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KC-Blätter · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1922
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 den. berühmten deutschen Philosophen Christian Wolfs (1679—1754) ansprechen, den Begründer der deutschen Aufklärung, der lange vor Rousseau den Satz aufstellte: alle Menschen sind gleich. Was aber den historischen Materialismus anbetrisst, so hat Marx ihm allerdings die streng philosophische formal-logische Fassung gegeben, aber seine hauptsächlichen Gedankengänge rühren von dem bereits erwähnten Franzosen Saint Simon her, der die Theorie fast mit denselben Worten wie Marx formulierte, ferner von Hegel und F e u e r b a ch. Wie fern diese ganze Denkweise dem Judentum lag, geht aus der Tatsache hervor, daß die so hochentwickelte jüdische Geschichtsforschung bis vor kurzem die Wirtschaftsgeschichte überhaupt vernachlässigt hat — sehr zum Schaden der historischen Erkenntnis. Aber wie viele unter den zahllosen Lesern .Blühers haben von all den Dingen auch nur eine blasse Ahnung? Blüher ist nämlich eine geistige Macht im heutigen Deutschland. Seine Gemeinde zählt Hunderttausende unter den 20 jährigen, den unreifen, halb- und viertelgebildeten aller Stände, besonders der st u d i e r e n d e n Jugend. Von Chamberlain übernahm er -die überlegen tuende geringschätzige Art, von der „berufsmäßigen" Wissenschaft zu sprechen, eine Art, die den Jugendlichen, des ernsten Studiums überdrüssigen so sehr imponiert und über die Maßen gefällt, weil sie ihrem Dünkel schmeichelt und 'sie der mühseligen und langweiligen Geistesarbeit enthebt. Wenn einer schreibt: „die Professoren und die sonstige Intellektuale" oder: „D a r w i n i st c n und andere Nichtkenner der Natur", so wirkt das förmlich erlösend auf die jugendlichen Gemüter, die ihren Durst lieber am Frühschoppen befriedigen als an den Quellen der Wissenschaft, die im Laboratorium, im Hörsaal und in der Bibliothek sprudeln. Über Blühers Schriften braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen wie über die der Darwinisten und der anderen Jntellektuallie. Sie wirken wie das beste schäumende Bier, das in die Fäuste und jn die Beine fährt, und das, neben verwandten Getränken, auch bei den niedlichen Vorbereitungen zum Weltpogrom, die wir bisher erlebt, bekanntlich keine ganz untergeordnete Rolle gespielt hat. Blüher konstatiert, daß die deutschen Arbeiter bereits an gefangen haben, sich vom jüdischen Sozialismus abzuwenden, und die Zeit ist nahe, in der sie einsehen werden, daß sie von ihren jüdischen Führern betrogen worden seien. Dann werden die Arbeiter wohl den Hauptkontingent zu dem kommenden Weltpogrom liefern. Blüher findet, daß die Judenfrage erheblich verwickelter sei, als der sonst so klarsichtige Chamberlain es meint. In einem umfangreichen Werk „Die Aristie des Jesus von Nazareth", das zwischen den beiden eingangs genannten Schriften liegt, hat er Chamberlains Rassentheorie eine neue Wendung gegeben, indem er ihr ein paar Tröpfchen Nietzscheanischen Übcrmcnschentums beigemengt. Aber seine Wirkung ist viel breiter und verderblicher, als die seines Vorgängers. Denn er trifft einen viel besser vorbereiteten Boden, und da er ungleich flacher und zugleich brutaler ist, als Chamberlain, so hat er schon jetzt einen viel größeren Zulauf. B. S c g e l. Zeittendenzen und Afiimilation in der deutschen Judenbeit. Aus einem Referat, erstattet in einer Fuchsenstunde der „Nassovia". Von Rudolf Selig (Nass.). Die Zeit, in der wir leben, ist nach ihrem Sinn keineswegs eindeutig. Der Krieg, der beinahe 5 Jahre getobt hat, ist nicht spurlos am Gesicht der Menschheit vorübergegangen, überall hat er in ihr Antlitz tiefe Furchen eingegraben; neue Strömungen machen sich bemerkbar, neue Erscheinungen sind im Werden. Doch am Kernproblem heftet sich noch immer der Blick des Menschen; denn der entscheidende Zielsatz scheint dieser zu sein: Soll das Leben der Zivilisation allmählich wieder Vorkriegszüge annehmen, soll eine Rückwärtsentwicklung stattfinden, oder soll ein neuer Geist dem Zeitgenossen-neue Lebensanschauungen erschließen? Leider sind wir heute noch nicht imstande, uns auf feste Grundlinien zu einigen. Zwar können wir sagen, daß die Marschroute sichtbar eine andere zu werden beginnt. Hier, -in der Jugend, gärt es, es regt sich ein neues Streben, nach „Liebe und Einheit durch Arbeit und Reinheit", wie es von freideutschen Führern so schön gekennzeichnet wurde. Dort, bei den Intellektuellen, machen sich vereinzelt ähnliche Tendenzen bemerkbar; sie steigen hinab in die Schächte der menschlichen Seele und suchen dort ein religiöses Bewußtsein emporzufördern. Die Ringenden reihen sich aneinander in der Marschlinie, sie fühlen es innerlich, daß ihr Ziel das Streben nach dem wahren Sinn des Lebens ist. Darum -gilt ihr vereinter Kampf der „Verwirtschaftlichung des -Lebens", wie O- Spann, der Wiener Soziologe, es treffend ausgedrückt hat. Ein anderer Teil jener Schichten, ein großer Teil der Jugend, kommt nicht hinweg über. die Schatten der Vergangenheit, erklärt die Hinneigung des einzelnen zur Volksgesamtheit als im Instinkt an Rasse begründet und verliert -im romantischen Schwärmen für die Vergangenheit den Anschluß an die Gegenwart. Dies sei ein Bild der Zeit, in der tvir leben, einer Zeit, aus deren Tendenzen und Symptomen den Beweisschluß ziehend, Osw- Spengler dem Abendland die innere Erschöpfung prophezeit, einer Zeit, in der sich auch im Judentum die völkischen Triebkräfte mächtig regen. Und in dieser Zeit läutet auch ein jüdischer Zeitgeiwsse, Felix Theilhaber, dem deutschen Judentum das Totenglöcklein, sein Wort vom „Untergang der deutschen Juden" scheint ein letztes Warnungssignal zu sein. Deutscher Jude! Bedeutet dieser Ausdrück an sich nicht schon -etwas von jener Assimilation, die im Mittelpunkt dieser Darlegungen stehen soll? Denn mit diesem Begriff scheint ein Zusammenhang zu bestehen, der wohl ganz gesondert im Rahmen der Gesamtprobleme dasteht. Ist es wicht etwas anderes, wenn man von amerikanischen, französischen, dänischen — und russischen, polnischen Juden beispielsweise spricht. Hier scheint ein Fingerzeig für den Weg, der zur Lösung führt; das ist jedoch noch des näheren zu begründen. Über den Spezialausdruck „Assimilation" nähere Ausführungen zu machen, erübrigt sich von selbst. Je nach der Auffassung, die der einzelne vom Judentume hat, kann er die Begriffe „Ungleichung" als auch „Entäußerung" gleichsetzen. Der Sinn liegt klar: Es handelt sich um die Frage, wie der Jude durch die Umwelt beeinflußt -wird, welches seine Entwicklung ist. Jn den -Jahrhunderten, da fürchterliche ' Willkür, religiöser Fanatismus und Haß die Juden in den engen Mauern des Ghettos zusammenpferchten, war der Zusammenhang mit der Außenwelt in geistiger Hinsicht verloren. Die Kulturwelt des Juden war eine andere als die des damaligen Deutschen; er gestaltete seine Religion aus und verlieh ihr stellenweise mystische Züge. Obwohl diese religiöse Auffassung keineswegs nach Voraussetzung und Inhalt einheitlich war, mußte sie dem einzelnen vollen Ausgleich gewähren für das fehlende Staats- und Kulturgefühl. Erst die Neuentwicklung in der Zeit der Aufklärung, die Umwand- •■I

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