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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 17

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 17 (sequence 7)
Language
German
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17 Diese Belastung bedurfte irgendwie einer Erleichterung. Diese lag für den gehobenen Mittelstand in der Erscheinung der feudalen Anpassung und Imitation, wie sie.Rathenau nennt, die darin besteht, daß dieser Schicht feudale Anschauungen anerzogen wurden, so daß sie sich, fälschlicherweise, auch an diesem System mitinteressiert fand. Für diejenigen Volksschichten aber, denen die feudale Anpassung verschlossen war und die nicht etwa als Sozialisten das herrschende System überhaupt ablehnten, blieb in der Tat der Antisemitismus als einziger Ausweg übrig. Welche Wohltat für denjenigen, dem täglich demonstriert wird, wie tief er unter dem oder jenem steht und wie wenig er eigentlich zu sagen hat, endlich jemand zu finden, der eine noch tiefere Sprosse auf der sozialen Stufenleiter inne hat. So ist in der Tat der Antisemitismus der Sozialismus des dummen Kerls geworden, der glaubte schon etwas zu bedeuten, wenn er es fertig brachte, sich in ähnlicher Weise zu räuspern und zu spucken, wie die Oberschicht. Verstärkend kam noch hinzu, daß der Jude hingestellt wurde als der Ausbeuter, als der Unterdrücker, als derjenige, der die geheime Weltherrschaft hat. Run war hier ein Ventil geschaffen für alle die Ressentiments, die jahrhundertelange feudale Bevormundung im deutschen Volke geschaffen hatte. Man irrt also durchaus, wenn man die antisemitische Bewegung als allein vom Juden veranlaßt und gegen den Juden gerichtet ansieht. Sie ist nichts Anderes als der Ausdruck des Lasses gegen alles, was im Laufe langer Zeiten das deutsche Volk an Bevormundung und Rechtsminderung durchgemacht hat. Der Jude, den der Antisemit von heute mit seinem Laß verfolgt, ist nicht der Jude der Wirklichkeit, er ist vielmehr ein auf Generalisierung beruhendes Bild, das sich derjenige, der sich geknechtet fühlt, von seinem Bedrücker macht. Dieses Bild ist nicht zustande gekommen auf Grund ruhiger Betrachtung des deutschen Juden, sondern ist das Produkt der jahrhundertelangen im Verkehr der sozialen Schichten gemachten Erfahrungen, zu deren Ermöglichung arisches Blut nicht zu wenig beigetragen hat. Der Antisemitismus ist der Ausdruck einer Knechtsgesinnung, die, weil sie vorher bedrückt war, Freiheit sich in keiner anderen Weise denken kann als in der Unterdrückung anderer. Die Erkenntnis, daß Antisemitismus letzten Endes nicht Antisemitismus, ist, daß er keineswegs, zum mindesten nicht in dieser Form und in dieser Stärke, von Dauer sein muß, daß er vielmehr notwendigerweise abnehmen muß im Verlaufe einer freiheitlichen Entwicklung des deutschen Volkes, gibt uns den einzigen Weg, auf dem derAntisemitismus wirkungsvoll bekämpft werden kann, nämlich mitzuwirken an einer freiheitlichen Entwicklung Deutschlands und an der Gesundung unserer Verhältnisse. Die Erkenntnis, daß Antisemitismus letztlich selbst der Ausdruck einer Rot des Antisemiten ist, wird vielleicht auf beiden Seiten geeigneter sein, die augenblicklich riesenhaft gähnende Kluft zu verengen. Vor allem aber wird man sich Hüter: müssen, Niedrigkeiten der antisemitischen Agitation als für das Deutschtum repräsentativ zu nehmen, wie man es in den letzten Jahren vielfach beobachten konnte. Daß jene Kreise vor allem das Deutschtum beständig im Munde führen, darf uns daran nicht irre machen, denn das kostet keine Mühe und auch der Dieb auf der Flucht kann rufen: Laltet den Dieb! Jene niedrige Gehässigkeit hat mit wahrem Deutschtum nichts zu tun. Eine der größten Entdeckungen des Königsberger Philosophen, dessen 200. Geburtstag wir in diesen Wochen feierten, ist die Entdeckung der Würde jeder menschlichen und jeder vernünftiger: Natur. Nicht etwa der Würde des nachweisbar durch 3 Generationen einwandfrei arischen Menschen, sondern die Würde jeder menschlichen und jeder vernünftigen Natur schlechthin. Wenn wir daran denken, daß das edelste Merkmal deutschen Wesens niemals Engstirnigkeit und kleinlicher Laß gewesen ist, daß dieses Merkmal vielmehr stets die Lumanität war, so wird uns der Weg zum deutschen Menschen wieder frei sein. Dom deutschen KirLIurvegrrff. Von vr. Felix Goldmann (Thur., Saxo-Bav.). Nach der landläufigen Erklärung ist Kultur die Erhebung des Menschen über den Naturzustand durch Ausbildung und Betätigung seiner geistigen und sittlichen Kräfte. Um bei einer' Volksgemeinsch a ft den Begriff der Kultur zu erfassen, bedarf es freilich noch einer Ergänzung. Die Kräfte müssen im Sinne einer bestimmten Aufgabe wirken, also auf ein einheitliches Ziel gerichtet sein! Und will die Kultur eines Volkes schließlich ein Teil der Weltkultur sein, so müssen ihre Wege im Einklang stehen mit der übernationalen, sittlichen Einstellung, die zwischen dem Stteben der verschiedenen Nationen die Einheitlichkeit herstellt. Jede Kultur muß national sein! Denn die Natton ist ein Gebilde, das Eigenart und Prägung besitzt, und es ist selbstverständlich, daß Kräfte sich dann am besten auswirken, wenn es in der ihnen eigentümlichen Weise geschieht. Jede Kulturarbeit, mag sie noch so sehr sich in ein übernationales, von sittlichem Geiste durchtränktes Schema einfügen, muß ihren Weg so gehen, wie es die Veranlagung, der Geist und

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