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KC-Blätter · 1924-05-01 · Heft 2 (Mai 1924) · p. Seite 16

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 2 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 16 (sequence 6)
Language
German
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16 Sklaven den Knall der Peitschen hörten, warfen sie Rüstung und Waffen weg und kehrten zum Gehorsam zurück. — Diese hübsche kleine Geschichte zeigt deutlich die zwingende Wirkung eingeübten Handelns. Trotzdem der Knall der Peitschen realiter für sie nichts mehr hätte bedeuten können sie hatten ja die Waffen und konnten die Herren mit leichter Mühe überwältigen — verhielten sie sich doch so, als wäre noch der Zustand von ehedem. . Der deutsche Jude ist zwar rechtlich, aber nicht gefühlsmäßig emanzipiert, irgendwie wirken in ihm noch aus der Getthozeit überlieferte und übernommene Einstellungen mit. Er kennt zwar das Gesetz vom 3. Juli 1869 (also schon reichlich lange!), in dessen einzigem Artikel alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aufgehoben werden, er kennt auch den lapidaren Satz der deutschen Röichsverfassung: Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Er kennt das, weiß das, hat es aber nicht erfühlt. Die Gleichberechtigung wird nicht als das, was sie doch ist, als etwas Selbstverständliches hingenommen, sondern noch irgendwie als ein Privileg (Einstellung des Schutzjuden!) gewertet, das in besonderer Weise verdient werden müsse. Aus dieser Einstellung heraus resultiert der Satz, der mit einer geradezu beschämenden Zweifelsfreiheit vorgetragen wird, der Jude müsse sich mehr in Obacht nehmen wie jeder andere, er müsse mehr für die Allgemeinheit leisten als jeder andere, er' müsse mit einem Wort moralischer sein als der Nichtjude. — Diese Auffassung ist auf das Schärfste abzulehnen. Man kann lediglich wollen moralisch sein, moralischer sein zu wollen ist bereits Änmoral, denn diese Auffassung verstößt gegen die Sachlichkeit der Motive. Dinge werden nicht mehr getan um ihrer selbst willen, sondern um sich vor anderen dadurch zu legitimeren. Was hat aber die Liebe zum deutschen Vaterland mit einer solchen Legitimierung, deren es ja gar nicht bedarf, zu tun. Diese Verfälschung der Motive, diese Schutzjudenhaltung ist es auch zum Teil, welche das Anschwellen des Zionismus als Reaktion auf den wüsten Radauantisemitismus hervorgerufen hat. Denn wenn mir all' meine Liebe keinen Dank einträgt?! — Es kann nicht geleugnet werden, daß in gewissen jüdischen Kreisen sich mitunter Tendenzen zu Protzerei und Lieberhebung gezeigt haben. Solche Erscheinungen sind als Reaktionen auf jahrhundertelangen Druck zu würdigen, Reaktionen, die obwohl der tatsächlichen Situation nach nicht mehr angebracht, gleichwohl beibehalten sind. (Nebenbei sei bemerkt: Wenn solche Auswüchse gewissen Kreisen Anlaß zu solch' leidenschaftlich gehässigen Angriffen bieten, so kann daraus nur gefolgert werden, daß diese Kreise im Grunde genau die gleiche Einstelluug zur Lleberheblichkeit besitzen. Jemand, für den Lleppigkeit und Protzerei keine erstrebenswerten Dinge sind, könnte einen, der danach strebt, höchstens bemitleiden, niemals aber in dieser Weise angreifen). Man sage nicht, daß die antisemitische Hochsiut der letzten Jahre diesem Verhalten einen genügenden realen Grund gegeben hätte. Bei einem gesunden Selbstgefühl des deutschen Juden hätten selbst die Ereignisse der letzten Jahre keine solche Verheerung anrichten können. Der starke psychische Druck, den die antisemitische Bewegung bei dem deutschen Juden auslöste, entspricht mit gewissen Abschwächungen dem rechtlosen Zustand vergangener Jahrhunderte, nicht aber unseren heutigen Verhältnissen. Die starke Bedrückung der Seele des jüdischen Deutschen durch die antisemitische Agitation, die sich mitunter in eine Verzweiflung am Vaterland und am Deutschtum auswächst und die viele Kräfte dem Zionismus in die Arme treibt (auch die Animosität gegen die deutschstudentische Korporationsform entspringt zum Teil dieser Quelle!) beruht neben der geschilderten atavistischen Einstellung auf einer weiteren irrigen Voraussetzung: auf der Anschauung nämlich, daß der deutsche Jude die alleinige Llrsache und der alleinige Gegenstand des Judenhasses und der Judenhetze sei. Schon daß die Juden in anderen Kulturländern nicht unter einem derartigen Druck zu leiden haben, muß zu denken geben. Der Antisemitismus eines Landes ist ein Produkt seiner sozialen Schichtung, genauer des zwischen den verschiedenen sozialen Schichten bestehenden Verhältnisses. Er findet in Deutschland seinen Ursprung in dem System des konservativen Feudalismus. Man kann den deutschen Antisemitismus erst dann verstehen, wenn man erwägt, was dem deutschen Volke unter diesem System an Bevormundung, Rechtsminderung und Klassifizierung in Bürger 1. 2. 3. und folgender Klaffen zugefügt wurde. Das preußische Dreiklassenwahlrecht ist nur ein eklatantes Beispiel. Man kann weiter an die Lleberheblichkeit des Adels gegen das Bürgertum, des Akademikers gegen den Nichtakademiker, des Militärs gegen das Zivil erinnern. Bezeichnend ist, daß in keinem Land der l)r.-Titel eine so große Rolle spielt, daß man nicht leicht irgendwo eine so ausgeprägte Titelsucht findet. Auf die Dauer mußte dieses zu der quälenden Auffassung führen, daß die Aufgabe des Bürgers darin bestünde, mehr zu sein als der andere.

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