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KC-Blätter · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 47

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Journal
KC-Blätter
Volume
1922
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 lung des alten Lehnsstaates über den absoluten Staat zum Rechtsstaat erleichterte den Juden ihr Schicksal. Ter Sturz der Ghettomauern erstickte andererseits in ihnen die beherrschende Kraft des religiösen Elements. Aus der Unterordnung der weltlichen Gefühle unter die bindende Gewalt der religiösen Weltanschauung entwickelte sich ein Koordinationsverhältnis. Tie Religion, ihr Judentum, -wurde ihnen zur bloßen Denkkategorie- In der stürmischen Entwicklung, welche die beginnende Emanzipation heraufführte, ließen sich allmählich verschiedene Strömungen unterscheiden. Ein Teil der Juden — und es waren keineswegs die miilderwertigsten — gingen völlig in der Umwelt auf, in der sie lebten, warfen die angeblichen Fesseln der Religion ab, um dafür — aber nur scheinbar wegen ihrer Taufe — teils hervorragende Stellungen im geistigen und gesellschaftlichen Leben einzutauschen (vgl. Rahel Barnhagen, Henriette Herz, Johanna Schlegel), teils um bitterste innere Enttäuschung (vgl. H. Heine' unter ihnen zu erleben. Gerade diele sind ihrer Sinnesart nach immer Juden geblieben, wenn auch ihr Weltgefühl sich den Tendenzen der Zeit anpaßte. Hierin lag ein Wendepunkt. Die zunehmende Veränderung des Gemeinschaftslebens und der politischen Gestaltung, ursächlich veranlaßt durch das Aufkommen neuer Wirtschaftsformen, mußte die Religion in den Hintergrund drängen. So wurde sie im Laufe der Entwicklung, deren Schlußstein die Zeit vor Kriegsausbruch ist, auch dem Juden zur Samstags- oder Feiertagsangelegenheit; vertrauensvoll ü.nd mit einem gewissen Gefühl der Selbstzufriedenheit überließ er ihre Pflege den berufenen Seelsorgern. Dieser Bewegung fehlte der persönliche Antrieb, die treibenden Kräfte schienen jenseits des Aktionsradus' menschlicher und im engeren Sinne jüdischer Willensbetätigung verankert zu sein. Um es schärfer zu formulieren: In den Jahren vor dem Kriege sah es so aus, als d'b die Religion ihren Sinn verloren habe. Ihre ethischen Prinzipien ließen sich nicht verwirklichen, ihre praktische Anwendung versagte da, wo sie zur Linderung der Not bei den Opfern des Maschinenzeitalters berufen zu sein schien. Zwischen die Einzelmenschen, zwischen Staat und Bürger, schob sich sein wirtschaftlicher Zweck, seine Bestimmung als verdienendes, arbeitendes, sparendes und zahlendes Zwecksubjekt; „die Wirtschaft war Schicksal geworden", (Walter Rathenau in seiner Rede im München 1921) sie wurde zum Zielfaktor menschlichen Denkens und Handelns. Stärker und größer wurde der Zustrom in die Städte, komplizierter und rationalistischer die Denkmethode, heftiger der „Kampf ums Dasein". Es war erklärlich, daß es für den Juden besonders schwer wurde, Stellung zu dieser Entwicklung zu nehmen. Nicht allein waren — wie bereits ausgeführt — die Grundlagen des religiösen Denkens andere geworden, sondern auch der Begriff vom Menschen, wie chn mündliche und schriftliche Überlieferung geschaffen, hatte sich verändert. Hinzu kam, daß sich diese Zeitbewegung ihre religiöse Weltanschauung selbst schuf in dem Monismus, dem geistigen Materialismus Häckels und Ostwalds, umgekehrt nach dem Goetheschen Satze: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut." Von großem Einfluß war sodann die Haltung, welche der Staat seinen jüdischen Bürgern gegenüber einnahm. Er forderte Pflichterfüllung, kargte dagegen mit den Rechten. Eine Zeitlang galt, um mit Heine zu sprechen, die Taufe als Eintrittskarte für die Welt des Beamten- und Offiziersstandes. Ein Teil der deutschen Juden erlag der Verlockung der bunten Röcke und der langen Titel, brach die Verbindung mit den Glaubensgenossen, assimilierte sich radikal durch die Taufe. Wieder andere hielten an den ethischen Prinzipien der Religion ihrer Väter fest, verneinten sie dagegen in der äußeren Form; zu ihnen gehörten die Mitglieder der sogen. Reformgemeinden, von Zeitgenossen ist W- Rathenau als Beispiel für diesen vollendeten! Typ des assimilierten Jude n zu nennen. Aber diese Entwicklung entsprach nur zeitweilig dem Zeitbedürfnis; der Siegeszug der Naturwissenschaften wirkte sich auch in den politischen Vorstellungen aus. So übertrug man Lehren der Biologie auf die staatsbürgerlichen Eigenschaften des Einzelmenschen, führte Begriffe wie „Kreuzung von niederem und höherem Blut" ein und erkannte die Wurzeln alles Übels in der Verschiedenheit der Rasseeigenschaften. Voraussetzung dieser Ideologie war die Auffassung von einer reinen germanischen Rasse, deren Existenz heute kein ernst zu nehmender Forscher mehr zu beweisen imstande ist. Gerade die Untersuchungen moderner Historiker, wie von Lamprecht und Goetz, haben gezeigt, daß der durch die Geschichte entwickelte deutsche Kulturbegriff gerade auf der Mischung der einstigen auf Rassegrundlagen aufgebauten Sonderkulturen beruht. Nichtsdestoweniger war die jüdische Rasse nun einmal zum Schreckphantom des „wissenschaftlichen" Antisemitismus geworden, keine Taufe konnte die Kluft überbrücken. Vielleicht die Heirat, die Mischehe, in welcher sogar ein Gustav Schmoller aus den nachgelassenen Aufsätzen „der Weisheit letzten Schluß" sah. Eine logische Folgerung dieser biologischen Weltanschauung müßte' der Begriff des religionslosen, sogar christlichen Juden sein, eine Möglichkeit/ die an sich schon ein Widerspruch in sich selbst ist, weil sie Grundanschauung und Zweck des Judentums falsch bewertet. Die Lage der Juden in Deutschland mar aber keineswegs klar zu bestimmen. Teilweise im Schatten der Entwicklung, welche in den Jahrzehnten vor dem Kriege in Deutschland vor sich ging, vollzog sich ihre Assimilation, mit oder ohne Willen der Betroffenen. Die Feindschaft der Andersgläubigen hielt sie zusammen, vielleicht fester, als es der Grundanschauung der einzelnen entsprach. Es wetterleuchtete, als der von Herzl dogmatisch begründete Zionismus an Bedeutung und Einfluß gewann. Gewiß mag man das Dasein spezifisch jüdischer Eigenschaften und Rassemerkmale nicht zu leugnen, sogar nicht einer ursprünglichen jüdischen Rasse. Daß diese sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte verändert, Eigenschaften der Umwelt angenommen hat, muß ebenfalls berücksichtigt werden. Für das Postulat vom jüdischen Volk aber ist nicht Mein Gemeinsamkeit der Rasse, sondern des nationalen Bewußtseins, der Wille zum Staate und zu einer politischen Idee vornehmste Lebensbedingung. Dies letztere scheint jedoch entschieden dem Grundcharakter des Judentums zu widersprechen, dessen Aufgabe nicht in der Förderung politischer Interessen, sondern in der Versinnbildlichung eines metaphysisch Gewollten liegt. Letzten Endes ist die politische Judenfrage verankert in dem Verhältnis, welches zwischen den Juden uird ihren Mitbürgern besteht. Wäre die Toleranz gegenüber den Juden, wie sie Amerika, England u,sw. üiben, auch in den Ländern des Ostens gewahrt, dann sähe diese Judenfrage heute anders aus. Eine Reaktion . gegenüber dem Assimilantentum ist der Zionismus gerade deshalb nicht, weil .er nicht vom Supremat des Religiösen im Judentum ausgeht, sondern dieses als nebensächlich behandelt. Vermöchten wir die Zeichen der Zeit richtig zu deuten, so würde uns nicht eine bange Frage auf den Lippen schweben, die Frage nämlich nach der Zukunft der deutschen Juden. Ebenso schwierig wie das Problem selber — man denke an Wassermanns Bekenntnisbuch — ist die Beantwortung der Frage. Noch sind

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