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KC-Blätter · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1922) · p. Seite 10

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Journal
KC-Blätter
Volume
1922
Issue
Heft 1-2 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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10 von der Erwählung dem Judentum irgend ein Vorwurf gemacht wird, im Gegenteil, wir können darauf Hinweisen, daß wir dem in den europäischen Völkern heimischen Glauben an die Erwählung, der sich darin kundtut, daß man sich als das reinste und edelste Glied der Menschheit und der Völkergemeinschaft betrachtet und sich als zur Herrschaft und zur Macht berufen fühlt, unsere Art gegenüberstellt, die Erwählung als eine sittliche Aufgabe, als einen Dienst zu betrachten. Und es war im Grunde höchst töricht, wenn im vorigen Jahrhundert — zu einem Teil trifft das auch heute noch auf manche Kreise zu — unter den Juden selbst Stimmen laut wurden, man müsse dem Erwählungsgedanken entsagen und das Bekenntnis zu ihm aus dem Gebete streichen, weil er in den Kreisen der Nichtjuden Anlaß zu unliebsamen Mißverständnissen geben und als Ausfluß eines unberechtigten Hochmutes aufgefaßt werden könnte und so den Juden zum Schaden gereichen müßte; man hätte angesichts seines tiessittlichen Inhalts nur um so energischer sich zu ihm bekennen müssen, und man muß es auch heute tun und dem Erwählungsgedanken getreu seinem Ursprung die Fortführung geben, daß wir uns bei dem Zusammenbruch der öffentlichen und persönlichen Sittlichkeit in der Welt die Aufgabe und Pflicht zumessen, durch unsere Lebensführung und die Reinheit unserer Selbstheiligung die Führung in dem Aufbau einer neuen Welt zu übernehmen. Um nun aber für unser Empfinden dem Erwählungsgedanken seine BÄeutung zu sichern und ihn mit Willen und Freudigkeit unserem Bewußtsein einzufügen, genügt vielleicht diese Abwehr von Angriffen nicht, sie rst ja schließlich nur ein Negatives, der Nachweis, daß mit dem Glauben an die Erwählung Israels hochmütige Überhebung und beschränkende Enge nicht verbunden ist; wir verlangen aber nach Positiven:, wir müssen ihm eine positive Stütze geben. Das geschieht, indem wir erkennen, daß das Bewußtsein der Erwählung für uns eine Energiequelle von starkem Strom und Durchbruch bedeutet. In dem sittlichen Inhalt, der mit ihm verbunden ist, um> in der Tatsache, daß das Ziel der Erwählung die Betätigung der Sittlichkeit ist, liegt ein Gegengewicht gegen die Überschätzung der Zahl. Sittlichkeit trägt ihren Eigenwert in sich und ist unabhängig von Zahl und Majorität. Indem wir teilhaben an der Erwählung, verliert vor uns selbst die Tatsache, daß die erdrückende «Mehrheit der Menschen unsere Ideen ablehnt, und selbst, wenn sie in Wirklichkeit auf dem Wege zu ihnen ist, dies nicht zugeben will, ihre erbitternde Schärfe. Hier liegt der starke Antrieb, den Willen zum Widerstand gegen die Überzahl zu entzünden, von hier wird dem Sichbehaupten das sittliche Pathos gesichert. Darüber hinaus aber noch kommt in der Lehre von der Erwählung gerade das Religiöse des Judentums zun: Durchbruch, das Weite uird Umspannende der jüdischen religiösen Idee, ihr Universalismus. Wo nämlich Religion national begrenzt bleibt, ist die Verbindung von Gott und Mensch auf Notwendigkeit gegründet, da ist weder von der Freiheit Gottes die Rede, mit Menschen zu einem bestimmten Plane ein Band zu knüpfen oder dieses Band aus sittlichen Gründen zu lösen, :wch ist da für das freie, aus der Überzeugung geschöpfte Bekenntnis des einzelnen Raum. In dem sittlichen Inhalt der Erwählung liegt der Gedanke eingeschlossen, daß, wer an sie glaubt, an einen Gott glaubt, der jedem Ringenden den Weg zu sich bahnt und jedem die Gotteskindschaft zu eigen gegeben hat und darum jemand zum Träger seiner Botschaft an die Menschen bestimmt hat. Aber damit noch nicht genug, ein Wichtiges, das Wichtigste fehlt noch. Es wird vor allem darauf ankommen, zu zeigen, wie der Erwählungsgedanke mit der jüdischen Frömmigkeit verbunden ist, wie er verheißungsvolle Elemente der Frömmigkeit in sich trägt. Denn das ist noch nicht das Wesentliche, daß der Jude bekennt, Gott hat uns auserwählt, die Lehre von feiner Einheit und seiner Forderung an die Menschheit und der frohen Kraft des Menschen durch die Welt zu tragen, sorrdern das ist das Wesentliche, daß in diesem Bekenntnis die Grundgefühle sich auswirken,' die nach jüdischer Denkweise zu aller Frömmigkeit gehören. Zwei Grundgefühle müssen lebeiwig sein, damit von einem Menschen gesagt werden kann, er sei fromm, das Gefühl des Geführtwerdens durch Gott und das Gefühl der eigenen schöpferischen Tätigkeit. Das Bewußtsein des Geführtwerdens ist das Geheimnisvolle, Dunkle, Unerklärbare, Rätselhafte, um es mit einem modernen Worte zu sagen, das Irrationale, ohne das es eine wahrhafte Frömmigkeit nicht gibt; es ist nie mit dem Verstände zu enträtseln, nie gänzlich zu entschleiern, nur mit dem Gefühl und dem Glauben zu greifen: daß Gott uns führt, wie er uns führt, wohin er uns führt, warum er den Menschen diesen Weg führt und nicht einen airderen, ihn dieses Schicksal durchschreiten läßt und nicht ein anderes, das ist das ewige Geheimnis; es als solches zu empfinden, ist das Metaphysische der Religion, die eigentliche Wurzel des religiösen Bewußtseins. Und,in dieses Irrationale, Geheimnisvolle, Gefühlsmäßige mischt sich nur: der Einschlag des Bewußten, die Einsicht in die Kraft, die in uns gelegt ist, die Einsicht in die Aufgabe, die uns gestellt ist und die wir Menschen zu erfüllen haben, das Selbsttätige, Schöpferische, das Baurneisterliche, das wir aus Eigenem zu leisten haben, und aus dem Zusammenklang dieser beiden Elemente wird nach der jüdischen Auffassurrg die Frömmigkeit geboren, keines darf kehlen. Fehlt das Bewußtsein von dem Geheimnis des Geführtwerdens, so ist, selbst wenn man den Hochmut des Vertrauens auf die eigene Kraft vermeidet, vielleicht Ethik da aber nicht Religion, fehlt das Bewußtsein vom Schöpferischen und der selbständigen Zielstrebigkeit des Menschen, so ist wohl Erlösung da und Geheimnis aber nur Geheimnis und nicht die für die jüdische Auffassung unentbehrliche Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit. Und diese beiden Grundelemente klingen in dem Bewußtsein der Erwählung au. Warum Gott Israel erwählt hat, warum er es diesen Weg geführt hat, den es bisher gegangen ist, warum er ihm als Folge seiner Erwählung den Weg des Leidens bereitet hat, tvarum er die schwere Last auf seine Schultern gelegt hat, welchen Plan er in der Führung der Welt mit Israels Erwählung hatte und hat, das ist das Geheimnis, wir können es nicht wissen, nicht ergrübeln und erforschen, wir können nur im Tiefsten fühlen; wir werden geführt, zimmern uns nich: unser Schicksal selbst, Gott webt es uns; wir können hier nur glauben, demütig uns aus die Wahrheit unseres Gefühls und des von den Generationen von Juden vor uns Gefühlten verlassen. In dieses Irrationale webt sich dann aber das Eigene, Selbsterschaute des Juden, seine Schöpfertat, denn in der Sittlichkeit, deren Inhalt und Ziel die Erwählung ist, ist der Mensch, der Jude, Schöpfer und kann nie die Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit verlieren, hier hat er eine Aufgabe und deren Erfüllung ist sein Werk. So verwebt sich in dem Bewußtsein der Erwählung Geheimnis und Klarheit, Demut und tätiges Schaffen, so sind hier die zwei Grundel erneute der Frömmigkeit unauflöslich initeinander gemischt. Viele Wege gehen die Menschen, bald kommt man von sich aus zur Gemeinschaft, bald von der Gemeinschaft zu sich, beide Wege muß j^rer Mensch in jedem Augenblick seines Wachseins gehen. In unsere jüdische Gemeinschaft sind wir hineingestellt, und indem wir in der Zugehörigkeit zu ihr mit den:

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