KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2268830-2268948-2268949--2997-2272174- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
genz der kanttschen Lehre sich zuneigte, in ihr die ihr zu einem Teil schon durch die Geschichte und die Art des talmudischen Studiums eigene Neigung zürn Rationalen bestärkt, und man glitt noch stärker in den Rattonalisrnus hinein, als dies auf die Dayer mit der Erhaltung der Gemeinfchaftsreligion verttäglich ist. Hier seht in unseren Tagen die neue Erkermtnis von dem Werte und dem Recht der irrationalen Bewußtseinsinhalte ein, die Erkenntnis, daß es Dinge gibt, die keinen vernunftmäßigen Charakter in sich ttagen und doch als formende und bindende Mächte im Seelenleben vorhanden sind und Anerkennung heischen.- Die Hauptsache aber: es ist der Einfluß der Kanttschen Philosophie gewesen, wenn in dem Judentum des 19. Jahrhunderts die Moralität als einziger Ausdruck der Religiosität erschien. Deutlicher gesagt: im Judentum des 19. Jahrhunderts, nicht in seiner theologischen Führung aber in seiner Laienwelt, vollzog sich in steigendem Mäße der Aebevgang zrk einer Denkweise, nach welcher Frommsein identtsch. war mit Sittlichhandeln. Das mottrlische Handeln wurde immer mehr zum alleinigen Ausdrück der Frömmigkeit. Es konnte aus diese Weise der gesamte Inhalt und Amfang des Zeremomalen sich verflüchtigen, es konnte sogar die Gläubigkeit, die Gottgläubigkeit schwinden, und man konnte doch noch dabei sich einbilden, daß man ein guter Jude sei. Die im religiösen Judentum begründete innige .Verknüpfung von Gott und sittlicher Tat wurde durch die Kanttsche Theorie von dem Herauswachsen des Gottesbewußtseins aus dem mokalischen Bewußtsein so gestützt und bekräftigt, daß die Kanttsche Idee als geläuterte und gereinigte Anschauung sich an die Stelle des religiösen Judentums setzte, sie verdrängte, und man dabei noch die Empfindung hatte, man sei eine Stufe emporgesttegen und habe sich doch dabei jüdisches Erbe erhalten. Es ist gar nicht zu verkennen, daß in diesex Entwicklung, die das Judentum leider in vielen seiner Söhne und nicht den schlechtesten durchmacht, känttscher Einfluß nachweisbar ist. Wenn man noch dazu hält, daß indem Kant den Menschen ganz auf sich stellte, auf seine autonome Freiheit, der Mensch in gewissem Sinne von der geschichtlichen 'Gemeinschaft lösgelöst wurde, so begriff Man, daß auch von dieser Seite her die Bindung an das jüdische Gemeinschaftsleben gelockert wurde und so ein Anstoß mehr gegeben war zu der Herausbildung jenes Typus Jude, der uns so häufig begegnet, der streng moralischen Persönlichkeit, die aber jedem Bekenntnis, jeder religiösen Bindung und jeder Bindung an die geschichtliche Gemeinschaft abhold ist. And an dieser Stelle müssen wir iwer diesen falsch erfaßten kanttschen Einfluß hinaus, sirid wir zu einem Teil schon über ihn hinweg. Wir müffen von der Aeberspannung des Moralischen innerhalb des Religiösen hinweg. Aeberspannung soll nicht Heißen, daß man dem Moralischen überhaupt jemals einen zu hlohen Rang einräumen könnte, /sondern es soll heißen, daß man das Moralische nichb als alleinigen Ausdruck des religiösen Bewußtseins empfinden darf. Wir müffen den Weg zurückfinden zu einem Gottesbewußtsein, in dem Gott nicht als Crfirllung der Idee'des Sittlichen nur empftrnden wird, sondern als wirkende sittliche Persönlichkeit, als Quelle und Ausgangspunkt alles Sittlichen. In dem Augenblick, da das geschieht, erwachen die Gefühle, die neben dem Moralischen ein unabtrennbarer Bestandteil des Religiösen find, die Gefühle des Verbundenseins mit Höherem, der Demut, des Verttauens und der Hingabe. And wir müffen hinauskommen über die mit der unverhüllten Autonomie des Menschen untrennbar verknüpfte Vereinzelung des Individuums, seiner Loslösung von der Gemeinschaft. Wir müffen den Weg finden haben ihn zu einem Teil schon wiedergesunden — zu dem Bewußtsein der geschichtlichen Gemeinschaft, zu der Bindung an eine Gemeinschaft, die, indem . sie den Einzelnen stützt, ihn durch ein überkommenes Erbe prägt, ihm auch Verpflichtungen äuferlegt. Anser jiddisches religiöses Bewußtsein würde in diesem Augenblick sofort von der fortreißenden Idee der Sendung Israels und der mit ihr jedem Einzelnen auferlegten Verpflichtung mit einem starken Inhalt erfüllt werden, einem Inhatt, der nicht bloß im Sittlichen sich äußern würde, nicht bloß in der Wiedererweckung des Gemeinschaftsgefühls sich bekunden würde, sondern in einer neuen Verbindung mit Gott. Wir müffen in uns nicht bloß das Moralische entdecken, sondern auch das metaphysische Bedürfnis. Man-kann durchaus nicht sagen, daß im Kanttschen System dieses metaphysische Bedürfnis gänzlich außer acht gelassen ist, Kant hatte dem Crlösungsbedürfnis ein volles Recht zugemeffen und in ihm eine Grundtatsache des religiösen Lebens erblickt, er hatte neben den imperativen Charakter des Sittengesetzes das Bewußtsein von der Anmöglichkeit es>restlos zu erfüllen gesetzt und so den Begriff der Sünde in spezifisch christlicher Färbung eingeführt. Er hatte in der Linie dieser Gedanken fortschreitend die Kirche zu einem Bedürfnis Erhoben. Aber all das war als Vernunstforderung empfunden und rational gedacht. And es verstärkte so den Eindruck, daß man Kant nur als den Lehrer des kategorischen Imperativs, der Moralität schlechthin zu empfinden berechtigt fei. Wir aber müffen unser metaphysisches Bedürfiris entdecken und uns zu ihm bekennen nicht bloß als zu einer Forderung der Vernunft. Mit anderen Worten, wir müffen entdecken und empfindenlernendaß in diesem Leben und hinter diesem Leben Fragen sich erhebendie nicht mit der Vernunft lösbar find, und *0$ es Fragen find, die das Zentrum des geistigen Lebens, d. h. des Lebens überhaupt, bilden, und die nichts mit Gedachtem, Konstruiertem, Willkür-