Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1924
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268948-2268949--2994-2272171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

i Die Köpfe redeten sich heiß im Kampf mit den Problemen, die ringsum aufschossen. And die, die am tiefsten kämpften und litten, die gingen allein oder zu zweit und dritt des nachts am Neckar entlang oder durch die engen lieben Gaffen. Wir wollten uns klar werden über uns selbst. Wir waren enttäuscht, bitter und einsam, zwischen den christlichen inkorporierten Kommilitonen, die rasch einer Propaganda verfielen, die nur zu begreifliche Empfindungen geschickt umbog, und denen, die im Zionismus die Lösung für sich zu finden meinten. Zn jenen Nächten nun war es, daß manchmal ein fester Boden erreicht, das „Erkenne dich selbst!" zur Gültigkeit geformt ward. Damals bildeten sich die ersten Äeberzeugungen, da erstand unser Denken über Staat und Volk, Polittk und Wirtschaft, Deutschtum und Judentum, über Religion und Philosophie. Die Ahnung von der Tragik des jüdischen Schicksals zuckte oft durch unser Denken, und eine Musik rauschte auf, die war in e-moll geschrieben. Aber unser Wollen strebte machtvoll, darüber zu stehen und fortzuschreiten zur inneren Befreiung, »r wklbenden Synthese alles dessen, was in uns strömte und nach Gestaltung rang. And wenn uns dann ein geistiges Bild gelang, das klar und sicher stand, dann sang es froh und leicht und jubelnd in uns, und diese Musik, die erzähtte von einem Stück bewälttgter Wirklichkeit und war in 6-dur geschrieben . Das Einzelne, was damals von diesen Klängen in uns lebte, ward von neuen Dingen überdeckt und entschwand dem Gedächtnis. Aber hasten blieb ein starkes Erleben, und hasten blieben — Motive und Fragmente. — Die Zeiten sind heute noch so zerrissen und zerklüftet, die wirklich wesentlichen Fragen alle noch so sehr im Fluß, daß keiner von denen, die es ernst nehmen, heute es wagen könnte, das Ganze unseres eigenen Seins und unseres Anschauens aus einem Gusse darzustellen. Aber eines können wir immerhin heute schon tun: aus der Jugendzeit, die sich dem Ende zuneigt, ein paar jener Leitmottve anzuschlagen und so auf dem festen Antergrund erkämpfter Aeberzeugungen drängende Zeitfragen wenigstens in Fragmenten zu behandeln. Denn diese Blätter wollen — bei aller Kraft, mit der sie im Alltag arbeiten müssen — sich doch wiederum auch auf das besinnen, was auch in drangvollsten Zeiten (ja, gerade in ihnen) ihre vornehmste Aufgabe ist: aus den Quellen unseres Wesens zu schöpfen, der Wahrheit und Selbsterkenntnis zu dienen, in einer veränderten Welt das Beste, was wir haben und was wir geben können, für unsere Tage neu zu prägen und so das Zeitlose im Zeitgebundenen gülttg darzustellen. (Fortsetzung folgt.) In Kants 200. Geburtstag. Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach a. M. Am 22. April sind es 200 Jahre, daß Immanuel Kant geboren wurde. Das wird mancherlei Anlaß bieten, von seinem Werk und dem Einfluß seiner Philosophie auf die ganze geistige Haltung des verflossenen Zahrhundetts zu reden. Wenn nun in diesen Blättern, ihrem Eharatter und ihrem Ziel entsprechend, Lin Wott über die Gedanken gesagt wird, die ein denkender Jude bei der Betrachtung kanttscher Philosophie haben mag, so geschieht das aus einem doppelten Grunde. Einmal weil in der Tat ihr Einfluß ein so bestimmender war, daß er zu einem guten Teil dem Denken der breiten Masse Richtung gab, und dann, weil ja darin das Verwobensein mit deutscher Kultur besteht, daß man sich dessen bewußt hält, wie unvermeidlich das Denken der jüdischen Glaubensgenossen von Gedanken der Helden des deutschen Geistes beeinflußt wird, wie sich in unserem Seelenleben die Einflüsse des Judentl>.ms und der Außenwelt vereinen, mit einander ringen mrd, oft uns selbst unbewußt, zu einer neuen Einheit verbinden. Worauf es in dem Falle Kant ankommen wird, das ist zu zeigen, welche Lehren und Gedanken uns ergriffen und packten, gerade weil wir in ihnen mit dem Judentum Verwandtes erblickten und durch sie die jüdische Rote unseres inneren Lebens stärker betont empfanden, wie wir in Känttschem philosophisch entwickeltes Judentum erschauten und in ihm eine Bestättgung unser selbst vermuteten, aber auch zu zeigen, auf welchen Irrweg wir gerieten und inwieweit wir darüber hinausgewachsen sind oder hinauswachsen mußten. Gleich von vornherein aber sei es gesagt, es handelt sich hier nicht darum, einen Abriß der Kanttschen Philosophie zu geben und darzulegen, wie Kant seine Denkweise begründete, sondern einzig und allein, diejenigen charatteristischen Punkte seiner Lehre herauszuheben, die mit dem religiösen Bewußtsein in Zusammenhang stehen und die darum das jüdische Denken zu beeinflussen imstande waren. Einen Att der Befreiung hatte Kant in bezug auf die Begründung und Verwurzelung des Gottesglaubens vollzogen. Seitdem die aristotelische Philosophie das Denken des Mittelalters beherrschte, war man nicht müde geworden. Beweise für das Dasein Gottes zu suchen und zu finden, um auch dem Gebildeten den Glauben an Gott vom Gesichtspuntt des Denkens aus nahe zu bringen und zu einem Gegenstand des intelligenten Bewußtseins zu machen. In unendlichen Variattonen wurden durch die verschiedensten Denkoperattonen schlüssige — angeblich schlüssige — Beweise gehäuft, die mit der Genauigkeit der mathematischen und logischen Schlußfolgerung das Dasein Gottes erhärteten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.