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KC-Blätter · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1922) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1922
Issue
Heft 7-9 (Juli 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 66 (sequence 10)
Language
German
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«6 Linkt' flfhTH, das Gehei IN ttis Gattes und das klare Bewußtsein eigenen menschlichen Könnens in nnanflöslichem Verein in den Seelen verwachsen zn lassen. Als Offenbarnngs religion gibt sich das Indentnin, tritt es in die Weltgeschichte ein. Was aber ist daS denn: Ossenbarung? Kanin etwas so schwierig. so unendlich allein Begreifen sernliegend als dies Wort und sein Inhalt und doch so grundlegend. Mit treffsicherer Feinheit wird 'es zn deuten, in ^menschliches Verstehen hineinznziehen versucht. Es ist nicht so, werden wir belehrt, daß die Krmde. von Gott als dem Einen — Einzigen, der die sittliche Persönlichkeit ist und das Sittliche fordert, Endglied einer langen Entwicklungsreihe ist. Alle Religion vor dein Judentum war Aatnrreligion, Vergötterung der Naturkräste, und in ihr konnte wohl die Gottheit gelegentlich sittliche Züge an sich tragen, aber das Sittliche ist dann mir eine Begleiterscheinung. nicht die Grundkrast. das Treibende, der eigentliche Inhalt der Religion. Es gibt aber keinen Fortschritt vom gelegentlichen Wdlni zum Eiiiziggültigen des Sittlichen. Last man Gott als den heiligen, den Andersseienden als alle Natur, den Sittlichen empfindet, das kann nur durch ein Verlassen bisher gegangenen Weges, durch einen Bruch mit bisher Geglaubtem geschehet!, durch eiue volle Umstürzung, und der Augenblick, da dieses erste Wort eines neuen Denkens ertönt, dieser erste Schritt eines neuen Weges ans dem inneren Zwang der Seele heraus gegangen wird, ist Nenschöpsung. Und wie immer diese Nenschöpfnng tvird, ob sie als Stimme von oben einpsunden wird, ob als Stimme Gottes im eigenen Inneren, in diesem grundsätzlich ^»euen ist das Wesen dessen zu finden, das die Sprache nttvollkominen Ossenbarung nennt. Der Höhepunkt der ganzen Darstellung ist da, wo das Eigentümliche der jüdischen Religiosität aufgczcigt wird in der Spa n n u n g, in der zwei scheinbar unvereinbare, gegensätzliche Gefühls- und Bcwusztseinsinbalte gegeneinander stehen und doch in Harmonie liib l'ereini'n. In drei Hanl'lstiicken ist diese Spannnng. nie P.n.U'ozie l'es :»,'eUgiä>en. die Eint,eit des anscbei nend llnvenint'aeen gezeichnet, und »veil vier der Kern des Buches ist. sei es ein wenig anssührlichcr geschildert. E i n Bewußtsein ist in dem Verhältnis des Menschen zu Gott wesentlich, das Bewusttsein, geschaffen zu sein. Indem der Mensch sich als geschaffen, als erschaffen, als endlich cinpsindet, empfindet er mit verdoppelter Wucht Gott als den Unendlichen und Ewigen, als den Unnennbaren. Seine gewaltige Größe tritt vor den Menschen hin, er ist hoch über aller Erde und aller Welt und ganz und gar unterschieden von allem Irdischen und aller Natur. Aber diese gewaltige Größe wird nun nicht zum Grausigen und Entsetzlichen, vor dem man in Zittern und Furcht erstirbt, sondern in iencnt unbegreiflichen Geheimnis, das nun eben das Eigenartige der jüdischen Religiosität ist, tritt zu dem Gefühl der Ferne Gottes, das entgegengesetzte der unbedingten und selbstverständlichen 'Nähe Gottes. Und mit einer geflissentlichen Betonung lverden diese beiden Elemente der Ferne und der Nähe, des Abstandes und der Zugehörigkeit nebeneinandergcstellt und in eine m Gesühlserguß, in e i n Bekenntnis verwoben. So spricht der Psalmist von Gott, „der so hoch thronet und so tict hernicderschaut" (Ps. 113, 5. 6.), so läßt der Prophet Gott von sich reden: „hoch und heilig throne ich, — aber ich bin zugleich mit den Niedergeschlagenen und dem. der gebeugten Gemütes ist" (Iesaia. Kap. 57,15). In dieser Spannung hat die jüdische Religiosität ihr Eigenes und Besonderes: hier ist zugleich Haben und Suchen, ein Hinauslangen nach dem Fernen und die Gelvißheit, daß die Ferne zu dem endlichen Menschen herniedersteigt. Gelvißheit des Besitzes ist da und doch nicht die Gewißheit, die alle eigene Mühe überflüssig macht, die Spannnng wird so zur Sehn s n ch t. Und weil sie zur Sehnsucht wird, kann sie nie in die Mystik sich verlieren, die den Gott in den Menschen sich eingießen itnb mit ihm eins lverden läßt und alle Entfernung aufhebt. Indem die jüdische Religion in solchem Spannnngsgesühl sich ergeht, bewahrt sie die Ehrfurcht vor dein Rätsel in Welt und Leben, verlvischt sie nicht das Rätselhafte und Geheimnisvolle der Welt und der Mcnschenexistenz und zeigt dem Menschen seine Grenzen. Und welches ist die Zlveite große Paradoxie des Religiösen. das ziveite Hanptstück jenes nie erlöschenden Spannnngsgesühles? Dev Mensch ist geschaffen, ist Geschöpf Gottes und soll doch zugleich Schöpfer sein. Er empfängt sein Leben ans der Hand Gottes, ist Objekt, Gegenstand seines Wirkens, ist lvie ein Nichts in seiner Hand, voller Ohnmacht gegenüber dem Geschick, das Gott ihm bereitet: und zugleich ist er im Reiche der Tat Schöpfer und Gestalter. Er gestaltet die 'Welt der Sittlichkeit: daß sie ersteht und nicht bloß Ideal. Forderung bleibt, ist fein Werk, sein Eigenes muß er hineingießen, und sie ist erst Welt der Sittlichkeit, wenn er sein Eigenes hineingcgossen hat. In dieser Freiheit des Schaffens, die keilte Religion so ansgebildet hat wie das Judentum mit seinem klassischen Satz: „alles ist in der Hand' Gottes, nur nicht die Ehrfurcht vor Gott", und neben ihr das Bewußtsein des GeschassenseinS ist das Besondere am stärksten, das jüdische Religiosität kennzeichnet und sie von jeder anderen scheidet und unterscheidet. Und imlner lvieder ist hier alles ans die Spannung, aus die Sehnsucht des Euchens nach dem Vereinen des Gegensätzlichen gestellt. Der Gott der sich schenkenden Liebe wird zugleich der Gott der strafenden Gerechtigkeit. Er lvird es im elvigen Suchen des Menschen. Gott hat den Menschen geschaffen, und doch steht er Gott als selbständige Persönlichkeit gegenüber, und täglich und stündlich muß die Demut ansgebracht werden, trotz dem Genilil des Schövserseins sich als Geschöpf zu fii!jlyn,_ und die freie Würde, trotz denr Gefühl des Gescvasfenseins sich als Schöpfer zu empfinden, setzt sich das Illdelttum dem bloßen 'Abhängigkeitsgefühl, in dem Schlciermacher einst vom christlichen Empfindell aus das Wesen der Religion erschöpfen wollte, entgegen und gibt der Demut einen ganz anderen Inhalt und erweitert sie durch den Einschlag der Ehr-' furcht, denn Ehrfurcht ist das, dies Gefühl des Geschöpfes, mit Schöpferkraft begabt zu sein, hier ist das Drängende mit» Dehnende der Spannung. Die dritte große Paradoxie des Glaubens ist der Gegensatz, der in den tiefsten Diesen der Menschenseele zum Ausdruck kommt, der Gegensatz zrvischen der Bedeutung des Menschen als Ebenbild Gottes und seiner Begrenztheit, der Kontrast zwischen dem Ziel, das ihm gesteckt ist, das er sich selbst steckt, und dem .Uirückbldben hinter dem Ziele, hinter dem Ideale. Das Sittliche ist Aufgabe, und doch bleibt es stets Aufgabe und ist nie erreicht und vollendet. Die Seele h a t ihre Reinheit und muß sie doch in der Freiheit der Wahl des Tuns immer wieder erst s nchen und sich ^als Ziel setzen, und diese Reinheit muß in steter Sehnsucht und Spannung erstrebt werden. Und bleibt der Mensch nicht bloß hinter dem Ideal zurück, sondern handelt er gar dagegen, dann ist die Sünde da und mit ihr der Ausgangspunkt zn neuer Paradoxie. Denn das ist nun der letzte Ausdruck dieses Spannnngsgesühles, daß in dem sündig gewordenen Menschen die Sehnsucht nach dem Göttlichen wiedererwacht, und in dem Geheimnis der Versöhnung verbindet sich das Getrennte tvieder, der von Gott

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