KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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aber hat die Pflicht, vor allem sein Tun mit diesen Geboten in Einklang zu bringen. Den Inhalt deS Judentums sah Nathenau in dem dogmenlosen Bekenntnis zur göttlichen Einheit, das dem Menschen keine anderen Bindungen auserlcgt als diese Pflichterfüllung. Mag RathenauS Stellung zum Judentum und namentlich zu den herrschenden religiösen Lehrmeinungen in seinen ersten Werken überaus kritisch und ablehnend gewesen sein, mag manches, was er damals schrieb, überholt sein, eines wird sich auch schon aus diesen Schriften feststellen lassen, der Drang, sein Festhalten m» Judentum vor sich und gegenüber der deutschen Umwelt zu begründen. Wir wissen, daß das Problem „Deutschtum und Judentum" so vielfältig behandelt ist, daß die Lösungen, die für diese Frage gesucht wurden, heute bereits Bände füllen: aber wir wissen auch, daß über allen papiernen Lösungen eines steht, was uns zu inncrft erfüllt, das Gefühl für diese in uns vorhandenen beiden Werte, denen wir versuchen gerecht zu werden. Man wird Rathenaus Stellung zum Judentum nicht richtig beurteilen, wenn man nicht auch aus seinen Schriften, in denen er sein Verhältnis zum Judentum offenbart, dieses Gefühl als Grundlage seiner Betrachtungen erkennt. Der Wert aber, den seine Stellungnahme zum Judentum für die deutsche Judenheit hat, liegt nicht allein in der Gewinnung dieses Standpunkts, — beim den teilt er mit vielen anderen und die Erkenntnis, daß nicht theoretische Erörterungen und Pläne, sondern das lebende Gefühl in unserer Brust den Maßstab für unser Wollen abzugeben hat, muß sich auch ohnehin Bahn brechen — sondern darin, daß er die Neligiosität, abseits von allen Lehrmeinungen, auf ein Piedestal stellt, von dem sie niemand stürzen kann: daß nämlich nicht derGlaube an Vorgänge, sondern die Vorgänge s e l b st die wahre Neligiosität ausmachcn und daß daher der einzelne Neligiosität lediglich dann zeigen kann, wenn seine Lebensführung den Normen höherer Sittlichkeit folgt. Nur der Mensch darf also als religiös bezeichnet werden, der durch sein Handeln wahrhaft sich in den Dienst der menschlichen Gemeinschaft stellt. Das Judentum, zerstreut unter allen Völkern der Erde, erhält hierdurch seine erhöhte Bedeutung und seinen eigentlichen Inhalt; jedes einzelne seiner Glieder hat die Aufgabe, durch sein Tun dieser seiner Religion zu dienen, durch sein Beispiel der Umwelt Ansporn und Befruchtung zu leihen. Rathenau hat für sich dieses Vorbild in die Tat umgesetzt. Die geradezu kindliche Reinheit seines Wollens blieb in allen Dingen Leitstern seines Handelns, die untadeligste Vornehmheit seiner Gesinnung zeichnete seine Lebensführung ans. Wenn Walter Rathenan in einer Welt, die sich gegenseitig nicht mehr versteht, dennoch mit seinen nur dem Dienst an der Menschheit gewidmeten Worten uneingeschränkte Anerkennung finden konnte, so ist dies lediglich aus der Kraft seiner Persönlichkeit zu erklären; denn auch die schönsten und edelsten Vorschläge können nur dann überzeugen, wenn der Mensch, dem sie entstammen, selbst groß und edel ist. Die Menschheit kann aus ihrer schweren Bedrängnis nur durch Menschen erlöst werden, die Rathenan hierin gleichen, deren Gedanken nicht darauf gerichtet sind, ob durch ihr Tun dieser oder jener Gruppe persönliche Vorteile erwachsen, sondern die bestrebt sind, durch gegenseitiges Verständnis und in gegenseitiger Achtung allen Völkern Glück und Wohlsein zu schassen. Der Jude, der durch seine Vergangenheit mehr als jeder andere auf das Gefühl der Gemeinsamkeit aller Völker hingewiesen wird, hat die ganz besondere Aufgabe, die Verständigung zwischen den einzelnen sich scharf befehdenden Gruppen der Menschheit zu vermitteln und den Schnitt — sowohl den vertikalen wie den horizontalen — zwischen den Völkern zu Überdrücken. Rathenau ist in Erfüllung dieser selbst gestellten Aufgabe gestorben, er erlitt zwiefachen Märtyrertod. Er starb einmal für das deutsche Volk und für die Menschheit; sein Tod förderte die Einsicht, daß der Weg, den die vom Machtgefühl mißleiteten Sieger eingeschlagen haben, ins Unglück nicht nur für die Besiegten, sondern für die ganze Welt führen müsse. Daß gerade die dauernden Bedrängungen, die Deutschland von seinen erbarmungslosen Gegnern erfahren hatte, Ursprung jener Strömungen werden mußte,. die nur auf Rache und Vernichtung sinnen, und daß in ohnmächtiger Wut Taten wie die Ermordung Rathenaus geboren wurden, wurde einsichtigen Gegnern klar und ebenso, daß auf dem angeschlagenen Wege der Menschheit Glück und Frieden niemals erblühen können. Auf der anderen Seite ist Rathenau auch für das deutsche Judentum gestorben. Denn nach der grauenvollen Tat brach sich in den weiten Kreisen Deutschlands, soweit sie nicht der Haß vollends verblendete, die Erkenntnis Bahn, daß der Antisemitismus, besonders in der Form, in der ihn die völkischen Organisationen predigen, eine schwärende Wunde am Körper des deutschen Volkes ist, und mancher, der bislang die verhetzenden Phrasen völkischer Agitatoren gedankenlos nachgebetet hatte, ging in sich. So starb dieser Mann, der in Menschenliebe reiner Geistigkeit allem Rtachtgedanken abhold war, dafür, daß er im Dienst der von ihm vertretenen Ideen sein bestes hergab, als Opfer des Hasses und der Rache.