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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 19

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 19 (sequence 9)
Language
German
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19 protestantische Professor der Philosophie in Ostpreußen der Kultur seines Vaterlandes gibt, ist andersgeartet alsdas Werk deskatholischenKaplans in Schwaben oder das des religionslosen Künstlers im fröhlichen Köln. Und daß der Juden Wirken, so verschieden es auch in seinen einzelnen Teilen sein mag. dort etwas spezifisch Jüdisches haben muß und wird, wo entweder jüdische Lebensauffassung oder historische Erfahrung Hineinspielen, ist klar. Es war ein glatter Unsinn, wenn z. B. jüngst in einer Diskussion mit mir in Danzig ein Hochschulprofessor vehauptete, daß er der Bauart einer Kirche angemerkt habe, sie sei von einem Juden erbaut! Ehrlichs und Einsteins Arbeiten haben trotz des lebhaften Wunsches auf nationaljüdischer Seite nichts spezifisch Jüdisches. Wohl aber weht uns aus des seines Judentums sich bewußten jüdischen Dichters Werken überall dort jüdischer Geist entgegen, wo sein jüdischer Sinn mitschwingt. Ob Heines Gedicht „Du bist wie eine Blume" von einem Germanen oder einem Semiten geschrieben ist, wird sich lediglich aus standesamüichen Notizen über den Dichter feststellen lassen, daß aber Schnitzlers „Doktor Bernardi" eines Juden Arbeit ist, ergiebt sich aus seinem Geiste von selbst. Es ist also ganz siaglos, daß die Kulturarbeit deutscher Juden, die technische oder wissenschaftliche Leistung gilt, sich resllos einfügt — in Wahrheit sind auch unsere Völkischen stolz auf einen Ehrlich und einen Einstein — uttb bie künstlerischen oder literarischen Beiträge sind nur dann als jüdische erkennbar, wenn ihr Stoff oder die aus ihnen sprechende geschichtliche Erfahrung die jüdische Seele berührt. Da aber jeder Kulturarbeiter eine ganze Persönlichkeit ist, der nicht zu einem Teile deusiche, zu einem anderen Teile undeutsche Arbeit leisten kann, ergiebt sich die zwanglose Einpassung des gesamten jüdischen Beitrages. Hierbei ist noch nicht berücksichtigt, daß die deutsche Kultur durch ihre christliche Grundlage überhaupt jüdische Anschauung vor allem in der sittlichen und in der sozialen Idee besitzt und daß so in vielen Erscheinungen eine letzte innere Gleichheit der Erscheinungen waltet. Die Tatsachen der Erfahrung ergeben dann auch, daß die jüdische Arbeit nicht nur der ganzen deutschen Kultur stets genützt hat. sondern daß sie auch jederzeit als deutsch empfunden wurde. Und wenn sich unsere Antisemiten in neuerer Zeit angewöhnt haben, alles, was chrem Sonderstandpunkt nicht entspricht, als „undeutsch" zu betrachten, und wenn sie „undeutsch" mit „jüdisch" gleichsetzen', so wird dieser Unfug am besten dadurch charakterisiert, daß zu gelegener Zeit die Völkischen und die Deutschsozialen sich gegenwärtig den Vorwurf machen, sie seien verjudet und „ und eutsch "! Wenn es nun auch innerhalb der Judenheit eine Strömung gibt, die die Kultur der deutschen Juden trotz der sprachlichen, politischen und wirtschaftlichen Verbindungen unter Außerachtlassung des Willensmoments nicht als deutsch, sondern als jüdisch ansieht, so führt das auf die Frage nach der jüdischen Kultur überhaupt. Von ihr soll in einem weiteren Aufsatze die Rede sein. Auf den Boden Palästinas ist entschieden eine jüdische — besser vielleicht eine hebräische — Kultur im Werden. In Europa müssen die Verhältnisse des Ostens mit seinen fast geschlossenen jüdischenMassensiedlungen anders bewertetwerden als die des Westens, wo die Juden eine verschwindende Minderheit bllden. Hier wird zu zeigen sein, daß von einer jüdischen Kultur in Deutschland — außer natürlich auf den von der Religion unmittelbar oder mittelbar abhängigen Gebieten — keine Rede sein kann, da man auf dem formellen Moment des Willens aÜein, wenn Sprache, Land und Wirtschaft fehlen, eine Kultur nicht auserbauen kann. Motive und Fragmente von Dr. Fritz Freund (Bav.). / II. Die Judensrage. (Eine Zitatenreihe mit und ohne Bemerkungen.) „Mama, woraus ist die Erde gemacht?" „Schlaf, schlaf!" „Mama, sag', woraus ist die Erde gemacht?" „Aus Dummheiten, schlaf!" Pause. Dann wieder: „Mama, bin ich dumm?" „Ja. sehr dumm. Lieb, aber dumm. ' Der Philosoph murmelt im Schlafe: „Wenn ich einmal groß bin, mach' ich mir eine eigene, kleine, sehr liebe Erde." Und damit schlief er ein?) ..eine eigene kleine, sehr liebe Erde . . ." Und wenn der kleine Philosoph ein jüdischer Bub gewesen wäre, hätte er vielleicht noch hinzugesetzt: „. ... auf der es keine Judenftage gibt." Hand aufs Herz, lieber Leser: hast du nicht auch schon manchmal gewünscht, eine liebe kleine Erde für dich zu haben, auf der es keine Judenftage gibt? Dieses endlose Problem, von dem noch nicht einmal — die Problemstellung allgemein seststeht? Um ein sehr kluges Wort Leopold von Wieses zu zitieren: „Es wäre ein interessanter Beitrag zur Geschichte der menschlichen Jrrtümer, wollte *) Maxim Gorkij, Tagebuchblatt; entnommen der Zeitschrift „Der Querschnitt", Lerbstheft 1923.

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