkeit geschärften Sinne auf die Ideen von 1789 begreifen kann. Diese Gesamthaltung liegt bewußt oder unbewußt der völkischen Bewegung in allen Ländern zugrunde und bezeichnet geradezu die Polarität allgemeiner Entwickelungen überhaupt, hier also den geistigen Gegenstoß gegen die immer stärker werdende wirtschaftliche, finanzielle und zivilisatorische Verflechtung der Völker miteinander. Die jüdische Gemeinschaft — ihr Wesensinhalt bleibt vorläufig außer Betracht — gewinnt damit nicht mehr wie ftüher als eine Summe von Individuen, sondern als ein Ganzes im eigenen Bewußtsein und in dem der Umwelt einen transpersonalen, kollektivistischen Charakter! Wenn eine für den Abwehrkampf in unserem Vaterland repräsentative Persönlichkeit, die eine ungeheuer instinktsichere Einfühlungskraft in Imponderabilien hat, neulich meinte, man müsse Propaganda für den jüdischen Menschen treiben, dann bedeutet das eben nichts weiter als die schlagwortartige Umprägung der Erkenntnis einer zwangsläufigen Entwickelung des Geschehens in das Bekenntnis zu einer politischen Notwendigkeit. Welche Erkenntnis der Zwangsläufigkeit der Entwicklung liegt nun aber darin? Nun, keine andere als diese: Hat man die erste Emanzipation darauf gestützt, daß man dem einzelnen Juden als Menschen und vaterlandsliebendem Bürger die gleiche Rechtstellung nicht versagen dürfe, wenn er gleiche Pflichten gern und freudig erfüllte, hat man ihn also gleich behandelt aus Gerechtigkeit: so muß im bevorstehenden Kampfe um die zweite Emanzipation, die sich im Bewußtsein der Umwelt vollziehen soll, das Recht für die jüdische Gesamtheit erstritten werden! Hier handelt es sich aber nicht um geschriebenes Recht, sondern um die Verankerung der jüdischen Ungleich artig keit, aber Gleich w e r t i g keit nicht nur in guten und toleranten Herzen, sondern in den kühl prüfenden und vergleichend wertenden Köpfen der Umwelt. Zu der rechtlichen Emanzipation des Juden als Einzelwesen tritt, vertiefend und verstärkend und neue Wurzeln schlagend, die seelische Emanzipation der jüdischen Gesamtheit! Ein großes Ziel zeigt sich, noch fern und verschwommen. Aber es ist, wie wenn aus der Unerschöpflichkeit des jüdischen Herzens neue ungeahnte Kräfte aufstiegen, die es fertig brächten, den Schmerz über die Schmach, die man uns angetan, nach „einem Goethewort in Betrachtung übergehen zu lassen" und selbst aus der Not und