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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 22

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 22 (sequence 12)
Language
German
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22 Jahrhunderts so entsetzlich flach und läppisch vor. Du hast fast kein Empfinden mehr für das Große, was diese Worte ihrer Zeit waren und für sie geistig und materiell bedeuteten,'sondern nurmehr dafür, daß sie in liberalistisch-rationalem Denken das doch stets wache Bewußtsein des Besonderen, des Anderen, des Wesenseigenen einzuschläfern drohen. Und wenn du dann gegen diesen deinen Instinkt die nivellierenden und schematisierenden Tendenzen des sogenannten „wirklichen Lebens" unserer Tage hältst und dir die Einsicht errungen hast, daß das Menschliche nie geradenwegs nach einer Richtung fortschreitet, sondern polar; daß schließlich in allen Bezirken des Seins gilt: actio est par reactioni (was an sich, auf diese Dinge angewandt, weder materialistisch-, noch idealistisch-wertbetonend, sondern wertindifferent-energetisch und erkenntnisbetonend gedacht ist): dann wird dir klar, daß durchaus nicht dem auf Einebnung alles Besonderen gehenden Massenzug der Zeit auch das auf die wirklich wesenhasten Dinge gerichtete Zeitdenken entsprechen müsse. Was sich in diesen Bewegungen hervortut (noch mehr: hervortat und vom gesunden Volksempfinden abgetan wurde), um ja nicht den „geistigen" Anschluß an die Massenkonjunktur zu verlieren, war selten gut gemeint und fast nie mehr als Literatur, meistens weniger. Im Geaenteil! Die äußeren Verhältnisse geben einen Antrieb mehr, dafür zu sorgen, daß die Sehnsucht der Zeit nach dem „Änderen" geht. Romantik und Chiliasmus finden Nahrung in ungeheuerem Maß. Die geistige Gesamthaltung —' auch autonom gedacht — sucht der Thesis der Gleichheit nunmehr die der Ungleichheit gegenüberzustellen. Und eine solche, mit dem Sinn für das Ungleiche ausgestattete Zeit trifft drüben und im eigenen Lager auf die Judenfrage, trifft auf die Emanzipation, eine Frucht liberal-rationalaufklärerischen Denkens, legt die kritische Sonde an und erhebt nicht „nur" geistige, sondern höchst reale Forderungen. Leute mit guten Geschichtskenntnissen weisen darauf hin, daß — wie alles — so auch dieses schon einmal dagewesen sei. Das stimmt. Die Emanzipation fand bei uns ihre Gegenwirkungen im Politischen und Gesellschaftlichen, als die Aufilärungsbewegung von der Romantik abgelöst wurde. So etwas Aehnliches mag auch heute wieder kommen. Man kann apodiktisch so gut sagen: die Geschichte wiederholt sich immer, wie: die Geschichte wiederholt sich niemals, und kann beides sogar — beweisen. Was aber auch kommen möge, wir müssen darauf gefaßt und dafür gerüstet sein, in jedem Sinne und auf jedem Gebiete! Sofort werden Türen aufgestoßen über denen steht: „Positives Programm", „Renaissance des Judentums". ..Stärkung nicht nur des persönlichen Selbstbewußtseins als Jude, sondern des sozusagen verdinglichten Selbstbewußtseins als „jüdischer Jude". Das alles führt schon vom Thema ab, von der viel enger zu fassenden Judenstage mitten hinein in die alles umschließende jüdische Frage. Sie soll im Einzelnen später erörtert werden. Hier nur ein Allgemeines: Ich bin davon überzeugt — eine eingehende Begründung würde Bände füllen —, daß die jüdische Frage, wenn man sie in ihrer ganzen Wucht, Tiefe und Verantwortung vor den beherrschenden Mächten der Menschenseele aufrollt, in ihrem Grunde reine Tragik ist. Sie ist es — wenigstens grundsätzlich — aber nicht mehr und nicht weniger schließlich als jede andere Forderung bewußt geformten Lebens. Da ein solches aber das A und O jeder Kultur ist. erweist sich die jüdische Frage nur als ein Sonderfall des Kulturproblems an sich: des furchtbaren und stuchtbaren Zwiespalts von Natur und Kultur, der als Tragik und heimliche Paradoxie in die Grundmauern jedes Glaubens und jedes schöpferischen Lebens eingesprengt ist. — Doch zurück zur Emanzipation! Sie ist heute in Frage gestellt, was sich nicht nur in fast allen Abschattierungen der Gruppen der völkischen Bewegung, sondern auch in, man kann sagen: durchweg allen politischen Parteien und in ihrer Stellung zur Judenstage zeigt. Und selbst wenn man die lediglich verfassungsrechtliche Stellung der Juden im Reich nicht für gefährdet hält, wird man eine Reghettoisierung auf der einen Seite feststellen können und auf der anderen auch nach dem Abflauen des exzessiven Antisemitismus etwa folgende Schichtung: 1. den gewerbsmäßigen Antisemitismus, 2. den der Ungebildeten, aber instinktiv Ueberzeugten, 3. den der Halbgebildeten und restlos Ueberzeugten, 4. den der Gebildeten und fanatisch Ueberzeugten, 5. den Kryptoantisemitismus (Feuchtwanger), 6. den Asemitismus. — Was nun? Es ergibt sich erstens; daß für die Judenstage die zeitbedingte labile Lösung gefunden werden muß; eine stablle gibt es nicht. Eine Minorität, wie wir Juden, muß sich darum bemühen, dazu zwingt ihre soziologische Stellung. Und nur deshalb zeigen sich überall in der Welt dieselben Grunderscheinungen, weil wir Juden eben überall

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