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KC-Blätter · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 4

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Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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rnon MaimonKant, dessen philosophische Sprache nicht immer durchsichtig und dessen Stil schwer ist, so erklärte, daß Kant selbst davon aufs tiefste ergriffen war und sich selbst danach in größerer Klärheit wiederfand. Das soll nun nicht etwa heißen, daß Kant und Judentum identisch waren, ganz und gar nicht. Der fundamentale Unterschied sei gleich gesagt. Zn Kants Darstellung war es so, daß wegen der sittlichen Zwecke der Persönlichkeit und zu ihrer Behauptung und Verwirklichung der Mensch eine sittliche Weltlenkung und somit Gott fordern mußte, d. h. der Ausgangspunkt ist der Mensch und sein Bedürfen, und Gott blaßte zur moralischen Zdee ab, und im Zudentum kann nie und nimmer davon abgegangen werden, daß Gott der Heilige ist, der, von dem alles Sittliche des Menschen abgeleitet-ist und dem alles zuzustteben hat, und nie und nimmer kann Gott zur Idee abblassen, sein Persönlichkeitscharatter muß betont werden. Cs ist im Kanttschen alles Sittliche ein vom Mensch sich selbst gesetztes Gesetz, autonom soll die sittliche Forderung sein, und im Judentum bleibt das Sittengesetz ein von Gott gesetztes; man mag noch so sehr den Willen Gottes in den eigenen hineinnehmen, um die sittliche Tat als eine frei aus sich geschöpfte erstehen zu lassen, es bleibt und muß doch dabei bleiben, daß Gott der Gesetzgeber ist und daß alle sittliche Forderung eine Offenbarung GottM ist. Aber über diese Unterschi^e hinaus empfand man die starken Berührungspunkte. Das Unbedingte der sittlichen Forderung im Kanttschen System, es berührte sich so stark mtt der UNbedingtheit und Strenge des sittlichen Gebotes im Judentum, daß man diese Philosophie als eine ideale Vettündigung jüdischer Ideen empfand. Cs war tatsächlich diese sittliche Forderung im kanttschen System gar nicht so unbedingt, denn in ihm herrschte noch zu einem Teil das Bedürfnis nach Glückseligkett, und eben um der Rettung dieser Glückseligkett willen wurde die Unsterblichkeit zu einer sittlichen Forderung erhoben, aber es kommt so oft bei einer Lehre garnicht so sehr darauf an, wie sie verwurzelt und ausgedrückt ist, sondern wie sie empfu n de n wird, was von ihr als leicht zu Erfassendes und zu Behaltendes in das allgemeine Bewußtsein übergeht, und Kant lebt im allgemeinen Bewußtsein als der Mann des kategorischen Imperativs. Das Eisenharte der Pflicht da und dort, es berührte sich aufs engste. Ob autonom, wie Kant es wollte, ob Heteronom, wie es im Judentum anklingt, die sittliche Forderung war da und dort Gesetz und nicht Geschenk und Gnade, das Gesetzliche allen Handelns, das Gesetzliche als Ausdruck der Erfüllung der sittlichen Idee, das mußte als identisch, als eng verwandt empfunden werden. Kants kategorischer Imperativ: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten können/ er betonte ja nicht bloß das Sittliche all^r gesetzmäßigen Handelns, er klang auch an den Gedanken von der Verbindung aller Menschen in dem Gebote der Sittlichkeit an, und wie eng berührte sich das mit der messianischen Idee im Judentum, die ja auch von dem Ergriffensein älter. Menschen von Gottes Forderung und der Verbindung aller Menschen in ihr spricht! Eine Berührung, die noch stärker empfunden werden mußte, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Kant — ein Einsamer unter seinen Zeitgenossen — den sittlichen Mut hatte, den Trattat vom ewigen Frieden zu schreiben- -und praktisch die Idee auszugestatten, die als prophetische Forderung dem Juden ins Herz gebrannt ist. Änd daß alles Sittliche in Kants Darstellung seinen Höhepunkt erreicht in dem stets neu siegreich durchzufechtenden Kampf zwischen Pflicht und Neigung, in der stets neu zu erzielenden Ueberwindung aller Begehrungen und Instinkte, daß dieser Kampf in der Menschenbrust ausgefochten wird, vom Menschen ausgefochten werden muß, war das nicht wie eine im Gewände modernster Wissenschaftlichkeit erscheinende neue Einkleidung der atten jüdischen Lehre von jezer Hora und jezer hatow — dem bösen und dem guten Trieb —, die stets aufs neue miteinander ringen? Cs konnte garnicht anders sein, als daß dem Juden solche Lehre wie ein ideales Judentum erscheinen mußte, als sei hier Judentum im Gewände der von allem Glauben, allem Kirchlichen, allem Zeremoniellen befreiten urw darum soviel moderneren und gütigeren Philosophie neu erstanden. And wie es so oft zu geschehen pflegt, indem die Verwandtschaft empfunden wurde, öffnete man sich um so williger dem Einfluß, urü> die kanttsche Philosophie und Denkweise beeinflußte das Denken der jüdischen Theologie und der Masse und gab ihr Richtung auch da, wo Judentum und Kant im Widerspruch! standen. Aber nun muß auch gesagt werden, inwieweit der Kant'sche Einfluß ein dem Judentum abttägliches Element in das Denken der Juden hineinbrachte, inwieweit seine Philosophie — so wie sie landläufig aufgefaßt wurde-— die gebildete Schicht in einer Weife beeinflußte, daß man wünschen muß, über diesen Einfluß hinauszuschretten. Zu einem Teil ist die Antwort darauf schon vorweggenommenals die grundlegenden Unterschiede in dem Verhältnis der Gott^sidee zur sittlichen Idee ausgeprägt wurden. Aber nun muß Wichtigeres noch hinzugefügt werden. Kants gesamtes System war auf Vernunft gestellt. Cr mochte die Frage des Gottesglaubens aus der Sphäre der theoretischen Vernunft in die der prattischen Vernunft heben, aber es war doch eben alles auf Vernunft gestellt. Cs wurde so, je mehr die jüdische Intelli-

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