KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 2 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268948-2268950--3016-2272194- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
21 Gesetzgebers umgedeutet in eine aufschiebende Bedingung." „Von allem Historischen und allen Entwickelungstendenzen abgesehen, stellt sich jedenfalls der heutige Zustand, mit dem die Judenpolitik zu rechnen hat, so dar: Das Maß der Rechte, das die deutschen Juden jeweils genießen. ist nicht nur durch das geschriebene 'Gesetz bestimmt, sondern auch durch die Macht der Interessen, die der Verwirklichung der vollen Gleichbehandlung entgegenstehen. Sich dieser Tatsache verschließen, heißt: wie der Vogel Strauß vor der unangenehmen Wirklichkeit den Kopf in den Sand stecken. Hier nun hat die Judenpolitik ihr legitimes Tätigkeitsgebiet. Formal ausgedrückt: sie hat es zu tun mit der gerechten Gestaltung des ungeschriebenen Judenrechts, mit der Herbeiführung eines staatlich befriedigenden Verhältnisses zwischenden beiden miteinander verquickten ungleichen Elementen." „Maßstab ist die jüdische L e i st u n g , der Wert des Wirkens der Juden innerhalb der staatlichen Gemeinschaft." Ich habe diesen Worten nichts hinzuzufügen, sieben Jahre, nachdem sie geschrieben sind. Mein Name steht zu Unrecht über diesem Abschnitt. Aber wenn er dazu gedient hat, diese markanten Sätze der Vergangenheit zu entreißen, so ist sein Zweck erfüllt. III. Die zweite Emanzipation. „.Aber wer tiefer blickt, sieht, daß es eine Judenfrage gibt, die erst austaucht im Zustande der Gleichberechtigung, die um so problematischer wird,;e weiter die Gleichberechtigung und die durch sie bedingte Aufnahme der Juden in die christliche Gesellschaft fortschreitet." Das ist der Kern der Frage, und — richtig gestellt — zeigt sie uns K. C ern eine ungeheuere Aufgabe, ein positives Ziel, das sich organisch aus der jüdischen Entwicklung geradezu zwangsläufig ergibt. Sie verleiht uns damit neuen Schwung, neuen Antrieb, neue Begeisterung, neue Leidenschaft, die wir, ach!, so bitter nötig haben! . . . Der geschichtliche Vorgang, den man Emanzipation nennt, ist heute wieder Gegenstand besonderer Beachtung geworden.' Man hat seine historischen, politischen, geistigen und ethischen Wurzeln aufgezeigt und seine erstaunlichen Wirkungen bei Freund und Feind besprochen. Dies alles kann als bekannt vorausgesetzt werden. Warum ist nun diese Frage heute wieder in eine so andere Beleuchtung gerückt, worin besteht das Neuartige in der Betrachtungsweise heutigen Zeüdenkens? „Die Haltung der Zeit hat sich gewandelt: der „Gleichung" tritt wieder die „Ungleichung" entgegen, dem scheinbar alles beherrschenden Rationalismus widerspricht das Irrationale alles Lebendigen. Das Eigengesetzliche, das Selbständige tritt in den Vordergrund des Zeitbewußtseins."*) Diese wenigen Sätze schließen eine ganze Weltverwandlung in sich ein! Wer hat sie noch nicht verspürt, der aufmerksam der Zeit den Puls fühlte; wer hat sie noch nicht beobachtet, bedachtsam und ohne Ueberschwang, weder das Alte nur deshalb liebend, weil es alt, noch das Neue, weil es neu, sondern mit wachen Sinnen bemüht, Spreu von Weizen zu scheiden und bleibende von vorübergehenden Veränderungen im Antlitz der Zeit zu sondern. So. wie wenn man einem geliebten Menschen nach Jahren wieder in die Augen schaut, voll heimlicher Sorge, in fiemd gewordenen Zügen nur Fremdes, aber nicht mehr das vertraute Gesicht zu entdecken, und doch am Ende im beruhigenden Gefühl, keine Bruchstelle der Entwickelung aufgespürt zu haben, sondernnur ein naturgesetzliches Weiterschreiten, Aelterwerden, Reisen, mählichen Uebergang.- Goethe liebte das Wort „organisch", wie er wenige Worte liebte, umschrieb es doch das Grundgefühl und die Grundeinsicht, die weisheitsvoll ihm zum Mittelpunkt seiner Weltbetrachtung geworden war: schöpferische Verwandlung. — In der Tat, es will mir scheinen, als ob Strauß diesen Zeitwandel auf eine ebenso einfache wie überzeugende Formel gebracht hätte. Und von ihr ausgehend, bekommt die Frage nach unserer geistigen Gesamthaltung, die doch — da wir wohl kaum Propheten des Nur-Zeitlosen in unserer Mitte haben — schließlich nur die unserer Zeit sein kann, einen ganz eigenen Sinn. Nämlich, den: Du Mensch unserer Zeit — sofern du auf diesen Namen Anspruch erhebst und mehr sein willst als des Frankfurter Philosophen „Fabrikware der Natur" — fühlst mit geschärften Sinnen die Unterschiede ünter den Menschen und das, was sie zu wesenhaften, was sie zu organischen Gruppen bindet und von anderen trennt! Du suchst nach dem innerlich Bodenständigen, nach neuen, verbindlichen und im Letzten gültigen Werten. Und da kommt dir die ganze Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit des achtzehnten *) Eduard Strauß: „Judentum und Zionismus", Frankfurt a. M. 1919, S. 14.?