KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 2 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 20 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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20 man einmal feststellen, was nicht schon alles für deutsch oder für jüdisch gegolten hat." Wie äußert sich nun der K. C. offiziell zur Judenfrage? „Der K. C. lehnt die Bestrebungen zur Lösung der deuffchen Judenstage außerhalb Deutschlands ab." Was heißt das eigentlich? Was will der Satz besagen? Gehen wir diesem Passus des Tendenzparagraphen einmal etwas näher zu Leibe! Zunächst: Er stellt impücite fest, daß es eine deutsche Judenfrage gibt, daß Bestrebungen vorhanden sind, die diese Frage „lösen" wollen, und schließlich: daß der Verband Versuche, die diese deutsche Judenfrage außerhalb der deutschen Grenzen zur Lösung bringen wollen, von sich weist. Klarer wird namentlich für den Außenstehenden die Sache durch diese rein logische Interpretation gewiß nicht. Wir müssen also etwas tiefer gehen. In erster Linie: Was ist Gegenstand der deutschen Judenfrage? Dies muß zunächst einmal klar formuliert werden. Jedenfalls ist sie nicht: eine Frage, die das Judentum angeht, das heißt: den Inbegriff alles dessen, was abgesehen von den Menschen jüdisch ist. Scharf müssen daher Judentum und Judenhert geschieden werden. Bewußt soll so die Terminologie geprägt werden, um das herauszustellen, was bei allen umstrittenen Dingen oberstes Gesetz, oberste Notwendigkeit einer fruchtbringenden Erörterung ist: klare und eindeutige Begriffe! Bei der Judenstage handelt es sich lediglich um die Menschen, die Juden sind; bei der deuffchen Judenstage also um die Frage der d eutsch e n Jud en Eine Binsenwahrheit, wie? — Gemach! — In zweiter Linie: Es handelt sich um eine Frage, um ein Problem. Aber um welches? Ein unübersehbarer Wust des Schrifttums macht die Diskussion der Judenstage nicht gerade zu einem Genuß. Nicht nur die Ergebnisse — das wäre nicht schlimm —, sondern auch die Fragestellungen weichen von einander ab und verwirren das Problem und verdunkeln es. verquicken und belasten es mit geistigen, seelischen, ethischen, ja transzendenten und metaphysischen Dingen. Daß dies in der Sache selbst freilich nur zu sehr begründet ist, und wie auch Persönlichkeiten hohen Grades je nach Einstellung das Problem in der mannigfaltigsten Weise beleuchten und zu den merkwürdigsten und verschiedenartigsten Schlußfolgerungen gelangen, beweist das interessante Ergebnis einer Umstage, das Werner Sombart unter dem Titel „Judentaufen" lange vor dem Krieg veröffentlicht hat. Demgegenüber möchte ich einige Stellen aus einer meines Erachtens schlechthin meisterhaften Untersuchung Siegbert Feuchtwangers hierherstellen. die gescheit, illusionslos, aber mit innerer Wärme sagen, was die deutsche Judenftage in Wahrheit ist?) „Da der Inhalt der Frage selbst fraglich ist, so ist das, was sich der eine als Lösung denkt, für den anderen, der die Frage anders stellt, schon prinzipiell unbrauchbar. So ist die Judenstage für viele die Frage der Gleichberechtigung. Aber wer tiefer blickt, sieht, daß es eine Judenstage gibt, die erst austaucht im Zustande der Gleichberechtigung, die umso problematischer wird, je weiter die Gleichberechtigung und die durch sie bedingte Aufnahme der Juden in die christliche Gesellschaft fortschreitet." „Mit der Erklärung der Gleichheit hört nicht auf: die Koexistenz von Jirden und Nichtjuden, die Verquickung zweier ungleicher Elemente. Nur in der Form der Koexistenz, der Art der Beziehungen, dem Verquickungsverhältnis trat eine Aenderung ein. Lebten die Juden vorher als gesonderte Gemeinschaft neben der übrigen Gesellschaft, war somit das Problem, die Sonderung zu beenden, so vermischten sich nun die emanzipierten jüdischen Individuen mit der christlichen Gesellschaft, aus dem gesonderten Nebeneinander wurde ein Ineinander, ein Miteinander, ein Durcheinander, aus der bloß peripherischen Berührung ein Sichvermengen der ungleichen Elemente." „Dieses Verquickffein der ungleichen Elemente ist aber gerade der der Judenftage zugrunde liegende objektive und materielle Tatbestand; aus diesem Tatbestand ergibt sich das eigentliche Ziel, das jeder vernünftige Versuch an der Lösung der Judenftage erstreben müßte: Die Koexistenz harmonisch zu gestalten." „Es gibt zweierlei deutsches Judenrecht, geschriebenes und ungeschriebenes." „Die Emanzipation wurde den Juden gewährt unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß sie zur völligen Assimilation, zum Aufgehen der Juden in der christlichen Gesellschaft führen werde; der Gesetzgeber erklärte die Juden zu Bürgern, weil er. ihre Existenzberechtigung als Juden verneinte; nicht sichern, sondern untergraben sollte die Emanzipation den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft. Diese Erwartung des Gesetzgebers wirkt fort als Tendenz bei der Anwendung des - Gesetzes. . . . Die Praxis hat jene juristisch nicht bindende assimilatorische Erwartung des *) S. Feuchtwanger: „Grundsätzliches zur deuffchen Zudenstage". Neue jüd. Monatshefte, Jahrgang I, Heft 19 und 20.