KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268948-2268949--3000-2272177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
reges Leben am-Mffchen Büchermarkt. Aber diese Zeit ging rasch vorüber und es trat bald wieder ein Stillstand ein. Nicht auf der ganzen Linie, im Bereich des Zionismus und der Orthodoxie rührt es sich mächtig, wird viel geschrieben, gedruckt, gekauft und vielleicht nicht immer gelesen, aber doch von jenen bereit gehalten, die sich zur Bewegung bekennen und auf sie leitenden Einfluß zu gewinnen suchen. Man findet in diesen Kreisen beachtenswerte Büchersammlungen, in jüdischen Fragen wohl unterrichtete Männer und Frauen. Vielleicht liegt darin das. Geheimnis ihrer stärksten Energie, ihrer willigeren Opferfähigkeit, ihrer größeren Erfolge. Sie identifizieren sich mit dem Ideal, das sie verfechten, sehen ihr bestes Können und Wollen an seine Kräftigung. Man lerne vom Gegner, was man soll. In den Kreisen Mer derer, die sich weder zur Orthodoxie noch zum Zionismus bekennen, die man gemeinhin als „Liberale", neuerdings auch als „Centralvereinler" bezeichnet, herrscht leider absolute 'Gleichgültigkeit gegenüber den geistigen Werten des Judentums. Man redet viel" von der geistigen Bedeutung des Judentums, man schreibt in Parteiprogrammen die Notwendigkeit der Pflege der „Wissenschaft des.Judentums" — damit aber hat es sein Bewenden, es bleibt bei dieser platonischen Liebeserklärung, von einer wirklichen Förderung dieser Ideale, von einem Eindringen in die jüdische Gedankenwelt, einem Erfassen ihrer Werte halten die meisten sich ängstlich fern. Vor einigen Jahren erschien in diesen Blättern eine aufilärende Darstellung über die Aufgaben der jüdischen Wissenschaft, über die ihrer Pflege in Deutschland gewidmeten Institutionen, über ihre finanziellen Grundlagen und die Notwendigkeit, ihnen infolge der Geldentwertung neue Mittel zuzuführen. Der Erfolg war wohl nicht die geringste Resonanz, das waren Fragen, die den Leser mcht berührten. Die „GefÄlschast zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" hat wiederholt in diesen Blättern zur Mitgliedschaft aufgefordert und aus ihre zahlreichen Veröffentlichungen hingewiesen, die sie den Mitgliedern zum Vorzugspreis liefert. Kaum einer der Leser hat sich gemeldet, obwohl die Zugehörigkeit zur Gesellschaft für jeden, der auch nur wenige einschlägige Bücher für die eigene Lektüre oder für GescheNtzwecke braucht, außerordentlich vorteilhaft ist. Noch mehr, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch in den Gemeinden, in denen häufig Mitglieder des K. C. an führender Stelle stehen, für die geistigen Zwecke des Judentums, weder Verständnis noch Gebefteudigkeit herrscht, daß die Gemeinden mit wenigen hingeworfenen Bettelpfennigen ihrer Pflicht Genüge leisten zu können vermeinen. Cs ist eine aus einer Unglück-. lichen Vergangenheit ererbte Einstellung, daß' man die geistigen Fragen des Judentums unter dem Gesichtspunkt des Rachmonns, des Almosengebens, betrachtet und ihre Förderung mit jeder beliebigen Schnorrerei auf eine Stufe steltt.* Gewiß, jüdische Anstalten haben einen schweren Daseinskampf zu führen, sie sind auf das Wohlwollen einzelner und der Gemeinden angewiesen — aber nur darum, weil hier eine Lücke in unserer Gleichberechtigung vorliegt und der Staat eine ihm obliegende Pflicht nicht anerkennt. Kann es für Männer, die den Kampf um unser Recht führen, zweifelhaft sein, in welcher Weise sie da Stellung zu nehmen haben? Müßten unsere Gemeinden, müßten Me diejenigen, die ein Herz für Kunst und Wissenschaft haben, nicht als ihre Schuldigkeit, als eine Ehrenpflicht anerkennen, hier helfend einzugreifen und freiwillig das zu gewähren, was der Staat versagt, bis auch" einmal in dieser Frage die volle Gleichberechtigung durchgesetzt ist? Bei vernunftgemäßer Selbsteinschähung unserer Gemeinden wäre es ein Leichtes, die für die Pflege jüdischer Wissenschaft erforderlichen Beträge aufzubringen. Die Gesamteinstellung unserer gebildeten Glaubensgenossen übt ihre Wirkung auf die Wahl des einzelnen Lesestoffes, und es gilt leider für viele unserer Werke das Wort „Zudaica sunt, non leguntur". Bei vielen mag die Erfahrung der Jugend nachwirken, wo Bücher dieser Art ihnen nur auf dem Vettelweg zugingen und sie lernten, den Wert der Literatur nach ihrem Vertrieb zu beurteilen. Bei anderen mögen andere Erinnerungen mitsprechen. Wenn ich z. B. das Programm lese, das vor einiger Zeit in diesen Blättern für die Fuxenstunde vorgeschlagen war, so kann ich es beinahe verstehen, daß einem K. C.er die jüdische Geschichte für sein ganzes Leben verleidet ist. Aber zeugt diese Aufhäufung gewaltiger Stoffmassen nicht von der Notwendigkeit, ihn sich zu eigen zu machen. Wenn irgendwo, so gilt für dieses Gebiet das Wort, daß W i s s e n M a ch t ist. Jede Minorität, die sich behaupten will, ist darauf angewiesen, ihre Existenzberechtigung nachzuweisen — daher die oft angestammte Schlagferiagkeit, mit, der Anhänger religiöser Sekten oder kleiner politischer Gruppen ihre Lehre vertreten. Wir Juden, die ständig in die Verteidigungslinien gedrängt sind, müssen jeden Augenblick in der Lage sein, Stellung zu nehmen über unser Sein und Werden, Auskunft zu geben oder wenigstens die nöttgen Anhaltspunkte für die Orientierung besitzen. Mit dem nötigen Wissen ausgerüstet, werden wir unsere Verteidigung verbessern und nach altem Rezept zu der besten Art des Schutzes, dem Hieb übergehen können. Dazu ist aber eine engere, eine freundschaftlichere Beziehung zu dem Wissensstoff, zur vorhandenen Literatur erforderlich. Cs wäre nicht notwendig, daß der gebildete Jude durch das Erscheinen sensationeller