KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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so jeden, der Anspruch auf richtiges Denken ethob, zwangen, Gott anzuerkennen. <£§> iff nicht zu leugnen, daß dannt viel Segen gestiftet worden war, es gab sicher unendlich Vieledenenwenn der Zweifel sie überkam, solch eine auf dem Wege des methodischen strengen Denkens herbeigeführte Versicherung eine erwünschte Befestigung und Befriedigung der Sehnsucht war. In dieser Bahn ging auch die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters. Me die Denker, auf die wir stolz sind und die im Mittelatter die Verbindung des Judentums mit dem zeitgenössischen Denken aufrecht zu erhalten versuchten, übernahmen die Formen der Gottesbeweise und glaubten, dannt den Gebildeten ihrer Tage einen wertvollen Dienst zu erweisen. Nur Iehuda Ha» levi warwette nicht in dieser Bahn, mühte sich nicht um Beweise, sondern stützte sich auf die Erfahrungstatsache der Offenbarung und schob die Probleme der Religion aus der kühleren, leidenschaftslosen nüchternen Vernunft, in der der stützende Beweis seine Rolle spielt, in das Reich der lebendigeren, schöpferischen, warmen, ihrer selbst sicheren Erfahrung. Aber er blieb damit ein Vereinzelter, und die meisten gingen wie die christlichen und islamitischen Philosophen in der Bahn, des Gottesbe- . weises. Mer im Grunde war das sowohl innerhalb des Judentums als auch im allgemeinen religiösen Dercken ein Irrweg und ein Zeichen, daß die schöpferische Krast zur Erweckung und Wachhaltung der Religiosität geschwächt sei. Cs bedeutet einen Abstieg des Religiösen, wenn man für seine Inhatte des Beweises nicht entbehren zu können vermeint. Ein Jesaja, ein Amos, ein Ieremia, die Psalmensänger, sie alle und die, die von ihnen erweckt waren, bedurften nicht des Beweises für Gottes Dasein, es war ihnen gewiß und selbstverständlich, und. auf der Selbstverständlichkeit ihres Gefühls ruhte ihre Kraft und das Zwingende ihrer Rede und das Fortreißende ihrer Forderung. Gott zum Gegenstand des Beweises machen, das hieß, ihn auf eine Linie mit einem mathematischen oder wiffenschäftlichen Problem stellen, hieß schließlich, ihn zu einem Gegenstand kühler sachlicher Forschung machen, bei dem allenfalls ein „ich glaube", ein „du sollst glauben" herauskommen kann aber nicht das „du sollst lieben". Run soll dannt nichts gegen die Religionsphilosophie im ganzen gesagt sein, sie ist an und für sich unentbehrlich, und gerade das Judentum will des ordnenden und kontrollierenden Verstandes nicht entbehren, und es hieße sich in eine selbstgewähtte Enge einschließen, wollte man sich nicht in einem stets sich erneuernden Zusammenhang mit den Methoden des Zeitderckens erhalten,, aber sich nach . Beweis umsehen, ist eben Zeichen innerer Unsicherheit. Und alle diese Beweise hatten nun das Gemeinsame, daß sie sich in Begriffen ergingen. Cs war,die Zeit, in der man die Begriffe für das eigentlich Wirkliche nahm und glaubte, in. der Klarheit der Denkoperation an sich die Bürgschaftxfür die Wirklichkeit des im Begriff Gedachten und Geschilderten zu besitzen. Hier nun fetzte Kants schöpferische Tat ein. Er zeigte' mit der Wucht und Schlüssigkeit, hie seinen Gedanken innewohnte, wie all diese Beweise sich im Leeren bewegen, wie man eine Form des Denkens für den Inhatt nahm. Und indem er mit zwingender Logik nachwies, daß man weder einen Beweis fü r noch einen gegen das Dasein Gottes führen kann, hob er das ganze Problem aus der Sphäre der theoretischen Erkenntnis und schob es dorthin, wohin es gehört, in die Sphäre der praktischen Vernunft, in die Sicherheit der in sich selbst ruhenden Gewißheit und Ueberzeugung. Cr wies nach, daß dieses Zentralproblem des religiösen Bewußtseins überhaupt keinen intelligibelen Charakter trägt, sondern eine Angelegenheit des Moralischen ist. Cs wäre nun verfehlt, wollte man sagen, daß er damit Traditionen von biblischer Zeit wiedererweckt hat, aber es ist doch richttg, wenn man es ausspricht, daß er damit das Denken in Bahnen zurücklenkte, die mit ursprünglich jüdischen sich berührten. Wie oben schon angedeutet, hat in den schöpferischen Zeiten der jüdischen Religiosität je einer der Führer sich um einen Beweis gemüht? Gott war ihnen gewiß und selbstverständlich und kein Gegenstand wiffenschäftlichen Crkennens, und der Maßstab der Frömmigkeit war nicht die Reinheit und Klarheit des Denkens über Gott, sondern die Zielsicherheit der vom Gottesbewußtsein angeregten sittlichen Tat. Was aber in Kants Philosophie auf die Juden den stärksten Einfluß ausübte und bewirkte, daß die jüdische Intelligenz sich dieser Philosophie im besonderen zuwandte, was so viele jüdische Denker zu Anhängern der Kantischen Lehre machte, das war ihre moralische Einstellung. Wir erwähnten schon, daß Kant das Problem der Existenz Gottes aus der Sphäre der theoretischen Vernunft in den Bereich des Moralischen hob und Gottes Dasein in dem moralischen Bewußtsein des Menschen begründet sein ließ. So etwas mußte Juden gewaMg ergreifen, denn es war ja ein original jüdischer, der prophetische Gedanke, daß eine unauflösliche Verbindung zwischen Gott, zwischen dem Bekenntnis zu dem einen Gott, und der Sittlichkeit des Menschen ist. Cs war ein starker Berührungspunkt kantischen Denkens und jüdischer Einstellung, daß nicht der auf Wahrheitserkenntnis ausgehende theoretische Vernunfttrieb, sondern der auf das Ideal des Guten gerichtete praktische Vernunfttrieb als das Ueberwiegende empfunden wird. Cs war ein starker Berührungspunkt, daß bei beiden die unbedingte Unterstellung des simllichen unter den sittlichen Trieb gefordert'wurde. So war es kein Wunder, daß es gerade 3 Juden waren, die die ersten Interpreten Kants waren: Markus Herz, Salomon Maimon, Lazarus Bendcwid, daß der Jude Salo-